• Stadtleben
  • Holger in\t Veld über Schokolade und seine Insolvenz – Teil 2

Stadtleben

Holger in\t Veld über Schokolade und seine Insolvenz – Teil 2

Eine Insolvenz ist keine Spaßveranstaltung nach dem Motto: „Statt die schmutzige Wäsche zu waschen, schmeißen wir sie lieber weg.“ Bevor ich am Tag vor Heiligabend den Weg zum Amtsgericht Charlottenburg nahm, war ich bei Pontius und Pilatus und selbstverständlich auch in Canossa, habe mich vor Mitmenschen ge­bückt, die ich lieber angespuckt hätte, und habe parallel versucht, das Chaos der vergangenen Jahre so gut wie möglich zu ordnen, Kos­ten zu reduzieren und das Unmögliche zu schaffen: eine Luxusmarke mit dem Budget einer Currywurstbude am Laufen zu halten.

Wobei der Begriff „Luxusmarke“ irreführend ist: Was wir seit 2006 im Prenzlauer Berg produzieren, folgt lediglich dem Oscar-Wilde’schen Leitsatz des Bestmöglichen in Sachen Geschmack, Verpackung – und angemessene Präsentation. Gute Schokolade gehört in eine Umgebung ohne Impulsaufsteller, Halogenspots und Gummibärchen, es sollte nach Kakao riechen und nicht nach Tee oder Kaffee, und die Menschen, die diese Schokolade verkaufen, sollten wissen, was „Criollo“ ist (die edelste Kakaosorte) und welches Getränk dazu passt.
Für dieses nach Jahren zwischen Verkauf, Produktion, Handel und Gastronomie erworbene Wissen gibt es nunmehr keine eigene Adresse mehr, sondern nur noch die an verschiedenen Orten erhältlichen Reste unserer Produktion und – ein Buch. Geschrieben zwischen den nervenzehrenden Feuerlöschübungen, Beratungsterminen und Investorengesprächen des letzten Jahres, ist „Schokoladenrebellen“ eine Zusammenfassung meines Wissens zum Thema Kakao und Schokolade. Dass es nunmehr auch der Schlussstrich unter knapp acht Jahre kaufmännische Tätigkeit geworden ist, war nicht beabsichtigt und ist doch folgerichtig.

Denn was ich in „Schokoladenrebellen“ fokussiere, ist neben der Analogie-Setzung guter Schokolade zu guter Musik die Rückbesinnung auf Kakao: den Ursprung, die Pflanze, die Frucht. Diese Rück­besinnung konnte „in’t Veld“ weder als Laden noch als Marke letzt­endlich einlösen, wir hatten keine eigene Kakaoverarbeitung, die Produktion basierte auf dem Blend der besten fremdgefertigten Massen und Kuvertüren, eigen war nur die konsequente Verwendung von Ziegenmilchpulver in jeder unserer Milchschokoladen.
2002 gab es hierzulande kaum gute Schokolade und erst recht keine angemessene Präsentation und Vermittlung. Die Frage, was für einen Kakao diese oder jene Tafel enthält, hätte im KaDeWe nur Ratlosigkeit hervorgerufen. 2010 gibt es alleine in dieser Stadt mehr als ein Dutzend Fachgeschäfte mit gutem internationalem Sortiment, in Feinkost- und Bioläden stapeln sich die hochprozentigen Grand Crus, ganz zu schweigen vom anhaltenden Trend der Schokoladenmenüs, Schokolade-Wein-Degustationen und Schoko-Well­­ness-Behandlungen. Gleichzeitig hat sich substanziell wenig verändert: noch immer obliegt die grundlegende Verarbeitung von Kakao den gleichen multinationalen Konzernen, die ihren unwesentlich verbesserten Erzeugnissen nur modischere Kleidchen umhängen und sie mit neuen Aromen und Power-Extrakten pushen. Wer mag, frage in den alten und neuen Schoko-Tempeln am Gendarmenmarkt, den Flagship-Stores der Häuser Rausch und Ritter mal nach den Anbaubedingungen und der Fermentation des Kakaos, wo und wie lange die Bohnen gelagert, geröstet und conchiert wurden, wie viel Kakaobutter hinzugefügt wurde und was das bitte für den Geschmack bedeutet.

Dies alles musste ich der anfangs erwähnten Ladenstürmerin in Kurzform beibringen, während sie allem Unmut zum Trotz einen ordentlichen Stapel Schiffschokolade zusammensammelte. „Sie sollen kein blödes Buch schreiben, sondern sich um ihren Laden kümmern“, war ihr unmissverständliches Schlusswort. Gekauft hat sie es dann aber doch. Wie und wann es weitergeht, konnte ich ihr leider nicht genau sagen. Dass es weitergeht, ist aber sicher, denn um es auf HipHop zu sagen: Man kann mich aus der Schokolade nehmen, nicht aber die Schokolade aus mir.

zurück | 1 | 2 |

Text: Holger in’t Veld
Fotos: Uwe Schwarze

Holger in’t Veld: „Schokoladenrebellen. Der Sound der neuen Kakao-Kultur“
,
Eichborn Verlag, 192 Seiten, 16,95 Ђ

weitere Berliner Firmen:

EDSOR KRONEN KRAWATTENMANUFAKTUR

MADE IN BERLIN: FIRMEN AUS BERLIN

MADE IN BERLIN-PRODUKTE IN UNSEREM WEBSHOP

 

Mehr über Cookies erfahren