Stadtleben

Hanf- und Drahtseile in Schöneberg

LuscheBerlin-Schöneberg, Hauptstraße 119. Es gibt glamourösere Orte im Bezirk als diesen. Vor dem unauffälligen Souterrain-Geschäft „Hanf- und Drahtseile“ der Günther Lusche KG donnert der von zwei Autobahnen gespeiste Großstadtverkehr. Kinderschaukeln hängen im Fenster, außerdem Strickleitern und Sicherheitsgurtsysteme. Für Windowshopping-Fans kein Anziehungspunkt. Die Leute, die es hier vorbeizieht, haben es aber ohnehin eilig. Sie wollen zum riesigen Lebensmittel-Discounter ein paar Häuser weiter. Wer dagegen das Seilgeschäft ansteuert, kommt zielgerichtet. Denn hier gibt es nicht nur Seile aus allen möglichen Materialien und in zahllosen Stärkegraden.

„Wir führen auch Netze, Ketten, Möbeltragegurte, Seilzüge, Haken oder Schlingen“, sagt Nicolas Lusche, 50, der Enkel von Firmengründer Günther Lusche, und hat damit noch nicht einmal einen Bruchteil der Angebotspalette seiner Firma aufgezählt. Zumal darin auch viele Fachbegriffe wie „Kauschen“, „Schäkel“ oder „Kloben“ vorkommen, mit denen Otto Normalverbraucher ohnehin kaum etwas anfangen kann.

Dabei sind die Waren, die der 1923 eröffnete Laden anbietet, auch in der modernen Welt immer noch unverzichtbar. „Wir statten beispielsweise Zoos mit Absperrseilen oder Hanfseilen für die Affenkäfige aus“, sagt Lusche. Auch aus der Schifffahrt kommen seine Kunden, die etwa Befestigungstaue brauchen. Außerdem: „Ohne Seile und Drähte würde keine Bühnentechnik funktionieren.“ Und auch Baustellen mit ihren Kränen gehören zu den Abnehmern. Man merkt Nicolas Lusche schnell den Stolz über seinen alteingesessenen Betrieb in dem 120 Jahre alten Gebäude an, der für den TÜV auch Prüfungsaufgaben übernimmt und im Hinterhof eine Werkstatt für die Herstellung und Reparaturen von Seilen oder Drähten betreibt.

Das Geschäft ist durch die Konkurrenz der Baumärkte oder Online-Shops zwar nicht einfacher geworden, doch Nicolas Lusche baut auf Kunden, die Qualität suchen und Beratung wünschen. Neben gewerblichen sind das auch private Abnehmer, die Springseile für ihre Kinder, Sisalseile für ihre Katzen-Kratzbäume oder Schnüre für Bastelarbeiten kaufen. Wozu man aber die dicken, weichen, schwarzen Baumwollstricke braucht? Nicolas Lusche grinst: „Die sind in der Bondage-Szene sehr beliebt.“

Text: Eva Apraku

Foto: Harry Schnitger

Günther Lusche – Hanf- und Drahtseile Hauptstraße 119, Mo–Fr 8–17 Uhr, Tel. 78 89 38–0, www.lusche-seile.de

Titelthema des tip 15/2011: Das neue Schöneberg – Zwischen Gleisdreieck und Gasometer bewegt sich was

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