Stadtleben

Henning Rischbieter

Die Fähigkeit zum gesunden Theaterschlaf, der ihn zuverlässig in langweiligen Inszenierungen, also sehr oft, ereilte, war nicht das einzige Talent, um das unsereins Henning Rischbieter beneidete. In seinen Seminaren konnte man lernen, einem politisch naiven, historisch unaufgeklärten Blick auf das Theater zu misstrauen. In der von ihm 1960, mit gerade mal 33 Jahren, gegründeten Zeitschrift „Theater heute“, über Jahrzehnte das maßgebliche Fachblatt, konnte man lesen, was für ein Abenteuer das Gegenwartstheater ist (zumindest schien es auf den Seiten dieser Zeitschrift so). Seine eigenen Texten pflegen eine spröde Genauigkeit mit Liebe zur Statistik.

Dem blumigen Schwärmen unbedarfter Theaterkritiker setzte der Antipathetiker die nüchterne Beschreibung entgegen, die weniger um Originalität als um Schlüssigkeit bemühte Analyse, gerne mit historischem Hintergrundwissen versehen. Sein Auftreten im Stil eines in die Jahre gekommenen, dem Bordeaux nicht abgeneigten Bohemiens täuschte, und das nicht nur weil Rischbieter in seiner guten Zeit ein harter Arbeiter von beängstigender Produktivität war. Als Professor wie als Kritiker war Rischbieter durchaus machtbewusst.

Kein anderer Theaterkritiker dürfte das bundesrepublikanische Theater bis in die 80er-Jahre so geprägt haben wie Rischbieter. Mit „Theater heute“ hat er die Theaterkritik seit den 60er-Jahren auf ein anderes Niveau gehoben und sehr früh die Politisierung der Bühnen begleitet. Gegen das im Theater der ersten Nachkriegsjahrzehnte verbreitete feierliche Raunen konnte er schroff werden. Das aus dem Expressionismus der Weimarer Republik herüberragende Theater des Remigranten Fritz Kortner oder die Menschenerkundungskunst eines Rudolf Noelte war ihm näher. Von Anfang an begleitete Rischbieters Zeitschrift hellwach und entschieden die Aufbrüche einer politisierten, damals jungen Regisseurs-Generation von Zadek und Stein bis zu Grüber und Peymann. Blättert man in den alten Jahrgängen von „Theater heute“, hat man unwillkürlich den vermutlich täuschenden Eindruck: Das war die beste Zeit. Am 22. Mai ist Henning Rischbieter im Alter von 86 Jahren in Berlin gestorben.

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