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Interview

Neukölln-Buch „Heimatland“ von Güner Balci: „Wallah, die spinnt!“

Güner Yasemin Balci ist seit fünf Jahren Integrationsbeauftragte von Neukölln. Bei der Journalistin, Filmmacherin und Buchautorin („Arabboy“) kriegen viele Puls: Islamisten, radikale Linke, Rechtsextreme, Hubert Aiwanger. Ihr neues Buch ist eine Liebeserklärung an ihr „Heimatland“ und ein Kampfesruf gegen die Feinde der Demokratie. Wir sprachen mit Güner Balci über Neukölln, das Rollbergviertel, Empowerment von Frauen, Multikulti, Messer, einen Menstruationsthron und Neuköllner Klischees.

Güner Balci, Autorin, Journalistin und Integrationsbeauftragte von Berlin-Neukölln, mit ihrem alten Opel Rekord. Foto: Jesco Denzel

Güner Balci: Das Neuköllner Rollbergviertel ist meine Lebensschule

tipBerlin Frau Balci, Sie sind seit fünf Jahren Integrationsbeauftragte von Neukölln, nachdem Sie sich zuvor als engagierte Journalistin, Buchautorin und Filmemacherin einen Namen gemacht hatten. Haben Sie vor, den Jahrestag ihrer Ernennung am 1. August irgendwie zu feiern?

Güner Balci Oh, das hätte ich fast vergessen bei dem Arbeitsstress. Danke, dass Sie mich daran erinnern. 

tipBerlin Was liegt bei Ihnen gerade so auf dem Tisch?

Güner Balci Für den Migrationsbeirat mit verschiedenen Trägern und Engagierten in Neukölln habe ich eine Stellungnahme verfasst zu den jihadistischen Ausschreitungen, die zur Hetze und zum Lynchen von Drusen und anderen Minderheiten in Berlin aufgerufen haben. 

tipBerlin Sie haben Romane wie „Arabboy“ geschrieben, die sich mit Integrationsproblemen befassen. Ihr vorheriges Buch „Das Mädchen und der Gotteskrieger” ist vor neun Jahren erschienen. Woher kam jetzt Impuls für „Heimatland. Zähne zeigen gegen die Feinde der Demokratie“?

Güner Balci Ich wurde immer wieder gefragt von meiner Lektorin, was mich gerade so umtreibt. Irgendwann habe ich entschieden: Ich kann über Neukölln schreiben, aber dann nur persönlich. Ich bin jetzt 50, das ist mehr als die Mitte meines Lebens, ich liebe mein Heimatland. Und deshalb wollte ich eine kleine Liebeserklärung hinterlassen.

tipBerlin „Das Rollbergviertel”, schreiben Sie im Buch, „war meine Lebensschule“. Wie viel Deutschland steckt im Rollbergviertel? 

Güner Balci Das Rollbergviertel hat schon immer deutsche Entwicklungen vorweggenommen. Und wie man sie sehr gut lösen konnte – oder gerade nicht löst. Es ist für mich so eine Art Mini-Mini-Labor. 

tipBerlin Wo funktioniert es?

Güner Balci Da nenne ich jetzt mal ganz konkret den MaDonna Mädchentreff, der bald 50-jähriges Jubiläum feiert und dessen Ausrichtung schon sehr früh politisch war, um Integrationspolitik bestmöglich zu lenken. Das meint nicht nur das Empowerment von Frauen und Mädchen, sondern auch das An- und Aussprechen von echten Problemen, die Einwanderung bringen kann. Und gleichzeitig die Förderung von geschlechtsspezifischem Empowerment für Menschen, die aus kollektivistischen Gesellschaften kommen. Bis heute ist das brandaktuell. 

Mädchentreff MaDonna im Rollbergviertel: Empowerment von Mädchen und Frauen. Foto: IMAGO / Manja Elsässer

tipBerlin Sie haben während Ihres Studiums der Erziehungs- und Literaturwissenschaften ehrenamtlich im MaDonna gearbeitet. In „Heimatland” erwähnen Sie einen rot-gold geschmückten Menstruationsthron im Mädchentreff. Was war das?

Güner Balci Ein großer Thron, der rot-gold mit lauter Alltagsutensilien für Frauen geschmückt wurde. Perlen, Hackenschuhe, Tampons, Binden, lauter solche Dinge. Es sollte als Thron dienen für Mädchen, die zum ersten Mal ihre Periode bekommen. Das sollte gefeiert werden. Als Pubertierende war das für uns erst einmal ein Schock. Ich habe ein bisschen gebraucht, um es zu verstehen. 

tipBerlin Was bedeutete der Thron?

Güner Balci Er ist für mich ein Sinnbild für das, was an weiblichen Lebenswelten entweder in die Nische gedrängt wird oder als nicht öffentlich verhandelbar erklärt wird. Am Beispiel Menstruation kann man zeigen, wie wichtig es ist, dass Frauen ein ganz klares Statement setzen.

tipBerlin Das müssen Sie erklären.

Güner Balci Bei jungen Männern im muslimischen Kulturkreis wird das Erwachsenwerden mit der Beschneidung gefeiert, was ganz klar ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit ist. Mit dem Platz auf dem Thron im Prinzenanzug wird ihnen symbolisiert: Du bist jetzt König und Chef im Leben. Und den Frauen wird eingeredet, dass es eine Krankheit ist, wenn sie ihre Tage bekommen. Etwas Dreckiges. Deshalb hat dieser Thron für mich heute eine ganz andere Bedeutung als damals, als ich zwölf war, wo ich den einfach nur ultrapeinlich fand. 

Güner Balci: Bloß nichts gefallen lassen

tipBerlin Sie erzählen im Buch viele Geschichten, die nicht  gut ausgehen, von Menschen aus Ihrem Umfeld, die den Drogen anheimfallen, kriminell werden, im Knast, das alles mitunter nicht überleben. Wie schafft man es, sich selbst ein Urvertrauen zu erhalten, dass Lebensgeschichten gut ausgehen können?

Güner Balci Ich glaube am Ende des Tages, dass jeder Einzelne, egal was er erlebt hat und wie schlimm es war, eine Kraft in sich hat, das zu ändern, wenn sie oder er das möchte. Und weil meine Vorbilder auch immer solche Menschen waren, die es geschafft haben.

tipBerlin Sie lassen sich nichts gefallen. Wie oft haben Sie von Männern im Viertel den Ausruf gehört: „Wallah, die spinnt!“ Oder: „Wallah, die ist verrückt!”

Güner Balci Oft, sehr oft. Oft wird er aber auch so unbedacht gesagt. Man kann sehr schnell ein gutes Gespräch anfangen. Es liegen nicht immer nur schlimme Abwertungen darin. Selbst ich benutze ihn manchmal.

tipBerlin Einmal fällt so ein Satz, nachdem Sie einem Macho, der Ihnen einen Anmachspruch gedrückt hat, ein Anglermesser an den Hals gedrückt hatten. Was war da los?

Güner Balci Wenn man in einem Viertel aufwächst, in dem man als Mädchen lernt, wenn du auf manche Sprüche und Situationen nicht sehr schnell und sehr klar reagierst, könnte das bedeuten, dass die Menschen denken, sie können mit dir tun, was sie wollen. Dass das am Ende dazu führen kann, dass ich einem Mann ein Messer an den Hals halte, das ist schon rückblickend für mich ein klares Zeichen dafür, dass nicht alles so rosig und romantisch war, was ich damals alles erlebt habe. Aber ich habe auch danach sehr viel weniger Ärger gehabt mit solchen Typen, weil sich das herumgesprochen hat… 

tipBerlin Ihr neues Buch „Heimatland“ ist nicht zuletzt eine Verneigung vor Ihren Eltern, die als alevitische Gastarbeiter nach Berlin kamen. 

Güner Balci Ich habe mit meinen Eltern ein Schweine-Riesen-Glück gehabt! Weil sie wirklich das Individuum gefeiert haben. Obwohl sie aus einer archaischen Kultur kommen und in Sippenzwang-Zusammenhängen in den Dörfern gelebt haben, hatten sie einen humanistischen Grundgedanken. Den haben sie sehr stark hier auch an uns Kinder vermittelt, weil sie gemerkt haben: Sie leben in einem Umfeld, in dem das möglich ist.

Als der Vater ihr Auto sah, weinte er. Vor Rührung

tipBerlin Mit Ihrem viel zu früh verstorbenen Vater teilten Sie eine Begeisterung für alte Autos. Haben Sie Ihren jadegrün-metallic-farbenen Opel Kadett immer noch?

Güner Balci Nein, ich habe ihn vor 25 Jahren gegen Opel Rekord D Berlina Baujahr 76 eingetauscht. Der ist seitdem mein Totem, das ich durch mein Leben trage. Er steht gerade tatsächlich in einer kleinen Garage in Neukölln.

tipBerlin Was hat dieses Auto alles gesehen? 

Güner Balci Ich erinnere mich an Autobahnfahrten mit zukünftigen Gangstern in Neukölln, die mich angebettelt hatten, ob wir mal eine Runde fahren. An Abende mit Jugendlichen, von denen einige heute gar nicht mehr leben, wenn wir abends im Rollbergviertel Musik gehört haben, das Auto da offen herumstand und jeder sich mal reinsetzen durfte. An Überlandfahrten nach Brandenburg und Begegnungen mit Neonazis, die ich dann in ein Gespräch über mein Auto verwickeln konnte. Ein Moment, den ich aber mit dem Opel besonders verbinde, ist der, als mein Vater das Auto zum ersten Mal sah und einfach sofort geweint hat.

tipBerlin Warum?

Güner Balci Er hat vor Rührung und Freude geweint. Der Wagen war tatsächlich baugleich mit dem Auto, mit dem er mit meinen Geschwistern, als ich noch nicht auf der Welt war, und meiner Mutter zum ersten Mal wieder nach Dersim (in Ostanatolien, Anm. d. Red) gefahren ist – als Gastarbeiter aus Deutschland.

Wie Güner Balci über Nacht zur Expertin zum Thema Islamismus wurde

tipBerlin Es ist ziemlich genau 20 Jahre her, dass Sie als Fernsehjournalistin für das ZDF-Magazin  „Frontal21“ einen Beitrag über einen islamistischen Hassprediger mitgedreht haben. Damit wurden Sie quasi über Nacht zu einer Expertin zum Thema Islamismus – und haben zum ersten Mal Morddrohungen erhalten. Wie geht man damit um?

Güner Balci auf der Sonnenallee in Neukölln: „Diffamierung, Hass und Hetze blende ich aus.“ Foto: Jesco Denzel

Güner Balci Zuerst versucht man, zu sich zu klären, ob man wirklich jetzt Angst haben muss. Man lässt sich vom Landeskriminalamt beraten. Und meine Sicherheit und die meiner Familie haben für mich oberste Priorität. Und deshalb war für mich klar, dass ich mich erst mal in der Öffentlichkeit zurücknehmen werde. Nach einer Weile legt sich das meistens wieder. 

tipBerlin Wenn Sie zu einer Talkshow eingeladen werden, machen Sie danach erst mal das Internet für eine Woche aus?

Güner Balci Ich ziehe mir diese Kommentare gar nicht rein. Es sei denn, ich kriege sie direkt per E-Mail an meine Amtsadresse. Und dann zeige ich sie an. Das war bei dem Aiwanger so. Den hatte ich ja auch in der Talkshow bei Lanz stark kritisiert. 

tipBerlin Der Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger hatte mit 16 Jahren ein antisemitisches Flugblatt in der Schultasche. Sie haben ihm bei „Markus Lanz” im ZDF vorgeworfen, sich zum Opfer zu machen.

Güner Balci Danach hatte ich sofort rechtsextreme, diffamierende und drohende E-Mails im Postfach. Tatsächlich konnte man einen dieser Täter ermitteln und der wurde bestraft. Soziale Medien meide ich komplett, das ist zeitraubend und oft auch deprimierend. Ich höre mir sehr gerne konstruktive Kritik an, auch von politisch Andersdenkenden. Das bringt mich immer weiter. Aber Diffamierung, Hass und Hetze, das blende ich, so gut es geht, aus meinem Leben aus.

Warum kriegen Neonazis, Islamisten und extremistische Linke bei Güner Balci Puls?

tipBerlin Was sagt es Ihnen, dass gegen Ihre Ernennung als Integrationsbeauftragte vor fünf Jahren Teile der Grünen und der Linken protestiert haben, während die säkularen Arbeitsgruppen der SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke Sie verteidigt haben?

Güner Balci Dass die säkularen Gruppen, zu denen ich auch gehöre, plötzlich gemerkt haben, dass eine bestimmte Ideologie schon sehr gute Lobbyarbeit betrieben hat. Da war für mich klar: Wow, die sind ja schon ziemlich weit fortgeschritten, dass sie auf so eine Art und Weise agieren, um so eine kleine Beauftragtenstelle mit mir zu verhindern. Was ja eigentlich lächerlich ist.

tipBerlin Wie ist das eigentlich, wenn einige Leute bei Ihnen dauernd richtig Puls kriegen?

Güner Balci Wenn bei vielen Dingen, die ich in der Öffentlichkeit sage, Neonazis, Rechtsextreme, Islamisten, türkische Faschisten und bestimmte extremistische linke Gruppen Puls kriegen, dann habe ich alles richtig gemacht. 

Güner Balci in Neukölln: „Multikulti ist an sich nichts Negatives“. Foto: Jesco Denzel

tipBerlin Die linksextremistische Gruppe Migrantifa hatte Sie vor zweieinhalb Jahren in einem Drohvideo als „Erfolgsrassistin“ tituliert.

Güner Balci Es ist ja bezeichnend, dass bei der Migrantifa bis heute nicht so richtig geklärt ist, wer dahinter steht. Das ist eine kleine extremistische Gruppe, die hat keine Wirkmacht.

tipBerlin Der heutige Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak, der für die Linken überraschend das Neuköllner Direktmandat holte, soll auf das Migrantifa-Video mit einem zustimmenden Emoji reagiert haben haben.

Güner Balci Ich habe ihn angesprochen auf die Migrantifa, auf einem Parkplatz von einem Supermarkt. Er hat mir ganz klar gesagt, dass er die Strukturen gegründet hätte und dass das ja eine junge Widerstandsgruppe sei. Er könne sich gar nicht erklären, dass die jetzt gegen mich agieren würden (lacht).

Was ist der „Rassismus der niedrigen Erwartungen“, Frau Balci?

tipBerlin In den 80ern kamen ja immer mehr arabische und archaisch organisierte Großfamilien aus dem Libanon nach Berlin, auch und gerade nach Neukölln. Der in Berlin lebende Islamforscher Ralph Ghadban zum Beispiel vertritt die Meinung, Multikulti hätte die Clans groß gemacht. 

Güner Balci Multikulti an sich ist überhaupt nichts Negatives. Es ist nur dann schwierig, wenn damit ein Rassismus der niedrigen Erwartungen einhergeht. 

tipBerlin Was verstehen Sie unter „Rassismus der niedrigen Erwartungen“?

Güner Balci Es ist eine Ungleichbehandlung, wenn man grundsätzlich jemanden, der eingewandert ist, komplett anders behandelt, mit einem Opferstatus belegt und sich dann als Helden der Antidiskriminierung romantisiert. Dann würde uns auch nicht passieren, dass zum Beispiel kriminelle Großfamilien zunächst einmal unter Artenschutz gestellt werden, weil sie als Migranten angeblich rassistisch diffamiert werden, wenn man sie auch „kriminelle Großfamilien“ nennt. Das ist völlig absurd. Wenn eine deutsche Familie ohne Zuwanderungsgeschichte als Großfamilie kriminell agieren würde, dann dürfte man das doch ähnlich betiteln. 

Sind Razzien gegen Clan-Geschäfte diskriminierend?

tipBerlin Es gibt ja auch im Bezirksamt Neukölln mitunter die Ansicht, dass Razzien gegen arabische Clans oder Shisha-Bar-Durchsuchungen stigmatisierend wären.

Güner Balci Es gibt aber auch sehr viele Erfolge bei diesen Durchsuchungen, die offenlegen, dass wir dort unverzollten Tabak in großen Mengen haben. Dass es Waffen gibt, die unterm Ladentisch gefunden werden. Dass Menschen Schwarzarbeit fördern und dabei andere Menschen extrem ausbeuten. Aber natürlich muss man immer gleichzeitig einen differenzierten Blick darauf haben, wie angemessen gewisse Entscheidungen sind.

tipBerlin Warum sind die gemäßigten Stimmen aus dem Islam in Deutschland mit ganz wenigen Ausnahmen so wenig vernehmbar? 

Güner Balci Ich glaube, Leute, die ein gemäßigtes, ein liberales oder ein säkulares Islamverständnis haben, haben im Endeffekt auch kein Bedürfnis, sich ideologisch zusammenzutun. Die haben einfach begriffen, wie Sie und ich, dass sie als Individuen ihr Glück gestalten in diesem Land und sich auch ganz individuell aufregen über die politischen Debatten.Das ist ja genau der Trick bei der ganzen Sache, dass immer jahrzehntelang alle gefragt haben: Wo sind die Ansprechpartner für den Islam? Den Islam gibt es nicht. Der Islam hat keine Kirche. Dass kann ja eigentlich ein großer Gewinn sein. Es kann aber auch schiefgehen, wenn man dann denkt, man muss sich diesen Ansprechpartner basteln in Form von reaktionären Vereinen und Verbänden.

Güner Balci: „Neukölln ist ein ehrlicher Bezirk“

tipBerlin Kaum ein Bezirk ruft so viele Klischees hervor wie Neukölln, von Partybezirk über Multikulti bis zu Parallelgesellschaften. Es ist vermutlich der einzige Stadtbezirk in Deutschland, der mit Heinz Buschkowsky, SPD, jemals einen bundesweit bekannten Bezirksbürgermeister vorgebracht hat. Wie erklären Sie sich die deutsche Faszination mit Neukölln?

Güner Balci Neukölln ist einfach ein sehr ehrlicher Bezirk. Die Menschen, die hier engagiert sind, auch in der Politik, aber nicht nur da, gehen oft sehr ehrlich mit verschiedenen Problemlagen um. Gleichzeitig hat Neukölln eine enorme Stärke. Wir  Neuköllner haben ein großes Bedürfnis, den Frieden zu wahren in unserem Bezirk und die Leute, die sich bedroht und bedrängt fühlen, zu schützen. Neukölln hat auch sehr mit vielen verschiedenen Migrantenvertretungen schnell eine klare Position nach dem 7. Oktober (dem islamistischen Terroranschlag der Hamas mit 1.200 Opfern in Israel) gefunden. Eine klare Ansage gegen die Hamas und gegen den israelbezogenen Antisemitismus.

tipBerlin Ist diese Neuköllner Offenheit in den Debatten mehr Fluch oder Segen für das Image des Bezirks?

Güner Balci Es ist immer Fluch und Segen zugleich, wenn ein Bezirk seiner Zeit weit voraus ist. Und das ist jetzt nicht so, seit ich hier als Integrationsbeauftragte bin. Ganz klar hat Heinz Buschkowsky eine Linie vorgegeben, die zwar streitbar war, aber letztendlich Erfolg gehabt hat. Alle Haltungen zu migrationspolitisch kritischen Fragen wurden von Neukölln vorangetrieben. 

tipBerlin Wo zum Beispiel?

Güner Balci Beim Thema  Zwangsverheiratungen während der Ferienzeit. Meines Wissens nach war Neukölln der erste Bezirk, der das mit einem Aufruf und Appell in die Öffentlichkeit so klar thematisiert hat, darauf zu achten, dass das ein wichtiges und schwieriges Thema für die Betroffenen ist. 

tipBerlin Sie schreiben über „Mädchenhasser, die ihren Töchtern die Jugend rauben”. Warum sind diese Töchter nicht ein viel größeres Thema in der Öffentlichkeit? 

Güner Balci Das ist eine gute Frage. Wir haben immer noch nicht begriffen, dass wir eine Gesellschaft sind. Wir sind eine Gesellschaft, die an einer gemeinsamen Erzählung arbeitet. Wir sind eine Einwanderungsgesellschaft, die durch ihre Vielfalt eine große Stärke entwickeln kann. Dazu gehört einfach auch, dass man sich verantwortlich fühlt für alle. Und wenn das Schicksal vieler Mädchen immer als Nischenthema, als Special Interest, als „Na ja, die sind halt so” abgetan wird, dann hat das am Ende einen negativen Effekt auf die gesamte Gesellschaft. Das sind unsere Töchter, unsere Kinder, unsere Zukunft. Das ist letztendlich die Zukunft Deutschlands.

Güner Balci: Irgendwann eine Berliner Alte am Hermannplatz, mit Kippe im Mund und vielen Geschichten

tipBerlin Wie hat Sie nach fünf Jahren das Amt verändert?

Güner Balci Es hat mir nochmal ganz klar vor Augen geführt, wie zäh und wie komplex demokratische Prozesse sind. Selbst im Kleinsten. Und gleichzeitig hat es mir aber auch gezeigt, dass es immer auch einen Blick geben muss, Dinge schnell umzusetzen und nicht aus dem Auge zu verlieren. Und dass, wenn man lang und unermüdlich genug an einer Sache dranbleibt, man wirklich auch Erfolge verzeichnen kann und mitgestalten kann.

tipBerlin Mit welchen Gefühlen gehen Sie heute durchs Rollbergviertel?

Güner Balci Für mich ist das wie ein großes Familienalbum. Ich sehe überall die Geschichten von einzelnen Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich kann da nie so durchgehen, ohne in der Vergangenheit zu sein. Das ist manchmal sehr traurig. Es ist aber auch immer wieder schön, weil es ein Heimatgefühl ist.

tipBerlin Sie schreiben in „Heimatland“ von Ihrem Traum, irgendwann eine Berliner Alte zu werden, die mit grauen Zöpfen und einem Hund und einer Kippe am Hermannplatz sitzt. Was für Geschichten würden Sie dann gerne erzählen?

Güner Balci Ich erinnere mich an die Erzählung einer Urgroßmutter meiner Freundin, die tatsächlich genau so auf der Bank saß, eine Matriarchin einer Sinti-Familie war und den Holocaust überlebt hatte. Gleichzeitig war sie eine Ur-Berlinerin, die eine ganze große Familie zusammengehalten hat als Frau mit sehr vielen Weisheiten, die sie den Kindern und Enkelkindern und Urenkeln weitergegeben hat. Das war so eine Erzähltradition von Familiengeschichte, die gleichzeitig aber auch einen Lokalpatriotismus weitergegeben hat, eben als Berlinerin. 

tipBerlin Ein schöner, fast tröstliche Gedanke.

Güner Balci Ich habe mich da wiedergefunden und gedacht: Okay, ich möchte irgendwann so ähnlich altern. Ganz ohne Botox und anderen Schönheitsdruck, einfach nur mit der Freude daran, alt und gesund zu sein und noch klar im Kopf und erzählen zu können, wie es damals mal war – und damit vielleicht auch Kinder nerven zu können.

tipBerlin Frau Balci, vielen Dank für das Gespräch.

  • Güner Yasemin Balci: „Heimatland. Zähne zeigen gegen die Feinde der Demokratie“ Berlin Verlag, 320 S., 22 €
  • Buchpremiere Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Straße 141, Neukölln, Do 18.9.2025, 20 Uhr

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