Stadtleben

Huren

Hamburg mag ja die Reeperbahn haben, aber Berlin ist dennoch die Hauptstadt der Huren, da sie sich hier weiträumig über das Stadtgebiet verteilt haben. An der
Kurfürstenstraße standen immer die ganz desperaten Fälle, die mit ihrem Körper den nächsten Schuss finan­zierten, an der Straße des 17. Juni die in die Jahre gekommenen Klassiker, an den Club-Tresen am Stuttgarter Platz die Erfahrenen, die selbst fürs bloße Reden Schampuspreise nehmen, in Prenzlauer Berg geerdete Sauerländerinnen, auf deren Steiß das Arschgeweih von früher dahinwelkt, und an der Oranienburger Straße der forsche Nachwuchs aus den Plattenbauten im Osten: im Sommer mit hohen Stiefeln, den String über (!) der Strumpfhose und extrem abgezwängter Wespentaille, in den Wintermonaten in schillernden wattierten Einteilern und Moon­boots – also dem klassischen Kitzbühel-Dress.

Die Huren an der Oranienburger verdienen am meis­ten – wegen der vielen Touristen aus der Provinz, die zum Beispiel ihren Junggesellenabschied in Berlin feiern und meist gar nicht mehr merken, dass das, was sich da unten hinter den langen Haaren abspielt, gar kein echter Blowjob ist. Die Hand – besser: die Faust – ist übrigens auch bei der Missionarsstellung im Spiel, für die vielen Pubcrawler reicht’s dennoch. „Falle schieben“ heißt der Trick.

Wahrscheinlich muss man früh aufgestanden sein, um in Berlin als Hure zu überleben. Das Angebot ist riesig – allein in dieser tip-Ausgabe finden sich auf den hinteren Seiten etliche Kleinanzeigen, die einen, ehrlich gesagt, nicht gerade scharf machen, aber vom harten Konkurrenzkampf künden. Ein einziges Bietergefecht aus Kürzeln ist das: „NS gegenseitig, FF, KV mit Aufnahme“ – klingt weniger wie das Versprechen auf ein paar schöne Stunden als wie der Dienstplan in der forensischen Pathologie.

An den Huren verdienen in Berlin viele mit, nicht nur die Zuhälter. Die Boulevardzeitungen zum Beispiel hätten ohne die ganzen Sex­anzeigen Probleme, zu überleben. Die Anzeigen sind übrigens teurer als Immobilienangebote oder Gebrauchtwagenannoncen. Das heißt: Auch die Verlage zocken die Huren ab, die aber dennoch nicht auf die Anzeigen verzichten können. Auf eine Annonce für 60 Euro kommen zehn Anrufe, zwei Freier schauen schließlich vorbei für durchschnittlich 50 Euro. Macht 40 Euro Verdienst am Tag. Haben oder nicht haben.

Die Hure, die mir das vorrechnete, hat an der Tür übrigens ein kleines Klingelschild, auf dem „Büro“ steht. Die Öffnungszeiten gehen von zehn bis 18 Uhr. Vielleicht gibt es selbst im horizontalen Gewerbe von Berlin noch Marktlücken.

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