Stadtleben

Hauptwörter

Eine gewisse Schizophrenie ist dem Berliner nicht fremd. Er ist weltläufig und provinziell zugleich, gleichermaßen schroff und herzlich. Auch sprachlich bewegt er sich unentwegt zwischen den Extremen: Auf der einen Seite hat er eine absolute Vorliebe für Diminutive, die ihn selbst harmlose Abschiedsfloskeln wie „Ciao“ zu einem „Ciaoi“ oder eben „Tschaui“ machen lassen oder ein „jut“ zu „juti“. Andererseits hat er einen Hang dazu, aus allem Möglichen Hauptwörter zu machen. Der Zweck ist klar: Da ihm die wahren Wörter oft fehlen und noch mehr die passenden Fremdwörter, improvisiert er schnell und schafft ein paar neue Substantive, die sich kenntnisreich und befugt anhören. Hauptwörter klingen in den Ohren des Berliners irgendwie groß, zumindest größer als sein tatsächlicher IQ.

Besonders auf den Ämtern der Stadt ist die inflationäre Substantivierung eine gängige Methode, die Menschen spüren (und hören) zu lassen, wer hier das Sagen hat. Gern kommt noch ein Schuss Redundanz hinzu. Die Verabreichung der Impfung gegen die Schweinegrippe muss aufgrund des plötzlichen Ausbleibens des Eintreffens entsprechender Impfstoffe verschoben werden – das wäre so ein typischer Berliner Behördensatz. Bei Polizisten kann sich eine Zurechtweisung so anhören: Leider müssen wir von einer Verkehrsbeeinträchtigung ausgehen und zwar in Vollumfänglichkeit, sodass der normale Fluss des Verkehrs zum Zeitpunkt der Ordnungswidrigkeit nicht mehr gegeben war, wodurch es im konkreten Fall zu einer Beeinträchtigung der anderen Verkehrsteilnehmer kam, die nach ordnungshüterlicher Klärung verlangte.

Die zwanghafte Substantivierung von Adjektiven sowie die Adjektivierung von Substantiven steckt dem Berliner genauso im Blut wie die verschwen­derische Verwendung von Füllwörtern wie „quasi“ oder „mitnichten“ und der falsche Gebrauch antiquierter, schön geschwollener Formen wie „alldieweil“. Letzteres wird in dieser Stadt gern als Ersatz für „weil“ gebraucht. Wenn Sie jetzt stutzen, weil Sie alldieweil ebenfalls öfters benutzen und auch immer falsch, ist das immerhin ein gutes Zeichen für die gelungene Assimilation bzw. für das vollumfängliche Gelingen Ihres Ankommens im hauptstädtischen Umfeld.

Mehr über Cookies erfahren