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Mund-Nasen-Schutz

Großstadt ohne Maskenpflicht: So fühlt es sich wirklich an

Im Urlaub hat tipBerlin-Redakteur Erik Heier zehn Tage in Rotterdam verbracht. In der holländischen Großstadt gab es zu dieser Zeit quasi keine Maskenpflicht: weder im Supermarkt noch im Bekleidungsgeschäft noch im Restaurant. Nur in öffentlichen Verkehrsmitteln war der Mund-Nasen-Schutz vorgeschrieben.

Eine traumhafte Vorstellung für alle, die sich in Deutschland in einer Corona-Diktatur wähnen und bei Mundschutz von einem „Maulkorb“ sprechen. So fühlt sich Großstadt ohne Maskenpflicht wirklich an.

Rotterdamer Bar- und Restaurantmeile Witte de Withstraat Ende Juli 2020: Was denn für ein Coronavirus? Foto: Erik Heier
Rotterdamer Bar- und Restaurantmeile Witte de Withstraat Ende Juli 2020: Was denn für ein Coronavirus? Foto: Erik Heier

Jetzt stehe ich in diesem Rotterdamer Aldi-Markt und weiß nicht, was ich zuerst tun soll. Wildfremde Leute anschnauzen? Sofort wegrennen? Oder mich gleich freiwillig in eine 14-tägige Corona-Quarantäne einweisen? Alles drei hintereinander wäre keine üble Idee, denke ich. Und ringe um Fassung.

In deutschen Großstädten ist die Maskenpflicht normal – in Rotterdam war das noch nicht so

Ein paar Tage zuvor. Als ich mit dem Auto die Grenze überquere, ist dieses mulmige Gefühl sofort da. Ich habe mich daran gewöhnt, im Supermarkt einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. In Restaurants nehme ich nur an Außentischen Platz. Maskenfreie Demonstranten ohne Mindestabstand und Mindestfaktenwissen umgehe ich weiträumig. Und von den wilden Raves in der Hasenheide halte ich mich schon deshalb fern, weil mir der Wummer-Bass aufs Gemüt schlägt.

Ich nehme die Pandemie ernst. Ich glaube Wissenschaftler*innen wie Christian Drosten oder Mai Thi Nguyen-Kim. Ich sehe ja, wie das Virus in Ländern wütet, die damit Schwierigkeiten haben. USA, Brasilien, Großbritannien. You name it.

Überall weisen Schilder auf die Corona-Verhaltensregeln hin

Und jetzt fahre ich also für zehn Tage zum Urlaub nach Rotterdam – ausgerechnet in eine Großstadt, in der es keine Maskenpflicht gibt. Nicht im Supermarkt, nicht im Museum, nicht in Restaurants, nicht in Bars. In Holland gibt es keine Verpflichtung, Mund und Nase zu bedecken, als meine Familie und ich einreisen. Außer ab einem Alter von 13 Jahren in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auch auf Fähren.

Dafür weisen überall Hinweisschilder auf die geltenden Verhaltensmaßregeln hin. Eineinhalb Meter Abstand halten. Menschenmengen meiden. Gemeinsam das Coronavirus bekämpfen. Über der Autobahn leuchten die Buchstaben alle paar Kilometer. Irgendwie beruhigend und auch wieder nicht.

Aber trotzdem: keine Maskenpflicht in dieser Großstadt?

Wir wohnen ein bisschen außerhalb, nicht im Zentrum. Der erste Test für das maskenfreie Gefühl: ein naher Supermarkt der Kette Albert Heijn. Vor dem Eingang steht ein Tisch mit einer Flasche Desinfektionsmittel für die Hände, einer Sprühflasche und einer Tücherrolle für die Einkaufswagen zum Selbernehmen.

In Deutschland habe ich so etwas zuletzt zu Beginn der Pandemie bei einem Biomarkt gesehen. Nur ohne das Desinfektionsmittel. „Ist geklaut!“, hatte ein Biomarkt-Mitarbeiter mit den Schultern gezuckt. Es war die Zeit, als auch aus Kinderkrankenhäusern Desinfektionsmittel verschwanden.

Im Supermarkt ist das mulmige Gefühl sofort wieder da

Vor dem Albert-Heijn-Markt greife ich beherzt zum Desinfektionsmittel. Gucke auf die anderen Einkaufsgäste. Jede*r desinfiziert Hände und Wagen. Irgendwie beruhigend. Dann also rein in den Markt. Das mulmige Gefühl ist wieder da. Niemand trägt einen Mundschutz. Ich überlege, ob ich meinen aus der Hosentasche holen soll. Entscheide mich dagegen. Will nicht gleich auffallen. Das mulmige Gefühl wird stärker.

Albert Heijn, das ist kein Supermarkt, das ist eine Einkaufshalle. Riesige, schier unendliche Gänge. Nicht ganz billig. Nur eine Handvoll Leute rollen ihre Wagen umher. Immer mit Abstand. Eine ältere Dame kommt mir entgegen. Sie hustet. Ich wende meinen Wagen ruckartig, schiebe ihn in die Gegenrichtung, biege schnell in den nächsten Gang ab. Ein Verkäufer schaut mich grinsend an. Ich mache, dass ich rauskomme. An die frische Luft. Wo der Wind weht, jegliche Aerosole beiseite kegelt. Einmal tief durchatmen.

In den nächsten Tagen wird es besser. Ich gewöhne mich an die Maskenfreiheit im Supermarkt. Es fühlt sich fast an, als wäre Corona vorbei. Oder hätte es nie gegeben. Wie ein langer, böser, irrer Traum.

Dann fahren wir ins Zentrum. Rotterdam hat eine atemberaubende, extravagante Architektur, aus Berlin sind wir ja eher anderes gewohnt, alle möglichen Stararchitekten haben in der holländischen Hafenstadt ihre Signaturen in Beton und Glas hinterlassen.

Das hat auch damit zu tun, dass Deutschland im Zweiten Weltkrieg die Stadt brutal zerbombt hat. Unsere Großväter.

Diese Bootsfahrt, die ist lustig

Es ist ein Wochenende, die Stadt ist irrsinnig voll. Scheint so, als wenn die hiesigen Einheimischen von Touristen nicht ganz so genervt sind wie manche Berliner. Am historischen Hafen geht es noch. Man kann den Leuten ausweichen. Oder gleich aufs Wasser ausweichen.

Auf der Niewe Maas, dem Fluss, der durch Rotterdamm fließt, schippert ein kleines Boot mit Schornstein vorbei, ein schwimmender Whirlpool. Darin haben fünf junge Frauen im Bikini viel Spaß mit ihren Kaltgetränken und der Aussicht auf die Hochhäuser am Ufer. Diese Bootsfahrt, die ist lustig. Die Frauen sitzen ganz eng beieinander. Was heißt eigentlich „Mindestabstand“ auf Holländisch?

Sind bestimmt fünf Schwestern, denke ich bei mir. Na was denn sonst.

Großstadt ohne Maskenpflicht: Eine Bootsfahrt, die ist lustig. Und abstandslos. Foto: Erik Heier
Eine Bootsfahrt, die ist lustig. Und abstandslos. Foto: Erik Heier

Und im Zentrum, an der grandios-imposanten neuen Markthalle und in den Einkaufsstraßen, schieben sich die Passanten dicht an dicht aneinander vorbei. Ausweichen ist Illusion. Vor manchen Läden stehen Mitarbeiter, die die Anzahl der Konsumenten kontrollieren sollen. Einige tun das auch. Anderen ist es schnuppe. Aber auch hier: überall Desinfektionsmittel. In der Witte de Withstraat, der berühmten Gastromeile der Stadt, sind die Kneipen, Bars und Restaurants bestens gefüllt. Hoch die Tassen.

Die Nachrichten melden steigende Infektionszahlen für Rotterdam

Die Nachrichtenportale melden steigende Corona-Infektionszahlen für Rotterdam und Amsterdam. In mehreren Kneipen gibt es Superspreading-Events. Die Amsterdamer Bürgermeisterin Femke Halsema appelliert an Besucher ihrer Stadt, nicht am Wochenende zu kommen. Sondern nur von Montag bis Donnerstag. Am Wochenende könne der Sicherheitsabstand nicht mehr garantiert werden. In Rotterdam ist es genauso. Und das alles ohne Masken. Der helle Wahnsinn.

Und dann fahren wir, auf dem Nachhauseweg, bei einem Aldi vorbei. Der Parkplatz davor ist voll wie bei einem Autokonzert. Ich habe ein ganz mieses Gefühl. „Ihr bleibt hier!“, sagte ich zu meiner Frau und den beiden Kindern.

Es ist ein kleiner Discounter mit engen Gängen. Überall Kunden. Ausweichen ist unmöglich. Ein schneller U-Turn auch. Überall steht irgendjemand und gräbt sich durch die Regale. Keiner mit Mund-Nasen-Schutz natürlich. Ich will meinen anlegen. Greife in die Hosentasche. Verdammt! Er liegt in der Ferienunterkunft auf dem Küchentisch.

Im Aldi: Wie fühlen sich eigentlich Aerosole an?

Also: Mund und Nase zu und durch. Und dann zur Kasse. Die Warteschlange fühlt sich so lang wie damals, als das Moma nach Berlin kam. Ich halte eine Einkaufswagenlänge Abstand. Als einziger. Da schießt von rechts ein anderer Wagen in die Lücke. Ich gucke die beiden Frauen fassungslos an. Kann mich nicht beherrschen. „Halloooo?“

Die beiden schauen erschrocken zu mir. „Oh, sorry, so sorry!“ Und stellen sich hinter mir neu an. Keine 30 Zentimeter von mir entfernt. In meinem Nacken spüre ich ihren Atem. Bilde ich mir jedenfalls ein. Wie fühlen sich eigentlich Aerosole an? Ich merke, wie ich selbst hyperventiliere. Aerosole, das ist eben ein Geben und Nehmen. Nach zehn Minuten bin ich aus dem Aldi raus. In Schweiß gebadet. Und packe fortan immer meine Maske ein.

Ein paar Tage später, Anfang August, die Corona-Infektionszahlen steigen weiter und weiter, verhängen Rotterdam und Amsterdam eine Maskenpflicht für ihre Städte. Und zwar nicht nur für Geschäfte, sondern auch für die Einkaufspassagen draußen. Für Holland ist es ein geradezu radikaler Schritt. Ein Eingeständnis, dass es sein muss. Eine Notbremse.

Und ich denke: „Gut so!“ Und summe auf einmal eine Melodie vor mich hin, sie kommt von irgendwo. Irgendwann merke ich: Es ist die Berliner Punkband ZSK und ihr Ohrwurm „Ich habe Besseres zu tun.“ Das Lied für Christian Drosten.

Sicherer vor Corona:

Draußen ist die Ansteckungsgefahr geringer. Hauptsache, ihr haltet euch an die Abstandsregeln. Dann geht’s auf zu einem der Berliner Seen. Weiter draußen ist es natürlich noch sicherer. In Brandenburg gibt es viele Seen, Strände und tolle Bademöglichkeiten. Oder ihr gönnt euch einen Drink in einer der Berliner Strandbars, mit den Füßen im Sand.

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