• Stadtleben
  • Harald Wolf: Vattenfall muss sich bewegen

Stadtleben

Harald Wolf: Vattenfall muss sich bewegen

Harald_wolf_tip Herr Senator, Sie wollen die Oligopole im Energiemarkt brechen, damit auch Vattenfalls hiesige Marktmacht. Wie passt das damit zusammen, dass Berlins öffentliche Einrichtungen von Vattenfall ihren Strom beziehen?
Harald Wolf Das hat nichts miteinander zu tun. Die Stromlieferverträge werden von der Senatsverwaltung für Finanzen regelmäßig ausgeschrieben. Diesmal hat Vattenfall die Ausschreibung gewonnen. Wenn ein Angebot die Ausschreibungskriterien einschließlich der formulierten ökologischen Kriterien am besten erfüllt, kommt es zum Zuge.

tip Wie beurteilen Sie Vattenfalls Klimaschutzbewusstsein – nicht zuletzt in Berlin?
Wolf Das Maß ist die konkrete Unternehmenspolitik. Die Umplanung von einem Steinkohlekraftwerk zu einem Biomassekraftwerk macht deutlich, dass das Unternehmen zumindest in diesem Punkt verstanden hat, dass es nicht gegen Politik und Bevölkerung planen kann. Wir werden sehen, inwieweit sich dieses Verständnis dann auch in einer Bereitschaft Vattenfalls fortsetzt, nur solche Biomasse einzusetzen, die Nachhaltigkeitskriterien tatsächlich auch gerecht wird. Moorburg (in Hamburg, wo Vattenfall ein Kohlekraftwerk baut, Anm. d. Red.) und die Atompolitik von Vattenfall zeigen allerdings, dass solcherlei Einsichten noch nicht sehr weit gehen.

tip Vattenfall beliefert die Landeseinrichtungen ja mit sogenanntem Ökostrom. Öko ist daran nur, dass das Unternehmen dafür RECS-Zertifikate aus alten skandinavischen Wasserkraftwerken benutzt. Der Strom selbst stammt vor allem aus Kohle- und Atomkraftwerken. Hat die Politik bei der Ausgestaltung des Zertifikathandels versagt?
Wolf Ich kritisiere, dass es möglich ist, Ökoprodukte anzubieten, ohne dass sich am vorhandenen Kraftwerkspark eines Anbieters prinzipiell etwas in Richtung erneuerbare Energien verändert. Entscheidend ist nicht der rechnerische Anteil im einzelnen Produkt, sondern die Gesamtbilanz eines Energieerzeugers. So wie es jetzt ist, wird in der Tat eine Mogelpackung möglich.
tip Sie selbst haben 2007 in einer Rede vor dem Abgeordnetenhaus beim Thema Emissionshandel von einem „Missbrauch von Marktmacht“ gesprochen. Gilt diese Aussage auch für Vattenfall?
Wolf Klar, alle vier großen Energiekonzerne waren damit gemeint – auch Vattenfall.

tip Welche Einflussmöglichkeiten hat das Land Berlin, um dagegen tätig zu werden? Zum Beispiel beim Abschöpfen von Extraprofiten für erschwingliche Verbraucherpreise?
Wolf Durch die Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes durch Rot-Grün ist die Preisaufsicht abgeschafft worden. Ich fordere seit Langem, nicht nur die Netzentgelte, sondern auch die Preisgestaltung zu regulieren.

tip In drei Jahren läuft ja auch die Vattenfall-Konzession für das Berliner Stromversorgungsnetz aus…
Wolf Dann wird der Konzessionsvertrag nach dem geltenden Recht europaweit ausgeschrieben werden und ich will, das Berlin einen Anteil am Netz erwirbt.

tip Wie konkret sind Ihre Pläne, mit einem landeseigenen Stadtwerk „Berlin-Energie“ in den Markt einzusteigen?
Wolf Die Konkretisierungen werden derzeit erarbeitet und im Spätherbst in eine Weiterführung des Diskussionsprozesses, den wir im Mai dieses Jahres mit einem Symposium begonnen haben, münden.

tip Sind diese Pläne eine Kampfansage an Vattenfall?  
Wolf Mit meinem Vorschlag betreten wir in Berlin Neuland. Ich will mehr öffentlichen Einfluss auf die Energieversorgung und die damit verbundene Infrastruktur, statt sie dem Geschäftsinteresse einzelner Unternehmen unterzuordnen. Das braucht Zeit, gute Vorbereitung und Kooperationspartner. Der Rückkauf der Dresdener Stadtwerke und die Entwicklung von Hamburg Energie zeigen, dass es sich auch finanziell darstellen lässt. Netze sind zuverlässige Einnahmequellen und keine Risikoanlagen. Das sehen offenbar auch andere so.

tip Ist eigentlich die Senatszusammenarbeit mit Vattenfall schwieriger als vorher mit der Bewag?
Wolf Die Bewag war ein kommunaler Betrieb. Vattenfall ist ein international agierender schwedischer Staatskonzern. Natürlich ist da die Zusammenarbeit schwieriger, als wenn man einen Landesbetrieb hat, den man selbst steuern kann.

tip Vattenfall schreibt Kulturpreise aus, beliefert Schulen mit Infomaterial, engagiert sich auch sonst sehr. Wer profitiert davon mehr: Vattenfalls Image oder die Stadt Berlin?
Wolf Ich glaube, so etwas sind nur Randbereiche. Vattenfalls Image wird von seiner Bereitschaft abhängen, ökologisch zu produzieren, in der Preisgestaltung kundenfreundlich zu sein und auch dezentrale Lösungen anzubieten.

tip Warum bleiben rund 80 Prozent der Berliner Stromkunden trotz alledem bei Vattenfall?
Wolf Vattenfall ist als Nachfolgerin der Bewag sicherlich als Marke bei den Berlinern bekannt und außerdem Grundversorger. Viele Menschen fühlen sich auch vom Tarifdschungel  abgeschreckt. Es gibt Konsumgewohnheiten, die sich erst allmählich auflösen. Immerhin zeigen die Berliner aber eine zunehmende Wechselbereitschaft. 

Interview: Erik Heier
Foto: Markus Wächter

Mehr über Cookies erfahren