Stadtleben

Haushaltsgeld Juni

Mein Lebenspartner steht in der Küche, schaut in die Blechdose (leer) und sagt: „So geht’s nicht weiter.“ Ich gebe mich demonstrativ beschäftigt. Mit der rauen Seite des „Putzi“-Schwamms schrubbe ich nun zum vierten Mal übers Küchenregal – ein bisschen auch aus schlechtem Gewissen. Meine Recherche-Tour am Wochenende fiel kostspieliger aus als geplant: Essen im Grill Royal, ein paar Drinks im Club, Taxifahrten – 300 Euro weg und das Budget „Haushaltsgeld Juni“ Mitte März aufgebraucht.

Einkaufsnetz


Das Telefon klingelt. Wie immer im richtigen Moment ruft die Schwiegermutter an. Ich beschwere mich über ihren knauserigen Sohn und sein fehlendes Verständnis für meinen Beruf als Hauptstadtreporterin: „Da ist man ja irgendwo auch repräsentativ“, versuche ich der 72- Jährigen zu vermitteln: „… und immer nur Döner und Clubmate – ganz ehrlich, Margot –, da gehen einem auf Dauer auch die Themen aus.“


Die Schwiegermutter wirkt betroffen. Dann macht sie einen Vorschlag. Bis der Finanzhaushalt wieder im Gleichgewicht ist, könnte ich doch die Clubrecherche mal aufs Internetz (sie spricht es immer am Ende mit „tz“ aus) beschränken. Zudem hätte sie gehört, wie sich im Bus ein paar junge Leute unterhalten haben über „… so eine Sache mit den Wendy-Girls im Internetz. Die arbeiten da in einem Club in Berlin“. An dieser Stelle korrigiere ich sie lehrerhaft: „Du meinst die Candy Girls, Margot.“


Erst gestern hatte ich die Internetsoap auf der MySpace-Seite entdeckt. Hier stellen drei junge Amateurschauspielerinnen in ihrer Rolle als agile Partyhühner ihren von Fun- und Drogeneskapaden erschütterten Arbeitsalltag in einem Berliner Elektro-Club dar (jedenfalls so, wie ihn sich die TV-Produktionsfirma MME vorstellt). Eine Protagonistin brüllt da vor der Tür der Clubtoilette: „Komm endlich raus hier!“ Die Antwort (aus dem Off): „Du bist nicht meine verfickte Mutter!“ An der Bar flirtet ein blond gelocktes Girl mit dem DJ, indem sie mit doppeldeutigem Blick an einem Stück Obst aus dem Cocktailglas lutscht.

In einer anderen Szene wird auf der Clubtoilette von einer gewissen Lola angekündigt: „Ich glaub, ich zieh meine Unterwäsche aus.“ Nebenbei berichtet die Toilettenpächterin, eine Transe in Kittelschürze, von ihrer früheren Identität als Vladimir – Tänzer im Friedrichstadtpalast. Um es kurz zu machen: Die Serie hat Potenzial. Auch die Kommentare spiegeln das wider: „Ey, die Serie is echt voll gail“ oder „Wow, Girls, eure Schuhmode macht mich verrückt“ ist auf der Seite zu lesen.


Der Vorschlag der Schwiegermutter macht durchaus Sinn, daher beschließe ich am Ende des Telefonats – möglicherweise zum ersten Mal überhaupt – ihren Rat anzunehmen. Ich verabschiede mich von ihr und sage alle Verabredungen fürs Wochenende ab – die Kasse ist leer, das Internetz wartet.

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