Stadtleben

Herrenstriptease

„16 wird man nur einmal!“, sagt Gitte und schiebt ein Tablett fettiger Frikadellenrohware in den Herd. Dann greift sie in die Tasche ihrer XXL-Jeans und drückt mir ein Stück Papier in die Hand – he­rausgetrennt aus dem Annoncen-teil des tip, darauf zu lesen: „Junger Mann strippt kostenlos für die Frauen eurer Party oder eures Kaffeekränzchens, Jeff: Tel. …“

„Ruf da mal an“, trägt sie auf. Die Tante meint es ernst, das ist klar – auch dass Widerstand keinen Sinn hat. Gitte ist seit frühes­ter Kindheit Respektsperson für mich, dank der langjährigen Praxis als Tresenkraft im Schwarzen Adler ist sie in der Lage, mit ihren Ansagen und Zoten selbst Mitgliedern der Hells Angels die Schamröte ins Gesicht zu treiben. Heute trägt sie eine Kette, deren Perlen abwechselnd schwarz, rot und gelb gefärbt sind. Manchmal habe ich den Verdacht, Gitte wählt heimlich die NPD, in Wahrheit schwärmt sie nur für Gysi. Darüber hinaus plant sie eine Über­raschungsparty für ihre Tochter Kaja, die in einem Desaster enden wird. Kaja wird von ihren Mitschülern als zurückhaltend beschrieben, sie ist Vegetarierin und liest Simone de Beauvoir. Die Freude wird sich jedenfalls im Rahmen halten, wenn Mutti zum 16. Geburtstag einen Berg Buletten sowie einen vermutlich perversen Gratisstripper präsentiert.

Bei der telefonischen Auftragsabwicklung klingt Jeff unaufgeregt. „Bisschen kurzfristig … stelln Se ’n CD-Player bereit, und ’n Raum zum Umziehen brauch ich auch. Was wolln Se ’n haben – Pha­rao oder Polizis­ten?“ Ich bestelle den Pharao, frage endlich: „Wie­so strippen Sie eigentlich gratis?“ Nach einer kurzen Pause klärt mich Jeff, der normalerweise Sven heißt, auf: „Schon klar, dass Sie mich für bescheuert halten müssen, aber ich will mich nicht bereichern. Mir geht’s um Rache. Meine Freundin ist mit Kolleginnen zu so ’ner billigen Man-Strip-Show, danach ist sie nie mehr nach Hause gekommen, hat nur angerufen und gesagt, dass sie jetzt mit einem von denen zusammen ist – das war am 8. März. Am 9. habe ich die Anzeige geschaltet.“

Sven klingt sauer. Mehr als ein „Oh je“ fällt mir trotzdem nicht ein. „Weiber“, sagt er noch, dann ist das Telefonat beendet. „Er kommt um neun“, berichte ich nachdenklich der Tante, die mittlerweile die dritte Kiste Fürst von Metternich in den Partykeller schleppt. Inzwischen inspiziere ich die Plattensammlung von Gittes Ex-Mann, lege „Word Up“ von Cameo auf. Zum Herrenstriptease passt das gut, findet Gitte und ist zufrieden: Um kurz vor neun ist die Feier gerichtet. „Jetzt mach mal ’n freudlichet Jesicht“, sagt sie, dann klingelt’s.

Als sich die Tochter telefonisch meldet, ist das kein gutes Zeichen. Am Hörer wird die Tante blass, sagt leise: „Aha“ und „… da kann man wohl nur viel Spaß wünschen.“ Danach verharrt sie regungslos auf dem Sofa. „Sie kommt nicht!“, platzt es aus ihr heraus. „Kaja sitzt im Fiat Richtung Ostsee. Madame will lieber am Meer feiern!“ Ich lege meinen Arm um Gitte und bin unendlich erleichtert: „Wir können doch auch alleine feiern“, sage ich tröstend, „und den Stripper bestelle ich ab.“ Es klingelt an der Haustür.

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