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Spandau

Vegane Wurst kann man auch woanders kaufen: Grüße aus Spandau!

Wer in Spandau nicht wohnt, kommt selten hin. Zugezogene kennen den Bezirk am Ende der U7 meist gar nicht. Dabei war es schon immer etwas Besonderes, ein Spandauer zu sein. So richtig Hauptstädter wollte man dort nie werden, dafür hat man Sinn für Humor, Berliner Schnauze und TraditionsbewusstseinSpandau ist SPANDAU. Kennen Sie die Berlin-Karten, die wir auf der Facebookseite des tip regelmäßig posten?

Zu Anlässen wie Ostern, Weihnachten, dem 1. Mai oder Sommerferien erklären wir dort auf ironische Weise, wie die Bewohner der Berliner Bezirke jeweils auf die Ereignisse reagieren. In Zehlendorf leben die Snobs, in Schöneberg die LGBT-Community, in Prenzlauer Berg die Bionade-Eltern und in Kreuzberg die verpeilten Hippies. Das stimmt alles nur halb, aber die Karten zehren von Klischees und Spandau ist da immer Spandau. Ein Fels in der Brandung. Weil Spandau sich schon immer eine Extra­wurst gebraten hat. Weil der Spandauer Patriotismus legendär ist.

Foto: F. Anthea Schaap

Weil trotz Wiedervereinigung, Touristen­massen und Gentrifizierung sich der Westen nicht ganz so schnell wandelt wie Wedding, Moabit und der ganze Osten sowieso. Weil dort das Leben in ruhigeren Bahnen verläuft und weil die Spandauer sich seit jeher in erster Linie als Spandauer und erst dann als Berliner verstanden haben.

Albrecht der Bär
Foto: Lienhard Schulz/Wikimedia Commons CC BY SA 3.0

Um das zu verstehen, muss man tief in die Stadtgeschichte eintauchen. Spandau ist älter als Berlin, gegründet um 1197 von Albrecht dem Bären, dem ersten Herren der Mark Brandenburg. Deshalb liegt ja, folgt man der Spandauer Logik, Berlin bei Spandau und nicht Spandau bei Berlin.

Erst 1920 wurde die Stadt Spandau in die preußische Metropole eingemeindet. Das klingt alles lange her, aber in Spandau spielen Tradition und Geschichte eine große Rolle. Herzstück des Bezirks ist schließlich die Altstadt, die mit Kirche, Gotischem Haus, Denkmal des Kurfürsten Joachim II., Pfarrhaus und Markt durchaus mittelalterlich anmutet.
Direkt hinter der alten Stadtmauer liegt dann auch schon der berühmteste Bau Spandaus, die Zitadelle. Eine massive Festung mit Burggraben und Wehrtürmen. Zwar wurde die Zitadelle niemals in einer militärischen Intervention benutzt, hat also nie ihre ­Bestimmung als Wehrburg gefunden, sie steht aber symbolisch für die Bedeutung des Militärs in Spandau. Bereits im 18. Jahrhundert galt Spandau als Militärstadt. Es gab Waffenfabriken, Exerzierplätze, Garnisonen, später auch eine Zeppelinhalle und in Gatow einen Militärflughafen, den in West-Berlin die Engländer benutzt haben und wo einst das Privatflugzeug der Queen landete. Heute ist dort das Luftwaffenmuseum.

Wer nach Spandau kommt, sucht nicht nach Technoclubs, Strandbars und Flohmärkten, sondern nach Geschichte und einer ­Prise Nostalgie. Für die meisten Berliner, die in Spandau weder wohnen noch dort Freunde und Familie haben, gibt es eigentlich nur drei Gründe hinzufahren: Im Winter zum Weihnachtsmarkt in der Altstadt, im Sommer auf die Zitadelle zum Citadel Music Festival und zwischendurch, um etwas Natur zu erleben. Der Spandauer Forst, das viele Wasser – in Spandau fließen Spree und Havel zusammen – und die Tiefwerder Wiesen, eine für Berliner Verhältnisse einzigartige ­Auenlandschaft, wo sogar Wasserbüffel leben, machen Spandau zum attraktiven Ausflugsziel und einer guten Alternative zum Umland.

Foto: F. Anthea Schaap

Neben Köpenick, dem südöstlichen Gegenstück zu Spandau, ist der Bezirk am niedrigsten besiedelt, und das liegt an den Wäldern, Wiesen und Flüssen aber auch an den weitläufigen Industrie­anlagen. Denn neben Geschichte und Natur ist die Industrie das dritte wesentliche Merkmal Spandaus. Schon vor dem Krieg wurde dort die Siemensstadt errichtet, später kamen BMW und weitere Fabriken und Produktionsstätten hinzu. Wer heute am U-Bahnhof Paul­sternstraße, übrigens dem vermutlich schönsten Bahnhof Berlins, aussteigt, landet in einer Industriezone, die sich kilometerweit erstreckt. Eine seltsame Gegend, aber durchaus einen Besuch wert.

Foto: F. Anthea Schaap

Denn die Indus­trialisierung hat auch architektonische Spuren hinterlassen, die so manchen Kenner staunen lassen. Neben Werkanlagen ist der Siedlungsbau eine Sehenswürdigkeit. Die Wohnsiedlung Zeppelinstraße etwa ist ein Beispiel für expressionistischen Baustil, in Staaken gilt die denkmalgeschützte Siedlung Neu-Jerusalem als wegweisend für die Bewegung des Neuen Bauens und die Siemensstadt mit ihren Bauten aus rotem Backstein zeugt vom Aufschwung Berlins zur Industriestadt.

Militär, Industrie, Geschichte und Natur. Das ist der Stoff aus dem Spandau gemacht ist, die DNA des Bezirks sozusagen. Aus einer in Jahrhunderten gereiften brandenburgischen Wortkargkeit und Übellaunigkeit, die für eine Mentalität steht, die das Leben nicht feiert, sondern erträgt, aus proletarischem Stolz und einer guten Portion Lokalpatriotismus, wuchs eine Art Spandauer Seele heran, die zugleich auch irgendwie urberlinerisch ist. Herz und Schnauze. Hart, aber herzlich.

Vegane Wurst

Mag in der Innenstadt durch Touristen, Schwaben, Hipster und Veganer der Berliner Geist nahezu verschwunden sein – in Spandau kann man ihn noch finden. Diese Kunst des schroffen Miteinanders, das ­Ganze „Ne jehöriche Tracht Prüjel“ und „Nu mach nich so’n Jewese!“ und „Hamses nich ooch kleener?“ Freundlich ist das nicht, aber ehrlich und authentisch, der Berliner hat noch nie jemandem was vorgemacht und sich hinter gespielter Höflichkeit versteckt. Der Spandauer schon gar nicht. Wem das nicht passt, der soll Semmeln, Sojamilch und vegane Wurst woanders kaufen.

Foto: F. Anthea Schaap

Trutzburgen des Berlinerischen mag es auch noch anderswo geben, in Reinickendorf, Steglitz oder Treptow. Was im Falle Spandaus hinzukommt, ist jener Nimbus, der sich nur fassen lässt, wenn man die Geschichte, Lage, Mentalität und Identität zusammendenkt und den Humor nicht vergisst. Es ist genau dieser Spandau-Witz, der in unseren Karten so gut funktioniert. Dieses Spandau ist SPANDAU. Ein Humor über den die ­Spandauer genauso lachen wie die Nicht-Spandauer und der eine schöne Tradition hat. Wobei meist der Spandau-Witz eine Sicht von Außen ­darstellt, ein liebevolles Mokkieren über die provinzielle Lage und die eigenwilligen Marotten der Ureinwohner.

Foto: F. Anthea Schaap

In ihrem „Spandau Song“ dichteten etwa Horst Evers und Benedikt Eichhorn 2008 eine Liebeserklärung an den Bezirk. „Gleich hinter Ikea liegt Spandau“, heißt es dort und „Viele waren da ja noch nie“, warum auch, denn „Wo ist nachts keine Sau, aber die Havel blau?“, natürlich in Spandau und sie schließen mit dem schönsten Satz: „Weltstadt und Dorf, kein Dramaturg – kriegt den Übergang ­fließender hin zu Brandenburg“. Das fasst es ziemlich gut zusammen.

Der Spandau-Witz zieht sich so durch die Popgeschichte dieser Stadt, auch im Werk des Duos Icke & Er. Das sind zwei Hip-Hop-Atzen, die angeblich aus Spandau kommen und um 2006 herum mit dem Song „Richtig geil“ Berühmtheit erlangten. Icke & Er haben den programmatischen Titel „S.P.A.N.D.A.U.“ komponiert und ein schönes Video an einer Spandauer Imbissbude gedreht, wo sie sich mit Bela B. unterhalten.

Die beste Band der Welt

Womit wir bei den Ärzten wären. Die „beste Band der Welt“ hat ihre Wurzeln selbstredend auch in Spandau, Bela B. ist heute vielleicht der berühmteste Sohn des Bezirks. Bela alias Dirk Felsenheimer ist in der Seegefelder ­Straße geboren. Im Spandauer Kiez hat er als Jugendlicher auch Hagen Liebing kennen gelernt, der, natürlich auch ein gebürtiger Spandauer, eine Weile Bass bei den ­Ärzten spielte und bis zu seinem Tod 2016 Musik­redakteur beim tip war. Ihre ersten Konzerte gaben die Ärzte im Ballhaus Spandau, und bei Musicland in der Klosterstraße versorgten sie sich mit Punkplatten. Auf ihre spezielle Art stehen auch sie für den Spandau-Witz, denn obwohl sie Punks sind, ging ihnen das Bierernste und Aggressive ab, lieber nahmen sie die Umstände auf die Schippe und provozierten mit Humor.

Was im Punk und Hip-Hop geht, funktio­niert auch im Buch. Seit 2014 veröffentlicht der Schriftsteller Thorsten Rohde unter dem Pseudonym Renate Bergmann eine Buch­reihe, in deren Zentrum die Trümmerfrau und vierfach verwitwete, streng wertkonservative Renate Bergmann steht. Die Bücher heißen „Über Topflappen freut sich ja jeder“ oder „Wer erbt, muss auch gießen“. Und wo lebt Frau Bergmann? In Spandau, ist doch klar. „Renate ist der Liebe wegen nach Spandau gezogen. Ihr (bisher) letzter Mann Walter stammte von da, und nach seinem Tod blieb sie dort hängen. Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Da hat sie alles, was sie braucht – Einkaufscenter, Ärztehaus, alles dichte bei. Kurt und Ilse wohnen gleich um die Ecke, und Gertrud ist mit dem Bus auch in einer Viertelstunde da“, erklärt Rohde. Dit is se, die ­Spandauer Jemütlichkeit. Der Comedian trifft mit seinen Beschreibungen des kleinbürgerlichen Idylls mitten ins Spandauer Herz.

Nett aber sonderbar

Wo sollte das alles münden, wenn nicht im Internet? Zuletzt erlebt der Spandau-Witz eine virale Renaissance in den sozialen Netzwerken. Unsere Berlin-Karten sind da nur Teil eines Phänomens, auch wenn wir gerne behaupten, dass wir zumindest in diesem Kontext die Begründer des Spandau-Witzes 2.0 sind.

Foto: F. Anthea Schaap

Dieser liebgewonnene Gag passt perfekt in die Ära von Twitter, Facebook und Co. – und alle machen mit! Die BVG wirbt im Rahmen ihrer extrem erfolgreichen Kampagne „Weil wir dich lieben“ mit dem Slogan „Für 7 Euro durch ganz Berlin. Und Spandau“ vor einem Foto des U-Bahnhofs Zitadelle und eine Aufnahme der Spandauer Skyline (bestehend aus Rathausturm und Kirchturmspitze) ziert der Spruch: „Gastland Spandau. Fremde Kultur. Freundliche Ureinwohner. Exotische Küche. Flüge schon ab 2,80 Euro.“ Was Bayern für Restdeutschland ist, ist Spandau für Restberlin. Irgendwie nett, aber sonderbar.


Raed Saleh ist Spandauer. Hier unser Interview

„Prenzlauer Berg von morgen“

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