Stadtleben

Hartes Pflaster Hermannplatz

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Foto: Benjamin Pritzkuleit

Willkommen sind sie nicht Gerold Zinks Arbeitsplatz auf dem Hermannplatz ist überaus zentral, er könnte kaum besser liegen. Nur wenige Meter entfernt vom U-Bahn-Aufgang, aus dem die Rolltreppe im Sekundentakt Passanten ausspuckt, hat der Händler in einem der rund zwei Meter langen Holzstände seine Waren drapiert. Vor ihm stehen Kerzen und Honig zu vier Euro das Glas, es gibt Holsteiner Salami zu 1,45 Euro pro 1o0 Gramm, daneben Landjäger für einen Euro und 2008er Rotwein aus Spanien für 6,50 Euro die Flasche. Fast jeder, der runter zur U8 will, kommt an Zink vorbei. Und wer aus dem Untergrund oben anlangt, wird mit Zinks jovialem „Was darf‘s denn sein?“ angelockt.

Wie jeden Donnerstag verkauft Zink seine Lebensmittel auf dem Hermannplatz, seit zwei Jahren, einmal die Woche. An anderen Tagen steht er in Britz oder an der Schillerpromenade. Die Geschäfte laufen gut. Nur leider in letzter Zeit nicht am Stand von  Gerold Zink, sondern zwei Meter davon entfernt: bei jenen Händlern, die man mit nur ein wenig Böswilligkeit als Kollegen von Zink bezeichnen könnte. Es sind die vielen Kleindealer, die am Hermannplatz ebenfalls ihren Geschäften nachgehen. Nachbarn, auf die Zink liebend gern verzichten würde. Diese Dealer haben einen noch prominenteren Platz als er, gleich am Treppenaufgang. Dafür preisen sie ihre Waren ein wenig dezenter an. Meist reicht ihnen ein leises „Hey!“. Dann wechseln ein paar Münzen den Besitzer. Und ein kleines Tütchen. „Keine Ahnung, was das genau ist, was die da verkaufen“, sagt Zink, „aber die ganze Zeit verticken sie Pillen oder ‘ne Messerspitze von irgend ‘nem Pülverchen.“

Sogar wechseln wollten die Drogenhändler ihre eher kleinteiligen Einnahmen schon bei ihm: Euro-Münzen in Scheine. Lustig findet Zink das nicht. Genausowenig wie die stetig wachsende Trinker- und Junkie-Szene, die einige Meter weiter gegenüber des Asiaimbisses in den letzten Monaten eine neue Heimat am Hermannplatz gefunden hat. Einbußen von 50 Prozent gab es in den letzten Monaten, sagt der Händler. Dabei sind die Margen sowieso schon knapp. 200 Euro Umsatz braucht er, um die 25 Euro Standmiete hereinzuholen und ein bisschen was zu verdienen: „Und davon bin ich in letzter Zeit weit entfernt.“ Während Zink Zeit hat, das alles zu erzählen, ohne dass ihn ein Kunde dabei stört, brummt bei seinen illegalen Kollegen das Geschäft. Es könnte sein, dass man am Hermannplatz deshalb bald auf Honigkerzen und spanischen Wein verzichten muss. Neben den Wein-, Brot-, Kleidungs- und Gemüsehändlern auf dem Platz klagen auch immer mehr Anwohner über die Zunahme von Dealern, Junkies und sogenannten Angehörigen des Trinkermilieus auf dem Hermannplatz.

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Foto: Benjamin Pritzkuleit

Sarah (31) wohnt zwar nicht direkt am Platz, sondern einige Ecken weiter in der Pannierstraße. Aber sie steigt hier täglich in die U8 Richtung Wedding: „Seit drei, vier Monaten nimmt das hier zu.“ Dabei müsste man sich am Hermannplatz längst an Dealer gewöhnt haben. Seit über 30 Jahren gehören der Platz und die angrenzende Hasenheide zu den bekanntesten Berliner Drogenumschlagplätzen und steht als Kriminalitätsschwerpunkt unter besonderer Beobachtung der Polizei. Doch wo bisher das schnelle Geschäft die Hauptrolle spielte, hat sich jetzt eine sichtbare Szene etabliert, die den Platz „als ihr Wohnzimmer“ ansieht, wie es Nicole Blättner formuliert.
Die Sozialarbeiterin ist beim Beratungsverein Fixpunkt für den Hermannplatz zuständig und nimmt, wie die Anwohner, immer mehr Angehörige der Drogen- und Trinkerszene auf dem Platz wahr. „Wir beobachten dort seit einem guten halben Jahr stark steigende Tendenzen“, sagt sie. „Ein Treffpunkt für Drogennutzer war der Hermannplatz schon immer. Aber dass sich das so verfestigt, das ist neu.“

Blättner arbeitet im Neuköllner Fixpunkt-Kontaktladen „Treffpunkt Druckausgleich“ in der Warthestraße. Klagen bekommt auch sie zu hören. „Es ist aber klar, dass sich Anwohner und Bahnfahrer beschweren“, sagt sie. Bis zu 70 Kontakte haben die Streetworker bei einem Einsatz auf und auch unter dem Platz im U-Bahnhof als Spitzenwert gezählt. Auf 40 bis 50 Leute schätzt Blättner den harten Kern aus Substituierten und Heroinkonsumenten, aber auch Alkoholikern, die den Hermannplatz als neuen sozialen Treffpunkt nutzen …

Die gesamte Reportage von tip-Autor Jörg Trautwein lesen sie in der aktuellen Ausgabe des tip 16/2010.

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