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Handbuch für Kreativarbeiter von Peter Haas/ Silvia Holzinger

Holzinger_HaasHerr Haas, im Blog zu Ihrem gemeinsam mit Silvia Holzinger verfassten Kreativarbeiter-Handbuch „Kann man denn davon leben?“ schreiben Sie, es wäre in der Branche „total uncool (…) vom Geld zu reden“. Warum tun Sie das dann im Buch?
Das ist uns ein persönliches Anliegen, unsere Energie in Projekte zu stecken und nicht in die Maske und so zu tun, als käme man super zurecht. Wir hatten keinen Verlag, aber Erfahrung in der Selbstverwertung unserer Arbeit. Und dann haben wir unser erstes Buch selbst produziert, zuerst als E-Book, dann als Print-Book. Wir haben jetzt etwa 500 Leser und Fans. Wir verstehen gar nicht, warum nicht mehr Autoren wie wir selber publishen. Wir hatten nach sechs Wochen schon einen Gewinn.

Anstoß für das Buch war der von Ihnen beiden produzierte Dokumentarfilm „Weizenbaum. Rebell at Work“ über den deutsch-amerikanischen Informatiker Joseph Weizenbaum, den Sie über „Slow-Budget-Self-Funding“ finanziert haben. Was ist das?
Eine Methode, die aus der Not geboren ist: Filmfinanzierung ohne Produktionsfirma, ohne TV-Koproduktion und ohne Filmförderung. Dafür mit konsequenter Eigenvermarktung der Rechte.

Wichtiger Baustein dabei: der Aufbau einer Community. Wie viele der 14?000 Mailadressen, die Sie dafür gesammelt haben, brauchten Sie dafür tatsächlich?
Schwer zu sagen. Die Community ist diffus. Und ob jemand sich nie bei dir meldet, der trotzdem fünf Freunden von deinem Film erzählt hat, weiß man ja nicht. Letztlich kann man heutzutage alles machen, wenn man es nur schafft, die Aufmerksamkeit einer Community zu erreichen.

Wer sind dabei die „Evangelisten“?
Besonders eifrige Unterstützer. Leute, die sich von selber melden, denen man gleichsam aus der Seele gesprochen hat und die dann freiwillig irgendwelche Aufgaben übernehmen. Bei uns zum Beispiel, die Tournee zum Film zu planen, uns an Spielstätten einzuladen.

Wie kommt man an diese offensichtlich eminent wichtigen Leute?
Das Tolle ist, die melden sich von selbst. Man kann das nicht planen. Sie sind eine Eigenschaft einer Community, die sich gerade bildet. Und wenn sich keine Evangelisten melden, dann gibt’s wahrscheinlich auch keine Community.

Das sind nicht fast immer automatisch auch die zahlenden Kunden?
Nein. Wir behandeln die auch nicht wie Kunden. Obwohl es da natürlich auch Bestellungen gibt, von Büchern, von Filmen. Aber diejenigen, die uns unterstützen, tun häufig noch etwas anderes. Indem sie nämlich darüber in einem Blog schreiben. Oder auf Facebook. Und diese Publicity, die andere für uns machen, ist das Wesentliche, um Aufmerksamkeit zu erringen.

Woher bekommen Sie denn Ihr Geld?
Hauptsächlich über unsere Website und den Webshop, über den wir die etwa 500 Bücher und mehr als 16?500 DVDs verkauft haben. Natürlich auch durch die Filmtournee.

Ob das mit der Finanzierung klappt, wissen Sie also stets erst hinterher.
Richtig. Wir sind immer voll ins Risiko gegangen. Das ist der Preis unseres Eigensinns. Wir haben uns aber für unser nächstes Filmprojekt selber zum Ziel gesetzt: Slow-Budget-Self-Funding macht nur Sinn, wenn man aus der Verwertung des einen Films dann auch einen neuen machen kann. Das Ziel haben wir fast erreicht.

Welche persönlichen Eigenschaften sind dabei eigentlich hilfreich?
Man sollte sich trauen, Leute anzurufen und seinen Pitch zu starten. Wichtig sind auch gute Nerven und Ausdauer. Aber ich glaube auch, man muss unzufrieden genug sein mit dem Schlange-Stehen bei staatlichen Institutionen. In der Filmwirtschaft sind viele noch nicht frustriert genug. Aber vom Schlange-Stehen und Anträge-Ausfüllen kann man keine Filme machen. Die Zeit, die wir dafür gewinnen, haben wir in Community-Arbeit investiert.

Der Buchtitel „Kann man denn davon leben?“ ist ja eine berechtigte Frage. Können Sie?
Ja. Das war uns auch bei dem Buch ganz wichtig. Es ist kein kritisches Buch über prekäre Kulturarbeit und prekäres Leben, sondern eine klare Ansage: Man kann davon leben. Wir sehen unser Buch auch nicht als Ratgeber, sondern als eine Entscheidungshilfe, womit man sich und seine Projekte prüfen kann. Ob andere das auch so machen wollen, sollen sie selber entscheiden. 

Interview: Erik Heier


Peter Haas/Silvia Holzinger: „Kann man denn davon Leben? Erfolgreiche Eigenvermarktung und Internetökonomie“
244 Seiten, E-Book: 4 Ђ, Print-Book: 18 Ђ
Blog zum Buch www.kann-man-denn-davon-leben.de

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