Stadtleben

Gutes Benehmen

Gerade hatte ich meine Kolumne fertig mit der Betreffzeile „Gutes Benehmen – jetzt wieder im Kommen!“ Die Indizienlage, so dachte ich, wäre auf meiner Seite. Angenehm duftende Menschen mit Hermиs-Tüchern um den Hals und formvollendeten Umgangsformen traf ich zuletzt häufiger in den Clubs in Mitte, im San-Remo-Cafй oder der Bibliothek am Kottbusser Tor – selbst stark durchrav­te Personen konnte ich dabei beobachten, wie sie sich auf der After Hour in Schöneweide mit schwarz­­blauen Augenringen zittrig, jedoch ungemein höflich ge­genseitig die Türen aufhielten.
Mein Text war voll des Lobes. Ich hätte ihn an die Redaktion schi­cken sollen, bevor ich zum Supermarkt ging. Nach kurzem Fußmarsch stoppte mich ein 13-jähriger mit seinem Bike, spuckte seinen Wrigley’s an den Bordstein und fragte beiläufig: „Was ist – kommst du mit ficken?“ Ich sagte, er solle hier an der Ecke warten, ich müsste nur kurz die Pfandflaschen abgeben, und dann könnten wir – meinetwegen – zu ihm gehen. Natürlich weiß ich nicht, ob er da wirklich gewartet hat, zurück nahm ich einen anderen Weg.
Mein Tag jedoch war versaut, der Wicht hatte meinem Text die Grundlage genommen. Wie konnte es passieren, dass ich eine ganze Bevölkerungsgruppe übersah? Teenager stehen nicht auf Etikette. Sie interessieren sich für Sex, Flatratesaufen und die Frisur von Rihanna. Ich hätte es wissen müssen – da, wo ich herkomme, war das schließlich kaum anders.
In der DDR, im Plattenneubaukomplex Schlaatz, idyllisch gelegen in einem trockengelegten Sumpfgebiet, stimmte gutes Benehmen immer misstrauisch. Wer Wert auf Etikette legte, galt als verweichlicht oder Informant der Stasi. Daher war gutes Benehmen vor dem 30. Lebensjahr am Schlaatz eine Art Delikt und wurde von der Kiezjugend streng geahndet. Zu diesem Zweck trafen sich Jungmännergruppen jeden Dienstag und Donnerstag nach dem Besuch des Jugendclubs Otto Nagel an der nächsten Tramhaltestelle, um gemeinsam auf jemand Wohlerzogenes zu warten.
Gerechtigkeitshalber muss man einräumen, dass der staatlich anerkannte Discjockey Pitt zuvor mit seinen lahmarschigen Sets und den peinlichen Moderationen einen ordentlichen Beitrag zum angestauten Aggressionspotenzial leistete. Näherte sich also ein Schnösel-Verdächtiger der Haltestelle, war er immer auch Stellvertreter für Pitt. Die Person wurde nach der Uhrzeit befragt, und fiel die Antwort zu freundlich aus – was immer der Fall war –, bekam sie die Fresse poliert.
Man kann sagen, dass sich die Situation nach dem Mauerfall in vielerlei Hinsicht verbessert hat. DJ Pitt ist nicht mehr aktiv, und auch eleganteste Personen können am wunderschönen Schlaatz unbehelligt flanieren. Vielleicht würde ich nicht so weit gehen und behaupten, dass Etikette bei den Bewohnern inzwischen groß in Mode wären, aber Trends kommen und gehen oft unverhofft. Apropos – den Fahrradwicht habe ich an der U-Bahn-Station wieder getroffen, er hat aus unerfindlichen Gründen gegrüßt.

 

Jackie A. bei myspace: www.myspace.com/jackieberlin 

Mehr über Cookies erfahren