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Hermann Parzinger über den Wiederaufbau des Stadtschlosses

parzingertip Der Bedeutungsdruck auf das Humboldt-Forum ist enorm: nationales Anliegen Schlosswieder­aufbau, Ort der neuen deutschen Identität, Haus des Weltwissens. Da kann es doch eigentlich für Sie nur zwei Optionen geben: groß scheitern oder klein siegen.

Hermann Parzinger Nein, wir haben hier eine großartige Chance, ein kulturelles Zentrum zu schaffen, das neuartig ist und weltweite Aufmerksamkeit erfahren kann. Ich bin aber entschieden dagegen, Weltbeglückungs­szenarien damit zu verbinden …

tip Aktuell wird bezweifelt, dass der Gewinner des Architekturwettbewerbs, Franco Stella, die Teilnahmebedingungen erfüllt hat, was Mindestjahresumsatz und Mitarbeiterzahl betrifft. Macht Sie das nervös?

Parzinger Nein, es waren klare Voraussetzungen definiert. Wir als Nutzer des künftigen Humboldt-Forums und auch ich persönlich als Jurymitglied, wir müssen darauf vertrauen können, dass alles korrekt abläuft. Dafür hat der Herr des Verfahrens, das Bundesbauminis­terium, zu sorgen. Stella hat, wie ich höre, dargelegt, dass er die Voraussetzungen erfüllt hat. Für uns gibt es jetzt keinen Anlass, das anzuzweifeln.

tip Stella selbst hat in einem In­terview gesagt, dass er sogar bei weitaus kleineren Wettbewerben in Italien nicht die Anforderungen erfüllt hätte. Was sagt das über die Qualität des Berliner Wettbewerbs aus?

Parzinger Das ist eine Frage an das Ministerium, das den Wettbewerb ausgelobt hat. Stellas Entwurf hat in der Jury alle Stimmen bekommen, weil er gegenüber allen an­deren große Vorzüge hatte. In den sechs Monaten, die wir mit ihm zusammenarbeiten, haben wir gemeinsam die Konzep­tion weiterentwickelt, insbesondere was die Funktionalität im Inneren betrifft.

tip Zum Beispiel?

Parzinger Wir müssen dafür sorgen, dass die einzelnen Funktionen nicht nebeneinanderstehen. Die räumlichen Voraussetzungen sollen ein integratives Zusammenwirken ermöglichen. Da sind wir auf einem guten Weg. Und es wird darauf geachtet, dass die Grundzüge des Wettbewerbsentwurfs erhalten bleiben. Im Oktober wollen wir dann den Stand der Planung der Öffentlichkeit vorstellen.

tip Welcher von den 40 Entwürfen wäre Ihr Favorit gewesen?

Parzinger Das war schon Stellas Entwurf. Wir alle in der Jury fanden große Vorzüge bei ihm, zum Beispiel diese Offenheit nach Osten.

tip Schlossneubau-Kritiker wie der Architekt Philipp Oswalt bemängeln, dass der Eingangsbereich sehr eng gefasst ist. Wer ins Forum kommt, sieht erst mal nur Verwaltungstrakte, Facility-Management und Ähnliches.

Parzinger Genau daran arbeiten wir gerade mit Stella, dass es nicht so sein wird. Das Gebäudemanagement verlegen wir in abgelegenere Bereiche. Der Besucher, der das Gebäude betritt, muss eine Großzügigkeit und Offenheit spüren. Da braucht es etwas mehr Raum, mehr Luft. Und er soll sofort begreifen, was er hier erfahren und erleben kann.

schoss_onlinetip Das erklärte Vorbild ist die Kunstkammer, die schon im 16. Jahrhundert im Stadtschloss angelegt wurde. Sie sollte alle Elemente der Welt im Mikrokosmos einer Sammlung vereinen. Was steckt dahinter?

Parzinger Man muss kurz in die Geschichte zurückgehen. Der Bundestagsbeschluss zur Errichtung des Humboldt-Forums geht auf die Empfehlungen der Internationalen Expertenkommission „Historische Mitte Berlin“ zurück. Darin war nicht nur enthalten, das Schloss in seiner äußeren Form wieder aufzubauen und ein Zentrum für die Kunst und Kulturen der Welt zu errichten. Die Idee war immer auch, einen Ort für alle Menschen, nicht nur für Bildungsbürger und Touristen, zu schaffen, ähnlich dem Palast der Republik. Und es sollte im Inneren auch einen Ort geben, der an die Geschichte des Hauses anknüpft. Und hier spielt die Kunstkammer eine entscheidende Rolle. Denn hier haben die Berliner Museumssammlungen ihren Ursprung, und es wird deutlich, dass die Keimzelle von Uni­versität, Bibliothek und Museum, also der heutigen drei Partner im Humboldt-Forum, im Berliner Stadtschloss lag.

tip Ins Humboldt-Forum werden die außereuropäischen Sammlungen der Museen Dahlem, die Zentral- und Landesbibliothek und die Humboldt-Universität einziehen. Die wirkliche Neuschöpfung aber ist die sogenannte Agora im Erdgeschoss. Was genau ist das?
Parzinger Die Agora ist der entscheidende Mehrwert, der im Humboldt-Forum entstehen kann. Der Begriff meint eine Art Marktplatz, wo alle Menschen hinkommen, die etwas Neues erfahren wollen. Denn es soll kein Nebeneinander von Aus­stellungen, Bibliothek und Forschungsbereichen geben, sondern ein wirklich integratives Programm.

tip Wie dürfen wir uns das vorstellen?

Parzinger Die Agora wird das Herzstück sein, das mit Film, Theater, Performance, Sonderausstellun­gen und Diskussionsveranstaltungen Themen aufgreift, die auch in andere Bereiche des Hauses hineinwirken. Dazu braucht es dann auch einen Intendanten, einen Stab von Mitarbeitern, einen Programmbeirat und ein Budget.

tip Müsste der Intendant für die Agora nicht schon längst im Amt sein?

Parzinger Nein. Ein Intendant ist dazu da, das Programm zu gestalten. Bevor das Gebäude nicht Gestalt annimmt, ist das noch nicht nötig. In der jetzigen Planungsphase beziehen wir aber das Haus der Kulturen der Welt, Bernd Scherer und seine Fachleute, mit ein, denn wir wollen ja nicht später einmal feststellen, dass zum Beispiel der Bühnenraum zu klein ist, um ein ambitioniertes Programm zu machen.

tip Ist Scherer auch ein Kandidat für den Intendantenposten?

Parzinger Ein Intendant hat immer nur eine befristete Position. Die Frage ist eigentlich eher, welche Rolle das Haus der Kulturen der Welt künftig beim Humboldt-Forum spielen wird. Ob die Institution mit einzieht, oder ob man beide Standorte bespielen will. Und wenn man zwei Standorte beibehalten möchte, dann kann das in meinen Augen nur unter einer gemeinsamen Leitung geschehen. Denn die Programme müssten sich komplementär ergänzen, und es darf keine Konkurrenzsituation entstehen.

tip Wer soll das finanzieren?

Parzinger Das muss natürlich die öffentliche Hand machen, das ist klar …

Das ganze Interview der beiden tip-Redeakteure Britta Geithe und Erik Heier lesen sie in der aktuellen tip-Ausgabe 16/09.

Fotos: Jens Berger, Catherine Gericke, Francessco Stella

Anders zur Welt kommen. Ein Werkstattblick Altes Museum, Bodestraße 3, Mitte, bis 17.1.2010, tgl. 10-18 Uhr, Do bis 22 Uhr, www.humboldt-forum.de

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