Stadtleben

Hilfe für Straffällige in Berlin

KnastAls Franz Biberkopf nach vierjähriger Haftstrafe vor das schwarze, eiserne Tor der Justizvollzugsanstalt Tegel tritt, machen sich Ungewissheit und Überforderung breit. Zurück in der Freiheit weiß er nicht, was er machen soll, wo er wohnen kann, bei wem er Arbeit findet. So beginnt Alfred Döblins großer Roman „Berlin Alexanderplatz“ aus dem Jahr 1929. Heute gleicht nicht nur noch die schwere Eingangspforte in Tegel dieser Beschreibung. Für viele der jährlich rund 9000 Haftentlassenen in Berlin sind auch die Fragen nach den Bedingungen eines eigenständigen Lebens immer noch dieselben. Bei Phillip* liegt dieser Gang durch die Pforte noch in ferner Zukunft. So um das Jahr 2022 herum, frühestens. Weswegen der 25-Jährige 2008 in die JVA Tegel kam, möchte er nicht sagen. Im Gefängnis hat er eine Elektrikerlehre angefangen. Dabei gehört er dort zu den Besten. Das könnte helfen für die Zeit danach. Denn der nachhaltigste Faktor für eine erfolgreiche Resozialisierung, da sind sich Kriminologen, Sozialarbeiter und Behörden einig, ist eine gesicherte Erwerbstätigkeit. Da ein Großteil der Häftlinge aber nicht nur soziale Defizite, sondern auch eine  gescheiterte oder gebrochene Bildungsbiographie vorweist, ist der Weg dorthin lang. In dem mit 1557 Haftplätzen größten Gefängnis Deutschlands gibt es neben schulischen Qualifizierungsmaßnahmen vom Alphabetisierungskurs bis zum Fernstudium daher auch die Möglichkeit, verschiedene Berufsausbildungen zu absolvieren. Diese werden in den anstaltseigenen Betrieben, aber auch durch die gemeinnützige Universal-Stiftung Helmut Ziegner realisiert. Sie engagiert sich bereits seit 1960 in Tegel und bietet über Mittel der Arbeitsagenturen und des Senats aktuell 83 Umschulungsplätze an: zum Koch, Maler, Elektriker oder Kfz-Mechaniker.

In der Malereiwerkstatt können so beispielsweise jeweils zehn Insassen in 24 Monaten einen von der Handwerkskammer zertifizierten Gesellenbrief erlangen – und zwar ohne Hinweis auf den Ort des Erwerbs. Ähnlich wie in normalen Betrieben müssen sie sich dafür mit Motivationsschreiben, Eignungstest und Einstellungsgespräch bewerben. Vermittelt wird dabei jedoch stets mehr als nur Fachwissen. Werkstattleiter Andreas Wolf sagt: „Hier gibt es eine hohe Gewaltbereitschaft, da ist man auch immer als Pädagoge gefragt.“ Bei Einhaltung klarer Regeln entstehe jedoch meist ein Vertrauensverhältnis. Wolf: „Wir können behaupten, dass die Leute gerne herkommen.“ Phillip bestätigt dies auch für den Bereich der Elektriker. Zunächst sei er zwar skeptisch gewesen und eher wegen den dazugehörigen Hafterleichterungen in die Ausbildung gekommen. „Aber mittlerweile macht’s Spaß. Und ich würde auch behaupten“, sagt er mit einem Grinsen in Richtung des Ausbilders, „dass ich mich ziemlich anstrenge.“ Die Erfolgsquote ist hoch. Mehr als 80 Prozent der Teilnehmer erreichen ihren Abschluss. Allein: Für einen späteren Wiedereinstieg  in den Arbeitsmarkt ist dies nur ein Anfang.

„Die Tatsache, hier eine Ausbildung zu machen, reicht letztendlich nicht aus“, sagt Lars Hoffmann,  Sprecher der JVA Tegel. Denn einerseits liefen viele Gefangene Gefahr, in das sogenannte „Entlassungsloch“ zu fallen. Hilflosigkeit und Überforderung im Alltag könnten dann schnell alte Handlungsmuster reaktivieren. Andererseits gibt es außer den individuellen auch strukturelle Probleme bei der Arbeitssuche: Sei es das Stigma der Haftzeit oder der zunehmende Mangel an niedrigschwelligen Jobs. Da geht ohne Hilfe oft wenig. „Für die Reintegration sind die ersten drei Monate ganz entscheidend“, sagt der Geschäftsführer der Freien Hilfe Berlin, Thomas Meißner. Der gemeinnützige Verein betreut jährlich während und nach der Haft mehr als 4000 Straffällige mit individuellen Hilfsplänen bei Wohnungssuche, Behördengängen und Jobvermittlung. Zudem soll das Programm „Integration durch Arbeit“ helfen, sich wieder an die Anforderungen geregelter Beschäftigung zu gewöhnen. „Uns geht es zunächst vor allem darum, dass die Menschen wieder Grund unter ihre Füße bekommen“, erläutert Meißner.
Komplementär zu derartigen Angeboten freier Träger wird in Berlin seit 2009 mit den Modellprojekten „Passage“, „Oasis“ und „Startklar“ zudem die Etablierung eines systematischen Übergangsmanagements erprobt.

„Wir versuchen gewissermaßen, Strukturen zu schaffen, in denen die Straffälligen den Durchblick behalten“, sagt Svenje Marten von Passage. Durch Netzwerkarbeit sollen so Leistungen von JVAs, Jobcentern, Organisationen und Senat besser koordiniert und damit noch mehr auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten werden. Begleitet wird dies unter anderem durch ein Webportal mit Informationen zu allen relevanten Ansprechpartnern. Dennoch sind die Probleme oft komplex und die Hilfskapazitäten beschränkt. Deshalb bleiben die Chancen für Haftentlassene für den ersten Arbeitsmarkt sehr begrenzt. Zwar verfügen weder Justizverwaltung noch Arbeitsagenturen über entsprechende Daten. Aber verschiedene Stichproben und eine Rückfallrate nach Strafvollzug von mehr als 50 Prozent legen nahe: Sie sind insgesamt gering. Aber die Kombination von Qualifizierung und nachsorgender Betreuung erhöht nicht nur nachweislich die Vermittlungsquote, sondern reduziert auch signifikant das Rückfallrisiko. Entscheidend für die Resozialisierung ist deswegen nicht nur die Erwerbsarbeit selbst, sondern auch bereits die Aussicht auf solche. Döblins Romanheld Franz Biberkopf hat eben diese nicht. Sein Weg wird ihn vom Tegeler Tor schon bald wieder ins kriminelle Milieu führen. Phillip dagegen hat sie, zumindest langfristig. Bis zum frühesten Entlassungstermin 2022 kann er voraussichtlich eine Anstellung als Facharbeiter in der JVA bekommen. Mit dieser Berufserfahrung scheint danach eine Arbeit in Freiheit zumindest nicht ausgeschlossen. Das ist immerhin eine Perspektive.

Text: Nils Markwardt

Foto: Harry Schnittger

* Name von der Redaktion geändert

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