Stadtleben

Hamburger

Das war eine ziemlich schöne Zeit, als den Hamburgern Berlin noch zu schmuddelig war. Als sie gar nicht abwarten konnten, die Transitstrecke hinter sich zu haben und wieder in ihrem sauberen Alsterdorf zu sein. Als der Springer-Verlag und seine geistig durchgegelten Manager noch in Hamburg ansässig waren. Als die Pfeffersäcke noch Angst hatten, sich ihre dunkelblauen Sakkos mit den Goldknöpfen schmutzig zu machen, oder davor, dass ihnen jemand in ihr Saab-Cabriolet spuckt. Die Einzigen, die kamen, waren ein paar Gesandte aus der Hafenstraße zum Erfahrungsaustausch mit den hiesigen Autonomen. Wenn überhaupt: Denn eigentlich ging das ja gar nicht für einen stolzen St. Paulianer – einfach nach Berlin zu ziehen und damit einzugestehen, dass es hier um einiges cooler ist, auch ohne Pudelclub und Tocotronic. Leider ist diese Zeit vorbei, wo man schön unter sich blieb. Die Berliner im Wissen, dass ihre Stadt eben für die vom Leben Begünstigten zu unwirtlich ist, und die Hamburger mit dem Gefühl, immerhin in der zweitbesten Stadt Deutschlands zu leben.

Als Erstes kamen die Makler von Engel & Völkers, die hier ein Paradies vorfanden: Überall gab es günstige Immobilien, die sich zu luxussanierten Lofts hochjazzen ließen. Und erst diese billigen Villen im Grunewald! Für dasselbe Geld bekam man in Blankenese nur eine Hamburger_Hafen_fotografiert_von_Moritz_ApfelbaumZweizimmerwohnung. Dann kamen die berufsmäßigen Ehefrauen aus Eppendorf mit ihren blonden Pferdeschwänzen und den Reiterstiefeln, denen immer noch ein wohliger Schauer über den Rücken läuft, wenn sie durch die räudigen Endmoränen von Prenzlauer Berg streifen. Dann kamen die Werber und mit ihnen das furchtbare Astra in die Kneipen, und damit die alle nicht nackt gehen mussten, eröffnete der Chelsea Farmer’s Club, wo man Steppwesten, Gummistiefel aus England und Tweedsakkos kaufen kann. Und mittlerweile dümpeln auf dem Wannsee nicht nur Freizeitkapitäne aus Spandau, sondern wettergegerbte Agentur-Fuzzis.

Die schlechteste Nachricht kam eben erst: Christiane zu Salm, die hanseatischste Mainzerin der Welt, hat soeben in München bei Burda gekündigt und zieht wohl ihrer Kunstsammlung nach Berlin hinterher. Die gute Nachricht: Man kann die Hamburger in Berlin ziemlich genau lokalisieren. Die meisten sitzen im Rodeo Club herum, wo jede zweite Besucherin aussieht, als sei sie die nächste Ansagerin der „Tagesschau“. Nur Hamburgern kann man ein Gänsebraten-Menü für fast 30 Euro servieren, das so angerichtet ist wie die Teller von Oma. Erstens finden sie es billig, und zweitens wird ihnen auch das als Beweis gelten, dass Berlin irgendwie schräg ist.

Foto: Moritz Apfelbaum/Pixelio

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