Stadtleben

Ich will da hin!

Claus Peymann ist gekommen um zu bleiben. Für immer. Er will Berlin nie wieder verlassen. Er will der Stadt für alle Ewigkeiten erhalten bleiben. Das Berliner Ensemble ist auf dieser Reise in die Ewigkeit logischerweise nur eine Zwischenstation. Claus Peymann, ein Mann mit Visionen, hat die nächste Station schon mal ins Auge gefasst. Das gehört zur normalen Karriereplanung: Immer hübsch alle Optionen im Blick behalten und die nächsten und übernächsten Karrierestationen langfristig planen.

In diesem Fall ist die nächste oder übernächste Station der Friedhof. Das sagen keine Kritiker, die sein Theater schon länger etwas scheintot finden, das sagt Peymann selbst. Was immer man gegen den Intendanten des Berliner Ensembles Claus-Peymann_Foto_von_Berliner-Zeitungsagen mag, der Mann ist Realist. Aber er hat unübersehbar auch seine Ruhmsucht, die mit dem Tod noch lange nicht endet. Und das heißt, dass er sich sein Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, einem der berühmtesten Endlager großer deutscher Geister, schon mal gesichert hat. Hier liegen Hegel und Brecht, George Tabori und Heiner Müller idyllisch unter Bäumen. Hier sieht Claus Peymann den angemessen Ort, um die Zeit zwischen dem Ende der BE-Intendanz und dem Jüngsten Tag zu verbringen.

Peymann, wörtlich: „Ich will da hin.“ Immerhin, der Mann hat ein Ziel vor Augen. Die oft beklagte Ziellosigkeit und Beliebigkeit des Gegenwartstheaters ist ihm offenkundig fremd. Was dem jungen Gerhard Schröder lange vor seiner Kanzlerschaft das Kanzleramt war, ein gierig belauerter, sehnsüchtig angestarrter Wunsch- und Sehnsuchtsort („Ich will hier rein“), ist für den alten Peymann das Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Das hat etwas Anrührendes. Und der alte Witz, das Berliner Ensemble sei in Wirklichkeit nichts als eine prächtige Dependance des Dorotheenstädtischen Friedhofs, sozusagen das Zwischenlager, wäre mal wieder von einem Insider bestätigt. Abgesehen davon kann man als Außenstehender ja irgendwie ganz gut verstehen kann, dass vom BE aus die Perspektive, das alles irgendwann mal hinter sich zu haben und das Intendanzbüro und die Probebühne gegen eine letzte, ruhig gelegene Ruhestätte einzutauschen, etwas verführerisches haben muss.

Seine Karriereplanung für die Zeit nach seinem Ableben hat Claus Peymann übrigens einem Reporter der „Zeit“ anvertraut. Es ging in dem Artikel um die Frage, was es heute noch bedeutet, links zu sein. Dass Peymann zu dieser Frage ausgerechnet ein Friedhofsbesuch einfällt, ist dann doch sehr gut und auf eine gespenstische Weise unerwartet ehrlich.


Kritik, Kommentare, Fan-Mails? Her damit!

Mehr über Cookies erfahren