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Wer Hertha liebt, muss leiden können

Text: Lennart Koch
Veröffentlicht am: 30.07.2025
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Rap-Stars tragen gern Hertha-Trikots, Fabian Reese bleibt dem Verein treu – und die Ostkurve ist lauter denn je. Doch sportlich lief es lange mies. Eine Vermessung der „Alten Dame“ vor dem Auftakt der neuen Zweitliga-Saison.

Egal, wie das Spiel läuft, die Ostkurve ist immer voll. Den Fans von Hertha BSC geht es um mehr als Erfolg. Foto: Imago/Contrast

Die blau-weiße Dauerkarte garantiert Frustration. So war das schon immer. Bis auf 1930 und 1931 natürlich, als die Hertha zweimal in Folge Deutscher Meister wurde. Nach den großen Erfolgen vor mehr als 90 Jahren ist der Traditionsverein häufiger untergegangen als billige Schlauchboote auf dem Landwehrkanal. Skandale, (Zwangs-)Abstiege und Investoren, die windiger waren als ein Novembertag auf dem Tempelhofer Feld. „Die Alte Dame“ bricht gerne Herzen – und jedes Jahr verfallen neue Verehrer ihrem Charme.

In der vergangenen Saison sicherten sich 23.000 Fans einen Stammplatz im Olympiastadion. Nie zuvor hatte ein Berliner Club so viele Dauerkarten verkauft. Die berüchtigte Ostkurve bebte sogar bei Niederlagen gegen Elversberg und Münster. Im Durchschnitt pilgerten 53.191 Zuschauer:innen bei jedem Heimspiel nach Westend. Phänomenale Zahlen für eine verunsicherte Kickertruppe, die ihre treuen Unterstützer:innen mit vier Heimsiegen und einem lausigen elften Platz in der 2. Bundesliga belohnte. HaHoHe?

Wie geht es weiter mit der Hertha?

Trotz allem dürften auch in den kommenden Monaten wieder Rekorde aufgestellt werden. Nach dem Auswärtsauftakt in Gelsenkirchen am 1. August trifft Hertha BSC gleich am zweiten Spieltag auf den KSC. Die Fanfreundschaft der beiden blau-weißen Vereine gilt als eine der innigsten innerhalb des deutschen Fußballs. Bei der letzten Begegnung im Frühjahr 2025 sangen rund 63.000 Fans aus Berlin und Baden gemeinsame Hymnen. Das Spiel am 10. August gehört jetzt schon zu den Jahres-Highlights. Und es wird auf ein Neues erklären, warum so viele Menschen trotz aller Pleiten hoffnungslos verliebt sind in diese verfluchte Hertha und die magischen Momente, die sie fern vom Spielfeld verspricht.

Denn Berlin ist nicht Leverkusen oder Leipzig. Hier fährt man nicht ins Stadion, um 90 Minuten sportliche Höchstleistungen zu sehen. Viel mehr lässt man sich auf einen chaotischen Tag ein, auf das volle Programm: lauwarmes Kindl vormittags in der überfüllten Stadtbahn, das langersehnte Wiedersehen mit Kurvenbekanntschaften am Osttor, das Meckern über die langsame Einlasssituation, die Stadionwurst, Papas alter Schal, Frank Zanders knarzige Stimme, die Sonne auf den historischen Rängen des steinernen Kolosses, das Trommeln der Ultras, der Gesang aus tausenden trockenen Kehlen, das heilige „HaHoHe“, das vom Oberring herunterschallt, die netten Karlsruher, die vom Gästeblock aus grüßen, das unvermeidliche Gegentor, das erste „mann, dit wird doch wieda nischt“, der Heimweg zu Fuß durch Charlottenburg, der tröstende Futschi in der Eckkneipe, die Vorfreude aufs nächste Mal. Egal, wie das Spiel war und wie das nächste wird. Die Fans der „alten Dame“ sind halt etwas selbstzerstörerisch veranlagt. „Nur nach Hause geh’n wir nicht“.

Die blau-weiße Seele hält viel aus

Im Fußball gibt es viele toxische Beziehungen. Tatsächlich haben aber ausgerechnet Krisenvereine oftmals die treuesten Fans. Man denke mal an die Löwen von 1860, den MSV Duisburg oder – um Gottes Willen – an Schalke. Das sucht man sich halt nicht aus. Wie anders das Leben wohl wäre, wenn Opa Fan vom FC Bayern München gewesen wäre.

Wie auch immer, was Hertha auf dem Platz nicht bringt, schafft der Traditionsverein in der Hauptstadt. Nie hat man mehr berühmte Leute in blau-weißen Trikots gesehen. „Als West-Berliner hatte ich nie eine andere Wahl“, sagt der Wilmersdorfer Musiker Ski Aggu. „Ich rappe über alles, was in meinem Leben abgeht. Und dazu gehört der Verein, der Teil meiner Identität ist.“ Gemeinsam mit den Hip-Hop-Markenbotschaftern $oho Bańi und Luvre47 würde er gerne ein Lied veröffentlichen, das die Ostkurve feiert.

Hinter dem Pop-Hype stecken vor allem gutes Marketing und Lokalpatriotismus. Berliner Szene-Helden posieren in Retro-Shirts, Lieblingsfanartikel aus den frühen 2000ern werden neu aufgelegt. Eine Dokumentation zeigt Vereinsakteure und Fans hautnah. Als Berliner Originale, als Nachwuchs mit Charakter und der Fahne auf der Brust. Ohne die Windhorst-Champions-­League-Traumtänzchen, die den Verein beinahe in den Abgrund befördert hätten, ist die Hertha plötzlich wieder cool. Dass eine Identifikation mit dem Verein und eine enge Verbindung zu den Fans wichtiger sind als Millioneninvestitionen, die im Zweifel doch keine Erfolge garantieren, hat der 2024 verstorbene Präsident Kay Bernstein gelehrt. Sein Vermächtnis ist der „Berliner Weg“: Man setzt auf den eigenen Nachwuchs und treue Fans, nicht aufs große Geld. Und so ist die blau-weiße Familie unter Bernstein wieder zusammengewachsen.

Es gibt wichtigeres als den Aufstieg

In der Ostkurve stehen nun nicht mehr nur besoffene Hertha-Frösche in Jeanskutten, sondern stylische Jugendliche, die ihren Idolen nah sein wollen. Väter nehmen ihre Kinder wieder gerne mit ins Stadion. Denn egal ob man nun aufsteigt oder nicht, so viel Hoffnung wie gerade gab es lange nicht mehr. Alles geht nebeneinander her.

Auch die aktive Fan-Szene richtet sich neu aus. „Kreisel“, der Vorsänger der Ostkurve und Mitglied der Ultra-Gruppe „Harlekins Berlin ’98“, positioniert sich in den Medien, kritisiert die DFL, initiiert Proteste und wird gefeiert wie ein Star. Berlin will offensichtlich keinen glattgeschliffenen Premium-Club, sondern einen Lifestyle zwischen Marathontor und Westend-Klause.

Deswegen bleibt auch Fabian Reese der Hertha erhalten. Dass der „Berliner Fußballer der Saison“ freiwillig zweitklassig bleibt, ist eine Sensation. Seine Worte, die er zum Saisonfinale an die Fans richtete, stehen für so viel: „Liebe Hertha-Familie, wir alle haben denselben Traum. Deshalb möchte ich euch heute mitteilen, dass ich bleibe. Für Hertha, für euch, für uns, für die Stadt Berlin.“ Mit diesem Kader und der neuen Energie könnte es wirklich mal klappen mit dem Aufstieg. Aber das hat man schon so oft gedacht.

Dem Team von Stefan Leitl steht eine Schicksalssaison bevor. Ein Verein mit 59.217 Mitgliedern ist eben kein Kneipenteam, das zum Spaß auswärts fährt. Die Rücktritte des langjährigen Geschäftsführers Thomas E. Herrich und des Direktors Akademie und Lizenzspielerbereich, Andreas „Zecke“ Neuendorf, kündigen große Umstrukturierungen an. Auch die Suche nach einem neuen Sportchef gestaltet sich schwierig. Ach, und dann wäre da ja auch noch der alte Traum von einem eigenen Stadion.

Die Zukunft ist noch lange nicht gesichert. Aber auch wenn ein neuer Investor, ein Abstieg oder irgendeine andere Pleite der „Alten Dame“ mal wieder ordentlich die Beine wegziehen sollte, wird Ski Aggu drüber rappen. Die Hertha hat schon Schlimmeres überstanden.

Und zur Not übernimmt wieder mal der treue Pál Dárdai.


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tipBerlin im August

Am Stadtrand wartet in Berlin sehr viel mehr Urlaub als in den meisten anderen Städten der Welt. Wir haben Seen, Wälder und Naturschutzgebiete. Wir haben Berge (zumindest so genannte), Dünen, Wasserbüffel, Fledermäuse, chinesische Gärten und sogar Mini-Versionen von Venedig. Und all diese Ziele können wir easy an einem Nachmittag bereisen, Hin- und Rückfahrt mit der S- oder U-Bahn inklusive. Mehr Feriengefühl in kürzerer Zeit geht nicht. Das schafft man trotz des wunderbaren Schlendrians, der im August in Berlin einzieht, wenn der Schulpflicht-Wecker nicht um 6.45 Uhr klingelt und die lauen Nächte lang sind. Machen wir uns also einen Bunten zwischen Wannsee und Müggelsee, bevor Berlin im September wieder richtig loslegt mit Veranstaltungen, die wir auf keinen Fall verpassen wollen. Schönen Urlaub!

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