Stadtleben

Heilmann bekommt Recht

benjamin_pritzkuleit_heilmannWie geht das bloß? Dieses verdammte LAN-Netz. Soll er sein MacBook auf der Senatsbank etwa zulassen? Gräuliche Vorstellung. Aber Thomas Heilmann ist noch gar nicht im Amt, da hat er schon sein erstes Problem im Griff. Obendrein dank der Opposition. Vergangener Donnerstag, kurz nach 13 Uhr, Abgeordnetenhaus. Gleich ist Heilmanns Vereidigung als Justiz- und Verbraucherschutzsenator. Er wartet ganz links, hinter der Piraten-Fraktion. Blauer Anzug, weißes Hemd. Schlips sogar. Beugt sich kurz runter zu Gerwald Claus-Brunner. Der Kopftuch-Pirat in Orange, der immer aussieht, als habe ihn die BSR abkommandiert. Jetzt erklärt er Heilmann die LAN-Verkabelung am Tisch. Als eine Dreiviertelstunde später Ramona Pop, die grüne Fraktionschefin, schwungvoll Rot-Schwarz abmeiert, ist Heilmann das erste Senatsmitglied mit aufgeklapptem Laptop statt Aktenordner. Netz da. Alles gut.

Es ist ja alles Neuland für Heilmann, den Werber, den Internet-Unternehmer. Quereinsteiger in der Berliner CDU-Spitze vor drei Jahren. Jetzt doch noch im Senat. Weil sein Vorgänger Michael Braun den Koalitionsauftakt binnen zwölf Tagen geschrottet hat. Heilmann, so heißt es, habe ursprünglich Bildung übernehmen wollen. Ist aber weder in der SPD noch eine Frau. Neben ihm sitzt Sandra Scheeres. Die ist beides. Thomas Heilmann muss sich jetzt an vieles neu gewöhnen. Sieben Stunden Plenum zum Beispiel. Präsenzpflicht. Die Mühen der Ebene. Oder schlicht: genau hinhören, wenn der oberste Chef redet. Klaus Wowereit.  Der frisch vereidigte Senator plaudert gerade gut gelaunt mit Jochen Esser von den Grünen, da baut sich der Regierende Bürgermeister am Rednerpult auf. Heilmann deutet auf Wowereit. Zuckt entschuldigend die Schultern. Schickt Esser weg. Lacht dabei. Als Linken-Fraktionschef Udo Wolf irgendwas reinbrüllt, Wowereit ist gerade bei den Mieten, guckt Heilmann, sein Platz ist gleich neben Wolf, staunend rüber. Muss noch üben, so was stoisch zu ignorieren. Wie macht das eigentlich der Finanz-Nußbaum drei Stühle weiter links? Aha, Akten.

Um exakt 14.28 Uhr verlässt Heilmann erstmals seinen Platz. Schlendert raus. Als zweiter im Senat. Nußbaum ist schon weg.
Drei Tage vorher. Montagabend, CDU-Landesgeschäftsstelle unweit des Wittenbergplatzes. Der Versammlungsraum hat den Charme eines Kreissparkassen-Konferenzkabuffs. An der Fensterfront ein Dutzend schlaffer CDU-Fahnen. Hinten an der Seite auf einem Tisch Laugengebäck und Babybel-Käse. Am Rednerpult prangt noch der Wahlkampfslogan. „Gerade. Richtig“. Jetzt klingt das eher nach: Gerade. Noch. Rechtzeitig. An diesem Abend ist kurzfristig ein Kleiner CDU-Parteitag angesetzt. 61 von 80 eingeladenen Delegierten sind da, um Heilmann als ihren neuen Senator abzunicken. Könnte kollektive Erleichterung dampfen, bräuchte man im Raum ein Nebelhorn. Fast vier Wochen. So lange ist es an diesem Montag her, dass Michael Braun gehen musste. Wegen der von ihm beurkundeten Schrottimmobilien. In der Presse stand, CDU-Chef Frank Henkel habe lange einfach keinen gefunden, der sich den Job für läppische 11?000 Euro pro Monat antun mochte.

BPR_heilmannJetzt also Heilmann. Der ist Millionär. Angeblich hatte ihn Henkel als Ersten gefragt. Heilmann, 22 Jahre lang Unternehmer, brauchte Bedenkzeit. Als seine Nominierung vorfristig durchsickerte, war er im Urlaub. In seiner Kurz-Bio, die in blauen Deligierten-Kladden ausgereicht wird, ist nun gleich am Anfang ein Satz zu lesen, der da so noch nie stand: „Thomas Heilmann ist Volljurist.“ Falls es jemand doch noch nicht wusste. Das war die Irritation, als Henkel letztlich Heilmann vorschlug. Der, Justiz? Im Wahlkampf war der bestens vernetzte Partei-Vize mit allerlei Ideen aufgefallen. S-Bahn, Migration, Jobcenter. Nur nicht mit Justizeinfällen. Dass in den Koalitionsverhandlungen durchgestochen wurde, Heilmann seien dabei einige Details entglitten, spricht dafür, dass er nicht nur Freunde in der CDU hat. Während Henkel in seiner Parteitagsrede gegen die Grünen ledert, das mögen sie hier ja immer, unternimmt Heilmann danach leise, fast nuschelnd, erst mal einen kurzen Exkurs in die antike Rechtsgeschichte. Auf den Stühlen vor ihm gucken einige betreten. Dann aber gibt es keine Gegenstimme. Christdemokratische Einheitspartei Berlins.

Die Frage ist jetzt, wie das zusammengeht: die Justizbehörde und Heilmanns Drang zu unkonventionellen Gedankensprüngen. Kurz nach dem CDU-Parteitag denkt er in einem Interview gleich mal darüber nach, ob man nicht Strafgefangene im Internet surfen lassen könnte. Facebook im Knast. Was nicht so recht zum Senatsvorhaben passt, dort Kommunikation nach außen durch Handyblocker zu verhindern. Aber vielleicht haben Bankräuber interessante Facebook-Freunde. Donnerstagnachmittag, Abgeordnetenhaus-Kasino. Pause. Die Bedienung serviert Heilmann Rind: „Vorsehen! Der Teller ist sehr heiß.“ Er grinst zurück: „Dann warne ich davor künftig. Als Verbraucherschutzsenator.“ – Herr Heilmann, wie fühlt es sich an, oft zu lesen, Sie seien nur die „zweite Wahl“? „Stört mich gar nicht“, sagt er. „Dann sind die Erwartungshaltungen nicht so groß.“ Kurz zuvor hat ihn Ramona Pop im Plenum forsch „Notlösung“ genannt. Da winkte Heilmann ab. Sein Protestlachen sah improvisiert aus. Er lernt eben schnell.

Text: Erik Heier

Foto: Benjamin Pritzkuleit

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