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Satire

Hertha, Union, Bundesliga: Die wirklich wahre Corona-Vorschau

Endlich wieder Bundesliga: Am Wochenende starten auch Hertha BSC (Samstag in Hoffenheim) und der 1. FC Union (Sonntag gegen die Bayern) nach der Coronaviruspause wieder in die Saison. Wenn auch vor leeren Tribünen. Kann das gut gehen? Die wirklich wahre Corona-Vorschau von Erik Heier.

Hinspiel 1.11.2019 Bundesliga: 1. FC Union Berlin gegen Hertha BSC mit 1: 0. Marcus Ingvartsen (l., Union), und Javairo Dilrosun (Hertha BSC)
Das Hinspiel in der Alten Försterei gewann Union gegen Hertha mit 1:0. Marcus Ingvartsen (l., Union), und Javairo Dilrosun (Hertha BSC). Foto: Imago/Bernd König

Freitag, 15. Mai, Hertha-Geschäftsstelle: Michael Preetz bekommt Post

Als der Hertha-Manager zur Bürotür reinkommt, findet er einen knittrig braunen A4-Umschlag auf seinem Schreibtisch vor. Darauf steht, mit blauem Edding in krakeliger Handschrift: „An den Preetz, aber pronto! Absender: Ostkurve.“

Preetz knurrt: „Was zum…?“ Er reißt den Umschlag auf. Eine C60-Cromdioxid-Kassette fällt zu Boden. Preetz guckt ratlos. Er ruft: „Haben wir irgendwo noch so ein altes Dings, wie hieß das doch noch, äh, ach ja: einen Kassettenrekorder?“

Jens Lehmann schlendert zur Bürotür rein. Er trägt einen gut sitzenden grauen Anzug, ein offenes weißes Hemd und Torwarthandschuhe. „Tach, alter Chancentod!“

Preetz: „Kaum im Aufsichtsrat und schon frech werden, dit ham wa jerne.“

Lehmann: „Kleiner Scherz. Am Oly werde ich immer ganz melancholisch. 2006, WM-Viertelfinale gegen Argentinien. Wie ich damals die beiden Elfer gehalten habe. So hier!“ Er wirft sich neben Preetz‘ Schreibtisch nach links auf den Fußboden, greift mit beiden Handschuh-Händen nach der Kassette.

Preetz: „Ja ja, Jensi.“ Ruft lauter: „Ich brauche jetzt einen Kassettenrekorder, verdammt.“

Zu selben Zeit, Sportschule Barsinghausen, Union-Quarantäne-Trainingslager: Manndeckung

Auf dem Rasenplatz, am Anstoßpunkt. Die Union-Spieler stehen im Kreis um Trainer Urs Fischer. Weil alle zwei Meter Abstand halten, ist der Spielerkreis deutlich größer als der Anstoßkreis. Urs Fischer muss fast brüllen, damit ihn alle auch verstehen. „Neven, und wenn der Thomas Müller anläuft, nimmst du ihn in Manndeckung, klar?“

Neven Subotic: „Das ist aber kein Corona-Mindestabstand!“

Fischer: „Ist mir egal. Dafür kannst du ansonsten von mir aus nur lange Bälle kloppen. Gegen die Bayern isses nichts mit Schönspielen. Das sind unsere drei Punkte. Die bleiben hier, verstanden?“

Subotic: „Echt eine Scheißidee, jetzt schon wieder zu spielen, Trainer! Und dann ausgerechnet gegen München! Wo der Söder in Bayern die Biergärten wieder aufgemacht hat. Ein Wahnsinn! Wie eine Hygiene-Demo mit vier Maß Erdinger pro Knalltüte!“

Fischer ruft zur Kabine: „Gebt ihr mir mal so ein Corona-Testkit? Der Neven hat schon wieder die große Corona-Flatter.“

Hertha-Geschäftsstelle: Liebesgrüße aus der Ostkurve

In Michael Preetz‘ Büro. Ein Mitarbeiter kommt mit einem tragbaren Kassettenrecorder von Blaupunkt rein. Das Gerät sieht ziemlich eingestaubt aus. „Hab ich in der Jürgen-Röber-Kammer gefunden. Puh, wann hat da eigentlich zuletzt jemand durchgefeudelt?“

Preetz steckt die Kassette rein, drückt auf Play. Plötzlich erfüllt ein infernalisches Gebrüll den Raum: „NUR NOCH MAL ZUR ERINNERUNG, IHR FLITZPIEPEN! UNS IST SCHEISSEGAL, WIE IHR IN HOFFENHEIM GURKT. INTERESSIERT IN DER OSTKURVE KEINE SAU. ABER WENN IHR DAS DERBY GEGEN UNION WIEDER VERKACKT, GIBT’S RICHTIG MISCHE. DANN HAT SICHS MIT CORONA-MINDESTABSTAND! REISST EUCH ZUSAMMEN! Liebe Grüße, eure Fans.“

Lehmann steht vom Boden auf. „Wow, das war noch lauter als der Klinsmann vor dem Argentinen-Spiel in der Kabine! Du weißt schon. Wo ich zwei Elfer gehalten habe.“

Preetz: „Erwähne du hier noch einmal den Namen Klinsmann, Freundchen, und der Windhorst braucht schon wieder einen neuen Aufsichtsrat!“

Jens Lehmann hält im WM-Viertelfinale gegen Argentinien 2006 den ersten Elfmeter. Foto: Imago/Camera 4
Jens Lehmann, jetzt neu im Hertha-Aufsichtsrat, hat übrigens 2006 im WM-Viertelfinale gegen Argentinien zwei Elfmeter gehalten. Foto: Imago/Camera 4

Samstag, 16. Mai, 15.10 Uhr, PreZero-Arena in Sinsheim, in der Hertha-Kabine: Windhorst

Bruno Labbadia, der neue Hertha-Coach, schwört seine Mannschaft ein: „Die kochen auch nur mit Wasser, klar, Männer? Es ist mir scheißegal, ob die diesen Dietmar Hopp haben. Wir haben jetzt Lars Windhorst! Der hat auch Kohle. Den mochte sogar schon Kohl! Wir lassen uns hier nicht zum Horst machen. Höchstens zum Windhorst, haha! IST DAS KLAR, MÄNNER? So, und jetzt alle Corona-Testkits raus, verstanden?“

Es klopft an der Kabinentür. „Kein Eintritt vor dem Spiel!“, brüllt Labbadia. Jens Lehmann kommt rein. „Jensi, sag mal, hast du Torwarthandschuhe über den Ohren?“

Lehmann geht zu Torhüter Rune Jarstein. Gibt ihm einen kleinen, zerknitterten Zettel. Darauf: unleserliche Wörter, etwas, das wie ein Tor mit sehr schiefen Ecken aussieht, Kreuze und Kreise.

Jarstein: „Was soll das sein, Herr Lehmann? Finnisch? Altgriechisch? Esperanto?“

Lehmann: „Weißt du eigentlich, wie ich damals gegen Argentinien die beiden Elfer gehalten habe? Wegen dem Zettel! Da stand alles drauf. Die Schützen. Wo sie hinschießen. Deswegen habe ich die beiden Elfer gehalten. Du weißt doch, dass ich ganze zwei Elfer gehalten habe, oder?“

Labbadia, genervt: „Ja, Jens. Wissen wir. Wissen wir alle.“

Und dann ruft er zur Tür: „Der Lehmann hustet ja so komisch! Kann den bitte mal jemand in Quarantäne nehmen?“

Immer noch Samstag, 17.30 Uhr, nach dem Spiel in der Hertha-Kabine: Siegstaumel

Labbadia hängt das Haar schweißnass in der Stirn, seine schwarze Anzughose hat Grasflecken an beiden Knien, er lacht über das ganze Gesicht. „Das war ganz groß, Leute. Haben wir die fertig gemacht, oder haben wir die fertig gemacht? Geil, geil, geil. Und wer hat den Kalou in der 85. Minute eingewechselt, na, wer? Das ist das beste 1:0 meines Lebens.“

Vor Euphorie dampfend, beginnt Labbadia, jeden einzelnen Spieler zu umarmen. Dann erstarrt er. „Salomon, nimm dein Scheiß-Handy runter! Na vielleicht wird’s bald???“

Sieg-Torschütze Kalou lässt widerwillig sein Handy sinken. Die Kamera läuft weiter. Im Live-Video auf seiner Facebook-Seite hört man Jens Lehmann sagen: „Schade nur, dass er den Elfer gegen uns nicht gegeben hat.“

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Coronavirus-Spielpausen-Training in der Alten Försterei
So leer wie beim Union-Training in der Coronavirus-Spielpause wird die Alte Försterei auch gegen Bayern München sein. Foto: Imago/Matthias Koch

Sonntag, 17.30 Uhr, Alte Försterei, Stadionsprecherkabine: Leere Ränge

Eine halbe Stunde bis zum Anpfiff Union gegen Bayern München. Stadionsprecher Christian Arbeit geht noch einmal die Aufstellungen durch. „Hoffentlich kriegt Neven den Müller in den Griff“, murmelt er. Sein Blick schweift über die leeren Ränge. Er seufzt. Scheiß Corona.

Plötzlich kneift er die Augen zusammen. Starrt auf die Stehplatztribüne hinter dem Tor. Greift sich sein Fernglas. „Das glaube ich jetzt aber nicht!“

Arbeit langt nach dem Telefon. „Ich brauche ganz schnell ein Dutzend Ordner. Und die Bull… äh, die tollen Polizeibeamten. SCHNELL, HABE ICH GESAGT!“

Selbe Zeit, vor der Union-Kabine: Kalles Papierkram

Vor der Union-Kabine: Union-Präsident Dirk Zingler läuft nervös auf und ab. Durch die Kabinentür dringen nur Wortfetzen nach außen: „Ist ja gut, Neven … musst du nicht… der Müller … Gesundheit, Neven!“

Plötzlich steht Karl-Heinz Rummenigge vor ihm. Mit einem Stapel Papiere. Hinter ihm tritt Oliver Kahn von einem Fuß auf den anderen und ballt die Fäuste. Er trägt Torwarthandschuhe.

Zingler: „Kalle, was geht? Oli, willkommen zurück in Berlin.“

Kahn zischt zwischen den Zähnen hervor: „Zwei Elfer. Zwei Elfer hat der Lehmann damals in Berlin gehalten. Ausgerechnet Lehmann. Und ich geb dem vorher noch die Hand! Scheiß Stadt! Scheiß Lehmann! Scheiß Elfmeterschießen!“

Zingler zu Rummenigge: „Ist er immer noch nicht drüber hinweg, wa?“ Rummenigge übergibt Zingler den Papierstoß. Zingler: „Jetzt ein Zweitjob als Postbote, Kalle? Wusste nicht, dass euch Corona so sehr zusetzt, haha!“

Rummenigge sagt: „Unsere Juristen haben mal durchkalkuliert, was es euch kostet, wenn sich einer unserer Spieler von euch mit Corona ansteckt. Wegen Championsleague und dergleichen. Kennst du, oder? Ausm Fernsehen jedenfalls.“ Rummenigge gibt Kahn High-Five.

Dann blättert er im Stapel. „Neuer: acht Millionen Euro. Lewandowski: 13 Millionen Euro. Thomas Müller: Die Zahl passte nicht mehr hier ins Feld rein.“

Zingler: „Sag mal Kalle, bist du jetzt völlig durchgeknallt?“

17.33 Uhr, Alte Försterei, Stadionsprecher-Kabine: Übertreibung

Christian Arbeit hat das Fernglas immer noch vor den Augen. Drüben, im sonstigen Fanblock, rennen gerade rund zehn Ordner und eine halbe Hundertschaft der Polizei die Stufen runter. Auf mittlerer Höhe steht ein Mann mit einem Pappschild, auf dem „Grundgesetz“ zu lesen ist. Neben ihm liegt irgendetwas, das wie ein großer Schlagstock aussieht. Oder eine heftige Wumme. Er beißt gerade in einen Burger und filmt sich dabei mit dem Handy.

Christian Arbeit murmelt: „Jetzt übertreibt der Hildmann aber wirklich!“

18.03 Uhr, Alte Försterei, auf dem Rasen: Strafe

Thomas Müller tritt an, den Ball am Fuß. Scheiße, denkt Neven Subotic, wie hat er den Raum bloß wieder gesehen? Teufelskerl. Subotic rennt Müller hinterher, hat ihn fast, zerrt ein bisschen am Trikot des Müncheners.

Plötzlich spürt er ein Kribbeln in der Nase. Und muss niesen. Direkt in Müllers Nacken hinein.

Der Schiedsrichter zieht glatt Rot.

Das Spiel endet 0:4. Dreimal Müller, einmal Lewandowski.

Montag, 18. Mai, 9 Uhr, Michael Preetz‘ Büro: Das Video

Die Bürotür fliegt auf, Preetz kommt bestgelaunt rein, wirft seine Aktentasche hoch und kickt sie mit Vollspann auf seinen Bürostuhl. Dann erst sieht er, dass Jens Lehmann auf selbigem sitzt. Lehmann fängt die Tasche. Obwohl er keine Handschuhe trägt.

„Früher hätteste den nicht getroffen“, grinst Lehmann. „Früher hätteste den nicht festgehalten“, versetzt Preetz. Beide geben sich High-Five. „Und nächste Woche ist Union dran!“, sagt Preetz.

Das Telefon klingelt. Lehmann nimmt heiter ab. „Vorzimmer Preetz, Lehmann am Apparat. Wer da?“ Preetz zeigt ihm einen Vogel.

Lehmann spricht ins Telefon. „Ach, DFL. Ja, Herr Seifert, Sie persönlich? Ah so, Chefsache. Salomon Kalous Facebook-Kanal? Kennen wir nicht. Wir hören hier aber auch noch Kassetten… Nein, kleiner Scherz. Ja, Internet ist uns geläufig. Ich youtube da manchmal das Elfmeterschießen gegen Argentinien.“

Preetz formt mit den Lippen: Was will der Chef der Deutschen Fußball Liga von uns?

Lehmann: „Warum rufen Sie… wie bitte? Wir sollen in Quarantäne? Die ganze Mannschaft? Zwei Wochen lang??? Ach so, Kalous Kabinen-Video… die paar Umarmungen. Und das Union-Spiel? Wie bitte?? 0:5???“ Sein Gesicht gefriert. Er legt auf.

Immer noch Preetz‘ Büro, kurz darauf: Megafon

Das Telefon klingelt erneut. Preetz geht ran. „Ja, Chancento…, äh, Preetz. Wer ist da? Union? Zingler, bist du das?“ Er hält den Hörer in Richtung Lehmann. Man hört die Stimme des Union-Präsidenten: „Hahahahahahahahahahahahaha!“ Preetz brüllt: „NATÜRLICH LEGEN WIR PROTEST EIN!“ Und wirft den Hörer auf die Gabel.

Plötzlich fliegt von außen ein Farbbeutel gegen das Fenster. Eine heisere Stimme dröhnt durch ein Megafon: „0:5 GEGEN UNION, IHR FLACHPFEIFEN? IST DAS EUER ERNST? DIE OSTKURVE IST GESCHLOSSEN HIER. MIT SCHEISS-CORONA-ABSTAND. WAS GENAU HABT IHR AN ,VERKACKT JA DAS DERBY NICHT‘ NICHT VERSTANDEN?“

Michael Preetz schaut zu Jens Lehmann: „Jensi, machst du das mal bitte?“ Und Lehmann zieht sich seine Torwarthandschuhe über, öffnet das Fenster und ruft heraus: „Seid gegrüßt, liebe Fans. Wer von euch war eigentlich 2006 schon beim Viertelfinale gegen Argentinien dabei?“

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Nicht nur die Bundesliga legt wieder los, auch ansonsten öffnen in Berlin Kultureinrichtungen, Galerien und Museen wieder. Und wenn ihr sowieso lieber in Parks statt ins Stadion geht, haben wir hier für euch die schönsten Parks zusammengestellt. Oder ihr lest einfach wieder mal ein gutes Buch: Hier sind unsere Empfehlungen für das bisherige Jahr.

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