Stadtleben

Heimspiel

Töchterchen (9) sitzt im Arbeitszimmer am Computer und klickt sich durch unseren Lieblingssender „YouTube“, als plötzlich ein akustischer Dolch mein rechtes Trommelfell durchstößt:

Sido: „Hey, hallo Kinder!“

Kinder: „Hallo Sido!“

Sido: „Hi Anna, Hi Thorsten und die anderen!
Levent, leg‘ das Handy weg!
OK! Soll ich euch mal ’ne Geschichte erzählen?“

Kinder: „Jaaaaaa!“

Sido: „Dann hört zu jetzt…!“

Es ist also soweit – „Augen auf!“ hat anscheinend auch den Kreis der Witch-Leserinnen an der Tischtennisplatte auf dem Schulhof erreicht. Der Medienpädagoge in mir erwacht und gerät auch gleich ins Trudeln.

Ich: „Ah, Sido! …und, was denkste?“

Sie: „Eleni hat es auf ihrem mp3-Player.“

Mein Gehirn rattert hart: „…wenn sie jetzt die weiteren Vorschläge auf der rechten Seite abmaust, kommt sie auf ‚Halt Dein Maul (Dirty Version)‘, ‚Schlechtes Vorbild‘, und ein paar Klicks weiter landet sie garantiert beim ‚Arschficksong‘ !“ Was dann…?! Sollte ich sofort intervenieren? Ein pädagogisches Unter-vier-Augen-Gespräch von Vater zu Tochter einfordern? Mich mit einem ungeübten Hechtsprung auf die Tastatur werfen, mit der Plauze den Bildschirm verdecken und „STROMAUSFALL!“ brüllen? Oder gleich präventiv verkumpeln, was ja bekannter Maßen das größte Abschreckungspotential besitzt: „Geil, du hörst auch Sido?! Ich auch! Toller Musikgeschmack, meine Tochter. Wollen wir ins Wohnzimmer gehen und gemeinsam sein erstes Album anhören? ‚Mein Block‘ finde ich auch total schau!“

Sido und der Kinderchor singen inzwischen die Hook:

„… Mama mach die Augen auf.

Treib mir meine Flausen aus.

Ich will so gern erwachsen werden und nicht schon mit 18 sterben.

Heey… Papa mach die Augen auf.

Noch bin ich nicht aus’m Haus.

Du musst trotz all der Schwierigkeiten Zuneigung und Liebe zeigen.“

„Sido ist doch ein Fuchs!“, schießt es mir durch den Kopf. Dass er mit diesem Song den schwarzen Peter der sozialen Verantwortung an die deutsche Elternschaft weitergereicht hat, habe ich ja bereits in meinem vorletzten Blogeintrag vermutet. Und jetzt stehe ich da und muss feststellen, dass ich in die Enge getrieben wurde. Aus den Boxen schallt die Aufforderung nach einer verantwortungsvollen Elternrolle, der Inhalt dieses Songs ist nicht einmal diskutabel, dahinter lockt der Orkus des abgefuckten Beleidiger- und Straßenraps, und ich kann nicht einmal mehr sagen, ich hätte nichts davon gewusst. Na super.

Während ich noch über derart Vielschichtigkeit sinniere, höre ich meinen Mausklick des Schicksals. Das Lied bricht ab und es schallt aus den Lautsprechern „Guten Tag, Guten Tag, ich will mein Leben zurück!“ von „Wir sind Helden“.

Sie: „Die haben alle diese komische Maske getragen.“

In manchen Momenten ist alles doch nur Pop ohne Diskurs. Danke dafür.

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