Stadtleben

HEROIN

Achtung, Theater gefährdet Ihre Gesundheit. Theater kann süchtig machen. Zum Beispiel nach Heroin. 1967 gastierte das legendäre Living Theatre in Westberlin und zeigte in der Akademie der Künste das Stück „Frankenstein“. Das Living Theatre, anarchistische Love and Peace-Aktionisten aus New York, war damals so etwa der Inbegriff radikaler Gegenkultur und künstlerischer Avantgarde, also im Theater das, was MC5 in der Rockmusik, Jerry Rubin im amerikanischen SDS oder Allen Ginsberg in der Literatur waren. Das Living Theatre gibt es übrigens noch, sie agitieren unerschrocken vor den Anwerbungsbüros der US Army gegen den Krieg im Irak. Schon vor dem Crash der Banken demonstrierten sie an der Wallstreet gegen die Diktatur des Geldes und für den sofortigen Zusammenbruch des Kapitalismus. Naja, wie es derzeit aussieht, wurden ihre Gebete erhört. Neulich gastierten sie auch noch mal in Berlin und Judith Malina rief vom Podium, mit ein bisschen Reformismus sei es nicht getan, eine Revolution sei schon das mindeste.

Ihr Berlin-Besuch 1967 hatte andere Folgen, wie man dem neuen Buch von Heroin_BesteckBommi Baumann entnehmen kann, in den er über sein Leben als linksradikaler Militanter im RAF-Umfeld, vor allem aber über seine Junkie-Biografie und drei Jahrzehnte Opiat-Sucht schreibt. Baumann ist ein Veteran, er gehörte Mitte der sechziger Jahre zur ersten Generation subkultureller Drogenkonsumenten. Und natürlich schaute er sich den Living-Theatre-Auftritt an: „Die standen nackt auf der Bühne und verteilten Reis. Diese Schauspieler hatten den Nimbus, ungeheuer hip zu sein. Die waren noch viel irrer angezogen als wir. Es gab immer eine Art unausgesprochenen Wettbewerb: Wer ist wirklich hip?“ Also genau wie heute.

Damals wurde in Berlin Opium geraucht oder gegessen, nicht gespritzt. Bis die Living-Leute die Scene auf den Geschmack brachten. Baumann: „Die fragten uns: Warum schluckt ihr das Opium? Drückt es doch! Das knallt viel besser… Sie hatten die Autorität des höheren Alters, kamen aus den USA und hatten eine politische Vorbildfunktion.“ Wer hip sein wollte, fing an zu fixen. Baumann spricht von der „Drückerkolonne Living Theatre.“ So viel zu den gesundheitsschädlichen Folgen des Undergroundtheaters.

i) Bommi Baumann: Rausch und Drogen, Rotbuch Verlag, 235 Seiten, 17,90 Ђ

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