Stadtleben

Hertha BSC

Egal wie die Saison ausgeht – ob am Ende der Abstieg steht oder ein 15ter Platz: Man muss die Hertha jetzt einmal in Schutz nehmen. Denn für das, was Hertha BSC in dieser Stadt zu erleiden hat, steht der Verein noch gut da. Das Schlimmste ist das Stadion. Dieses Monstrum, das sich zum Fußballspielen ungefähr so gut eignet wie ein Medizinball. Mit der breiten Tartanbahn ist es wie geschaffen für Leichtathletikmeisterschaften, für Wettrennen der Velotaxis oder für nationalsozialistische Paraden – aber eben nicht dazu, als Fußballfan seiner Mannschaft zuzujubeln, deren Spieler man schon ab der 20sten Reihe nur noch als Preiser-Männchen wahrnimmt.

Überhaupt dieses allgegenwärtige gigantomanische Fluidum – die lachhaft heldenhaften Arno-Breker-Figuren, der steingewordene Anspruch der ständigen Überlegenheit. Kein Wunder, dass selbst talentierte Fußballer in diesem Umfeld reihenweise auf Zwergenformat schrumpfen. Das Bewusstsein, dass hier einst Olympia missbraucht wurde, um die Überlegenheit der weißen Rasse zu demonstrieren (was gründlich misslang), dass sich hier vieltausendfach rechte Arme in die Höhe reckten und Hitler gebieterisch aus seiner Loge herausglotzte – das alles kann doch heute gar nicht zu sportlichen Höchstleistungen anspornen – sondern eher zum Hinterfragen der Leistungsgesellschaft.
Bei Hannover 96 hat der Selbstmord des Torwarts ausgereicht, um das Team in eine existenzielle Identitätskrise zu stürzen – in Berlin spielen sie seit Jahr und Tag an einem Ort, an dem sich die größten Massenmörder der Geschichte bejubeln ließen – das ist mindestens so, als hätte man für alle Zeiten ein Beerdigungsunternehmen als Sponsor auf dem Trikot.

Die Chance, ein richtiges Fußballstadion mitten in der Stadt zu bauen, hat der Senat in der ihm eigenen Wurstigkeit nach der Wende vertan – stattdessen darf der BND an der dafür geeigneten Stelle ein anderes hermetisches Monstrum der Machtdemonstration errichten. Dabei wäre ein richtiges Fußballstadion ein Angebot gewesen an all die Zugezogenen in der Stadt, die es nie mit der Hertha hatten, weil sie einerseits ihren Lieblingsverein im Herzen mitbrachten und andererseits bis heute keine Lust verspüren, in der großen Nazischüssel an der Stadtgrenze zu Spandau die Spiele mit dem Fernglas zu verfolgen. Nun tobt dort stattdessen ein Mob aus Brandenburg auf den Rängen, der schon mal mit Stangen auf die eigene Mannschaft losgeht. Kein Wunder, dass die Hertha-Spieler auswärts lieber und besser spielen als zu Hause. Egal ob Abstieg oder nicht – vielleicht kann diese denkwürdige Saison Anlass sein, über einen zweckdienlicheren, freundlicheren und weniger historisch kontaminierten Ort als Spielstätte nachzudenken. Was macht eigentlich die Brache in Tempelhof?

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