Stadtleben

Hausverwaltungen

Eigentlich ein Hammer-Job: Wenn das Telefon klingelt, muss man es klingeln lassen. Man darf nicht drangehen. Verboten. Man darf auch nicht höflich sein, wenn doch mal jemand durchkommt. Auf keinen Fall. Nie. Briefe muss man ungeöffnet wegschmeißen, man darf sie nicht lesen. Wenn mal jemand zu Besuch kommt, darf man nach Herzenslust unfreundlich sein – je unfreundlicher, desto besser. Und das Bes­te: Man braucht für diesen Job kein Abitur, Studium sowieso nicht, deutsche Rechtschreibung oder Grammatik darf man gar nicht beherrschen. Leser, die länger hier wohnen, haben es längst gemerkt: die Rede ist von Hausverwaltungen – dem Traumjob für alle frustrierten Sadisten. Für alle Abwimmel-Genies.

Ich selbst habe so um die zehn Berliner Hauverwaltungen hinter mir – und immer, wenn ich dachte, es kann nicht mehr schlimmer kommen, irrte ich mich. Irgendwann musste ich zusehen, wie meine 90-jährige Nachbarin, die ins Altersheim umzog, verklagt wurde, weil sie ihre Wohnung nach dem Auszug nicht ordentlich genug hatte streichen lassen. Ein Klassiker im Mieter-Quäl-Geschäft ist die überhöhte Betriebsabrechnung. Zum Jahresende bekommt man einen großen Stapel Papier – Abrechnungen von Schneeräumdiensten, Kabelfern­seh­unternehmen oder auch Fahrstuhlherstellern, selbst, wenn man im Erdgeschoss wohnt. Und irgendwo steht ein Betrag, den man überweisen soll, und der ist meist zu hoch. Kleiner wird er aber erst, wenn man monatelang schriftlich gebettelt hat, die generös angebotene Einsicht in weitere Unterlagen zu bekommen – natürlich erst nach Überweisung angefallener Kopierkosten, wobei Kopien bei Hauverwaltungen so teuer sind wie in der Zeit, als Kopierer noch Pkw-Größe hatten.

Hausverwaltungen in Berlin haben nur einen einzigen Zweck. Nämlich den, nie, aber auch wirklich nie für den Mieter da zu sein. Egal, ob der Keller unter Wasser steht, die Scheiße in der Toilette hochkommt, die Telekom dringend in den Raum mit dem Telefonverteiler muss oder man einen nachgemachten Schlüssel benötigt. Briefkästen werden nicht ausgetauscht, bevor sie nicht von der Wand fallen, Fassaden nicht gestrichen, der Elektriker wird zwar zugesagt, aber nicht gerufen und die Gasag erst alarmiert, wenn der Gasgeruch durchdringend durch den Hinterhof wabert.

Andersrum bekommt man aber natürlich schon einen Tag, nachdem die Frist für die Begleichung der Betriebskostenerhöhung abgelaufen ist, Briefe mit weiteren Ultimaten. Wenn ein altes Fahrrad im Kellergang steht, wird der kompletten Hausgemeinschaft per Zettel mit sofortiger Kompletträumung aller unverschlossenen Räume – „auf Kosten aller Bewohner“ – gedroht.
Ich weiß: Die Nazikeule ist immer daneben. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich bei den Berliner Hauverwaltungen um eine direkte Nachfolgeorganisation des alten Blockwartgewerbes handelt.

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