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Gute Ideen unterstützen: Crowdfunding und Crowdinvesting im Internet

Startnext_screenshotWenn man dem Podcast von Andreas Bogk lauscht, vernimmt man ein mahlendes Geräusch. Es rührt von der Kurbel einer Kornmühle her, die Bogk betätigt, um seinen Zuhörern im Netz nahezubringen, wie aus Gerstenmalz langsam Schrot wird. Und irgendwann dann Bier. Der richtige Mahlgrad sei wichtig, erklärt der Bierliebhaber dazu. Es ist ein Audioclip, den Bogk für seine Crowdfunding-Kampagne produzierte. Mit Podcasts und Fotos hatte er im vergangenen Sommer die Aktionsseite bei der Plattform Inkubato bestückt, um möglichst viele Internet-Surfer davon zu überzeugen, Geld für seine Mission zu geben. Das Ziel: die Rettung der bedrohten Berliner Weiße.

Dazu muss man wissen, dass das Berliner Traditionsgetränk weitgehend aus dem Angebot der Brauereien verschwunden ist. Bogk wollte diesen Missstand ändern. Und so sammelte er Geld für die Grundausstattung seiner eigenen Mikrobrauerei. Als Gegenwert versprach er Belohnungen: vom Kasten selbst gebrauten Biers bis zur Ein­ladung zur Eröffnung seiner Brauerei in einem Kreuzberger Souterrain. Am Ende war die Zielsumme nicht nur erreicht, sondern locker überflügelt. In kaum fünf Stunden waren bereits 3?000 Euro zusammengekommen, am Ende würden es 21?000 Euro sein – sieben Mal so viel wie angepeilt. Seither füllt Bogk fleißig Bier ab, um sich bei allen Unterstützern zu bedanken.

Der Kerngedanke des Crowdfundings handelt von originellen Ideen und leidenschaftlichen Initiatoren – und von einem Schwarm, der gern etwas Geld dazugibt. Dabei fließt kein Geld in die Taschen der ­Finanziers zurück. Dafür aber gibt es mitunter einfallsreiche Gaben oder – bei Kleinstbeträgen von nur ein paar wenigen Euro – immerhin ein herzliches Dankeschön.
Das Prinzip, bei dem Internetnutzer mit vielen kleinen Beträgen einer guten Idee auf die Sprünge helfen und im Gegenzug ein ­solches Dankeschön erhalten, macht seit 2006 die Runde. US-Portale wie Kickstarter zählen zu den ersten Akteuren. 2011 begann auch in Deutschland der Boom. Inkubato, ­MySherpas, Pling, Visionbakery oder Startnext ­heißen die Initiativen, die die Netz-Community mit Projekten zusammenbringen: von der neuen CD des Lieblingskünstlers über den Start eines Satire-TV-Kanals oder den Designer-­Kaffeebereiter bis zum Anleitungsbuch zum Möbelbau mit Hartz-IV-Budget.

Allein bei Startnext, dem größten deutschen Portal, wurden in gut zwei Jahren 2,7 Millionen Euro eingesammelt und mehr als 500 Projekte erfolgreich finanziert – fast ­alle aus dem Kultur- und Kunstbereich.
Von vielen anfangs noch als Hype belächelt, hat sich das Modell längst als alter­natives Modell zur Projektfinanzierung eta­bliert. „Es wird weiter wachsen und es wird noch viele neue Instrumente neben dem klassischen Crowdfunding geben“, prognostiziert Anna Theil von Startnext. „Crowd­funding ist ja noch jung. Aber es ist jetzt schon zu sehen, dass das Prinzip erfolgreich auf andere Bereiche übertragen werden kann, ob im Sport oder in der Wissenschaft.“

Davon zeugen die vielen neuen Portale, die 2012 an den Start gingen. Dabei macht insbesondere eine neue Variante der Schwarm­­finanzierung derzeit in der Wirtschaftsbranche Furore: das Crowdinvesting. Companisto, Seedmatch oder Bergfürst heißen die jungen überwiegend in Berlin ansässigen Plattformen. Nutzer können sich hier schon mit kleineren Beträgen als Investoren von Start-ups beteiligen, wenn ihnen die Geschäftsidee gefällt.
Der Unterschied zum Crowdfunding liegt im Anreiz, in der Motivation der Finanziers. Während bei diesem zuallererst der ideelle Wert zählt, etwa in Form eines persönlichen Dankeschöns, geht es beim Crowdinvesting um potenzielle Gelderträge. „The next level of Crowdfunding“, heißt denn auch die stolze Losung von Companisto.

Ist die Finanzierung durch die Menge also das Wundermittel in Zeiten umkämpfter Fördertöpfe, siecher Plattenfirmen und Verlage? Das nun auch wieder nicht. Insbesondere Crowdfunding dreht sich vor allem um kleine Projekte. Die durchschnittliche Zielsumme liegt bei 3?200 Euro. Im Schnitt finden sich 50 bis 60 Unterstützer, die durchschnittlich jeweils 60 Euro geben. Großprojekte mit Zielsummen im sechsstelligen Bereich sind dagegen bislang die Ausnahme. Dass zum Beispiel ein Kinolangfilm schwarmfinanziert wird, geschieht nur selten. Als erster Langfilm gilt dabei in Deutschland die Dokumentation „Bar25 – Tage außerhalb der Zeit“. Geradezu riesig war der Zuspruch für das Filmprojekt „Maulwurf – Der Film. Sein oder nicht’n Gaage“ um die kultige Comedy-­Handpuppe. 100?000 Euro kam von mehr als 2?000 Förderern.

Der Gedanke einer basisdemokratisch agierenden und finanzierenden Menge klingt  ja auch betörend. Ein Erfolgsgarant ist eine derartige Kampagne aber keineswegs. Noch scheitern mehr als die Hälfte davon und verfehlen ihre anvisierte Zielsumme, haben die Macher von Startnext errechnet. Dann fließen bis dahin gestiftete Beträge ungenutzt an die Geber zurück.
„Crowdfunding ist kein Selbstläufer“, sagt auch Karsten Wenzlaff, Social-Media-­Forscher in Berlin. Eine gründliche Vorbereitung sei unerlässlich. Wer mit einer Initiative an den Start geht, muss weit im Vorfeld die Werbetrommel in eigener Sache rühren. Tickt einmal die Uhr für die Kampagne, gilt es, potenziell Interessierte bei der Stange zu halten, möglichst oft Updates zu bringen – und sich schon mal originelle Dankeschön-Prämien auszudenken. Das kann die Sonderabfüllung der Berliner Weiße in der Cham­pag­nerflasche sein, wie bei Bogk, oder selbst gestrickte Socken von der Mutter der Musikerin Diane Weigmann, die im Herbst erfolgreich ihr neues Album finanzieren konnte. Der Prinzessinnengarten am Moritzplatz wirbt mit Saatgut-Tüten um Unterstützung. Und die britische Postpunkband Gang of Four versprach ihren Fans schwarzhumorig kleine Kapseln – gefüllt mit Blut der Musiker.

Gänzlich ohne Fangemeinde sollte man dabei lieber nicht an den Start gehen, empfiehlt Wenzlaff. „Besonders Künstler sollten sich von der Annahme lösen, dass das Geld von einer anonymen Masse aus dem Netz kommt. 80 bis 90 Prozent der Beträge stammen aus dem persönlichen Umfeld“, sagt er. „Beim Crowdfunding geht es um die Idee, sein Umfeld zu unterstützen und zu helfen.“ Gerade für schüchterne Naturelle sei es mitunter eine Herausforderung, Freunde und Verwandte um Unterstützung zu bitten. „Das kostet auch Überwindung.“
Als Mittel zur Dauerfinanzierung sei der virtuelle Spendenhut daher ungeeignet, resümiert der Netzexperte. „Das Wichtigste an einer Kampagne ist auch nicht der Aspekt der Grundfinanzierung, sondern dass man eine Art Marktforschung macht. So kann man erproben, ob die Idee gut ist. Selbst wenn man scheitert, hat man danach viel gelernt“, sagt Wenzlaff.
Auch Ulysses Hüppauff, Berliner Büro­leiter des auf Musikprojekte angelegten Portals PledgeMusic, sagt: „Crowdfunding wird künftig sicher nicht der hervorstechendste Finanzierungsweg für Musiker. Es ist nur ein Element von vielen. Was es vor allem ist: ein tolles Werkzeug zum Bewerben und Vermarkten.“ Der Vorteil liege in der direkten Kommunikation zwischen Fan und Künstler.

Zu den Berliner Erfolgsstorys zählt neben Songschreiberin Weigmann auch die Aktion von Chris Corner alias IAMX. Der Vorhang für seine laufende Kampagne, ein neues Album zu realisieren, fällt in einigen Tagen. Doch Corner hat schon jetzt mehr als das Siebenfache des Zielbetrags eingenommen.
„Es ist toll, wie genau er mit seiner Fan-Basis kommuniziert“, lobt Hüppauff, „er hat seinen Leuten mitgeteilt: ‚Hallo, am Donnerstag um 17 Uhr geht meine Kampagne online, bitte seid dabei!‘ – und das in genau der richtigen Art und Intensität. Am Donnerstag um 17.30 Uhr hatte er schon seine 100 Prozent. Chris Corner ist sehr kreativ und hat ständig Neues, was er auf der Seite anbietet. Er nutzt das System genau, wie man es machen sollte.“

Als größte Musik-Erfolgsstory allerdings gilt die Aktion der Sängerin Amanda Palmer, die 2012 via Kickstarter stolze 1,2 Millionen Dollar einstrich – und anschließend kaum mehr damit hinterherkam, all ihre Fans persönlich zu bespaßen. „Dass es derart gut funktioniert hat, hatte auch etwas von Fluch und Segen“, merkt Hüppauff an. „Denn als Fan überlegst du dann natürlich: Was macht sie jetzt eigentlich mit dem ganzen Geld?“ Der Reiz der Sache bestehe für Fans darin, ihrer Lieblings-Songschreiberin ganz nah zu sein und ihr bei einer tollen Aktion zu helfen. Es gehe schließlich nicht darum, sie zur Millionärin zu machen. „So gesehen ist es etwas aus dem Ruder gelaufen“, sagt Hüpp­auff.
Die stetige Ausbreitung der Idee, die Netz-Community für sich zu mobilisieren, wird von der Social-Media-Szene begeistert beobachtet. „Crowdfunding oder auch Crowd­­­investing passen zur Do-it-yourself-Kultur von Modellen wie Carsharing oder Coworking“, sagt Anna Theil von Startnext. „Das alles ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung, bei der es verstärkt ums Mitmachen und Teilen geht.“

Während sich Crowdfunding längst als beliebtes Werkzeug in der Kultursphäre etabliert hat, geht es nun beim Crowdinvesting gerade erst los. Und dabei werden von Anbeginn größere Summen bewegt. Risiko­freudig sollten die Web-Akteure schon sein. Denn nur wenn sich eine Geschäftsidee als profitabel erweist, verdienen die Investoren auch mit. Im schlechten Fall können sie dagegen ihren Einsatz abschreiben.
Als eines der ersten deutschen Crowd­investing-Projekte ist kürzlich das Berliner Start-up Meine Spielzeugkiste online gegangen. 100?000 Euro Grundkapital will das Team um Julia Derndinger an Geldern aus dem Netz einsammeln. Eltern können ihre Kinder mit hochwertigem Spielzeug ausstatten, so die Idee. Sind Piratenschiff, Elfenschaukel oder Legoteile irgendwann „abgespielt“, werden sie einfach wieder zurück­gegeben im Tausch gegen eine neue Kiste Spielzeug.
Wenige Tage nach dem Startschuss im Januar bei Companisto lagen die Investitionen bereits bei mehr als 60 Prozent. Offenkundig glaubt der Schwarm an die Idee. 

Text: Ulrike Rechel

Plattformen
www.inkubato.com
www.kickstarter.com
www.pledgemusic.com
www.startnext.de

Bogk-Bier
Bislang eine der erfolgreichsten deutschen Crowdfunding-Storys. Unter dem Motto „Rettet die Berliner Weiße“ ­sammelte Hobbybrauer Andreas Bogk Geld für die Herstellung einer eigenen Sorte des traditionellen Biers. Mehr als 400 Unterstützer beteiligten sich.

Plattform: Inkubato
Zielsumme: 3000 Ђ
Tatsächlich erreicht: 21?455 Ђ
www.bogk-bier.de

IAMX
Der Ex-Sneaker-Pimps-Frontmann ­inszeniert unter dem Alias IAMX düstere Elektropop-Dramen. Die laufende ­Kampagne für das nächste Album des Wahlberliners hatte schon in wenigen Stunden ihre Zielsumme überschritten.

Plattform: Pledge Music
Zielsumme: nicht öffentlich gemacht
Tatsächlich erreicht: läuft noch
(707 % bei Redaktionsschluss)
www.iamx.eu

Amanda Palmer
Die Abräumerin unter den weltweiten Crowdfundern. Ursprünglich sollte nur das aktuelle Album mit ihrer Band
The Grand Theft Orchestra finanziert werden. Doch es kam genug Geld für eine Bandtour, Ausstellungen und eine Kunstbuchedition zusammen.

Plattform: Kickstarter
Zielsumme: 100?000 US-Dollar
Tatsächlich erreicht: 1?192?793 $
(ca. 902?000 Ђ)
www.amandapalmer.net

Bar25 – Tage außerhalb der Zeit
Der erste Kinofilm, der sich erfolgreich aus der Crowd finanzierte. Illustriert wird in der Doku die Geschichte der gleichnamigen Clublegende. Läuft noch in Programmkinos.

Plattform: Inkubato
Zielsumme: 25?000 Ђ
Tatsächlich erreicht: 26?991 Ђ
www.bar25-derfilm.de

Diane Weigmann
Ziel der früheren Sängerin der Berliner Band Lemonbabies: das eigene Label zu starten und die Soloplatte „Kein unbeschriebenes Blatt“ zu verwirklichen.

Plattform: Pledge Music
Zielsumme: nicht öffentlich gemacht
Tatsächlich erreicht: 163 %
www.dianeweigmann.de

Meine Spielzeugkiste
Eines der ersten deutschen Crowd­investing-Projekte. Die Geschäftsidee des Berliner Start-ups: hochwertiges Spielzeug nach Gebrauch wieder eintauschen – gegen die nächste Kiste.

Plattform: Companisto
Zielsumme: 100?000 Ђ
Tatsächlich erreicht:
läuft noch bis 6. März
(52?140 Ђ bei Redaktionsschluss)
www.meinespielzeugkiste.de

 

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