In Berlin leben zahlreiche Igel – aber im Gegensatz zu Tauben, Ratten oder Füchsen sind sie dem Großstadtalltag kaum gewachsen. Wenig Unterschlupf, kaum Futter und gefährliche Mähroboter machen ihnen das Leben schwer. Wir haben mit Wildtierreferent und Stadtnaturexperten Derk Ehlert gesprochen – über die Lage der Igel in Berlin und was zu tun ist, wenn ihr einem begegnet.

Igel auf roter Liste
Seit Anfang 2024 gilt der Igel in Europa neben vielen anderen Tierarten als „potenziell gefährdet“ und steht damit auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN). Die genaue Igelzahl in Deutschland und Berlin ist nicht bekannt. Zwar leben laut Deutscher Wildtier Stiftung neunmal so viele Igel in der Stadt wie auf dem Land – trotzdem werden die Sichtungen immer seltener. Das liegt vor allem daran, dass sowohl Städte als auch das Land für die Stacheltiere immer unfreundlicher werden. „Der infrastrukturelle Ausbau und der Klimawandel sind daran Schuld, dass es dem Igel schlecht geht“, erklärt Derk Ehlert, unter anderem Wildtierreferent des NABU Berlin. „Es wird zu heiß für die Tiere und auch die Futtersuche wird immer schwerer, da überall versiegelte Flächen wie Straßen und Mauern sind, wo sie nicht durchkommen.“

Verzweifelte Suche nach einem Zuhause
Eigentlich passt der Igel ganz gut nach Berlin: nachtaktiv, hat ein extravagantes Aussehen und fährt auch mal seine Stacheln aus, wenn man ihm blöd kommt. Und genau wie bei den meisten Berliner:innen wird es für ihn immer schwieriger, ein adäquates Zuhause zu finden. Ein schöner, großer Laubhaufen, genügend Insekten zum Fressen und eine ungestörte Überwinterung reichen dabei völlig, um ihn glücklich zu machen. Leider schaffen es immer weniger Tiere, einen passenden Unterschlupf zu finden.
Igel überstehen die kalte Jahreszeit im Winterschlaf. Damit sie am Ende wieder aufwachen, brauchen sie geschützte Verstecke und ausreichend Fettreserven, die sie sich vor dem Winter anfressen. „Die Igel fressen momentan, was das Zeug hält und wappnen sich für den Winter“, erklärt Ehlert. „Wenn der Igel gesund aussieht, dann bitte unbedingt in Ruhe lassen. Wenn er genügend Laub zum Verstecken hat, findet er eigentlich alles, was er braucht.“

Igel gefunden – was nun?
Ihr habt einen Igel in Not gefunden und fragt euch, was jetzt zu tun ist? Auch ohne Garten kann es passieren, dass euch der kleine Larvenconnaisseur über den Weg läuft. „Bevor man eingreift, sollte man sich online oder bei Expert:innen informieren“, empfiehlt Ehlert. In Berlin ist der Arbeitskreis Igelschutz Berlin e.V. aus Hermsdorf die einzige Auffangstation für Igel. Mehr als 80 Ehrenamtliche kümmern sich dort seit über 40 Jahren um Igel in Not. Zu ihren Aufgaben gehören die Aufzucht verlassener Jungtiere, die Pflege verletzter Igel und ihre anschließende Auswilderung. Da der Verein oft überlastet ist, kann man sich auch an Tierärzt:innen wenden oder erste Maßnahmen selbst treffen. Wir haben euch dafür einen Leitfaden zusammengestellt:

Ein kleiner Igelratgeber
Im Notfall:
- Gesundheit des Igels: Sind Verletzungen, Unterernährung oder Krankheiten wie Würmer zu erkennen? Wer einen Igel findet, sollte sich am besten erstmal bei einer örtlichen Igelauffangstation oder einer Tierarztpraxis melden. Zum Beispiel beim Arbeitskreis Igelschutz Berlin e.V. (Hermsdorf, 030 / 404 94 09) oder bei der Igel Auswilderungsstation Bernau bei Berlin e.V. (Bernau, 03337 / 463271). Im Notfall erreicht ihr den Tiernotarzt Berlin unter 0174 160160 6 rund um die Uhr.
- Eingreifen nach Notwendigkeit: Ganz wichtig! Wenn ihr in das Leben des Igels eingreift, kann das viel Stress für ihn bedeuten. Also erst so spät wie möglich intervenieren. Ist der Igel krank, verletzt oder unterernährt, kann eingegriffen werden. Aber einen Igel ins Haus oder in die Wohnung holen? Das sollte erst geschehen, wenn der Igel sich selbst nicht mehr zu helfen weiß.
Was ihr grundsätzlich tun könnt, um den Igeln zu helfen:
- Unterschlupf: Schafft einen Laubhaufen, in dem er sich einnisten kann. Als Igelzuhause eignen sich auch dichte Hecken, alte Baumwurzeln oder Komposthaufen. Wer mehr auf Ästhetik setzt, kann erfinderisch werden und beispielsweise einen Unterschlupf aus Ziegel- oder Feldsteinen bauen. Am besten legt ihr den Unterschlupf mit Blättern aus und schafft einen Eingang von etwa zehn mal zehn Zentimetern. So passt der Igel hindurch, ungebetene Gäste hingegen bleiben draußen. Sobald er sich im gesunden Winterschlaf befindet, ist die oberste Priorität, ihm ein ruhiges und ungestörtes Umfeld zu bieten.
- Futter: Igel sind eigentlich Selbstversorger. Würmer, Larven, Schaben gehören zu ihren Leibspeisen. Solange sie also nicht unterernährt oder krank aussehen, müssen sie unbedingt in Ruhe gelassen werden. Gerade in den kalten Jahreszeiten kann es jedoch für sie schwer werden, Futter aufzutreiben. Katzen- oder Hundefutter, gemischt mit etwas Haferflocken machen den Igel mehr als glücklich. Dazu Trinkwasser, das, genauso wie das Futter, täglich gewechselt werden muss.
- Wege schaffen: Auch wenn man es nicht glaubt, hat der Igel einen riesigen Bewegungsradius: SEin Territorium kann einen Quadratkilometer umfassen. Durch Mauern, Zäune und Straßen wird sein Radius deutlich eingeschränkt. Wer einen igelfreundlichen Garten führen möchte, kann ihnen durch vereinzelte Löcher im Zaun einfachere Wege schaffen.
- Gefahren minimieren: Ein Ende dem Mähroboter! Auch wenn das absurd klingen mag, gehören die automatisierten Rasenmäher zu den größten Gefahren für den Igel. Da der Igel, anders als andere Tiere, bei Gefahr nicht die Flucht ergreift, sondern sich zusammenrollt, enden die Begegnungen mit den Geräten oft tödlich für sie. Von daher: Am besten wieder selbst Rasenmähen und Vorsicht walten lassen, oder den Roboter nur am Tag laufen lassen, um mögliche Begegnungen zu vermeiden.
Ob der Igel wohl Musikfan ist? Nina Chubas Tourabschluss hat er sich sicher nicht entgehen lassen. Oder hört er eher Rockmusik? Dann geht er bestimmt zu den Foo Fighters im Juli 2026 im Olympiastadion. Eines ist sicher: Die tipBerlin-Novemberausgabe hat er gelesen. Dort hat er alles zur besonderen Rettung eines Waldes in Neukölln erfahren. Für den Emmauswald haben nämlich unter anderem die Pet Shop Boys einen Song gespendet. Damit ihr genauso wie der Igel immer auf dem neuesten Stand seid: Abonniert unseren Newsletter.

