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Im Chinaclub Berlin wird nicht nur Xiangqi gespielt

ChinaclubDie Clubräume sind genau dort, wo Berlin so deutsch ist wie nirgendwo sonst. Hier, am Rand Friedenaus, im Schatten der Autobahn und in Fußnähe zu Aldi und Schrebergärten, liegt die Cranachstraße, und in der Nummer eins befindet sich der Chinaclub Berlin. Dass der nichts mit dem protzigen Spesenritter-Treff im Adlon zu tun hat, ist spätestens dann klar, wenn sich die Tür öffnet.
Der von Energiesparbirnen gleißend erleuchtete Raum erinnert an ein Vereinsheim. An den gut besetzten Tischen, auf denen Thermoskannen und Chips stehen, wird das chinesische Schach Xiangqi gespielt, Tangram oder Vier gewinnt. Aus einem Nebenraum ist rasend schnelles Tischtennisgetacker zu hören. In der Küche köchelt ein riesiger Teetopf, eine steile Treppe tiefer folgt ein Raum mit Tischfußball und Billard.

Der Chinaclub hat ein gemischtes Publikum. Studenten wie Sun Chun, die an der Humboldt-Uni deutsche Philologie studiert, und der Maschinenbaustudent Rui Xu gehören dazu. Sie sind über ein Austauschprogramm nach Berlin gekommen und werden schon bald nach China zurückkehren. Auch eine Chinesischlehrerin, die seit 17 Jahren in Deutschland lebt und immer noch sehr wenig Deutsch kann, kommt oft. Von ihren elf Schülern wären nur vier Chinesen, klagt sie, die anderen hätten deutsch-chinesische Eltern.
Hanjo Lehmann hat den Chinaclub Berlin vor ein paar Jahren gegründet. Der 67-jährige Berliner hat das, was man eine bewegte Biografie nennt. Nach einem Deutsch- und Philosophiestudium arbeitete er als Lektor für deutsche Sprache an der Universität Oviedo in Spanien und wechselte anschließend an die Tongji-Universität nach Shanghai. Fünf Jahre und ein chinesisches Deutsch-Lehrbuch später kehrte er nach Berlin zurück, arbeitete als Heilpraktiker und nahm mit 44 ein Medizinstudium auf. Mit 60 promovierte er bei Dietrich Grönemeyer mit einer Arbeit, die sich kritisch mit der in Deutschland gängigen Akupunktur-Praxis auseinandersetzt. Dass er nebenher noch einen Vatikan-Krimi schrieb, der ein Bestseller wurde – geschenkt.

Lehmann ist einer, der sich reinhängt und mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält. Seine Arztkollegen bekamen das zu spüren („Wer kein Chinesisch kann, ist nicht kompetent, chinesische Medizin zu unterrichten“) und die GEMA sowieso („Die GEMA-Strukturen atmen noch immer Nazi-Geist“).
Dr_LehmannDass im Chinaclub kein Eintrittsgeld verlangt wird, hängt natürlich nicht mit der Furcht vor möglichen Forderungen der Musik-Verwertungsgesellschaft zusammen. Lehmanns Gründung ist kein Club mit kommerziellen Interessen. Es geht um Gastfreundschaft, Kommunikation, Austausch. Der Chinaclub, das ist Lehmanns fernöstlicher Salon. Wer Heimweh nach China hat, hier kann er Leidensgenossen treffen, Bücher und DVDs tauschen, aktuelle Filme sehen und sich mit Renminbi oder Taiwandollar an der Tee- und Chipskasse beteiligen.

„Ich bin kein Cineast“, sagt Lehmann, um gleich darauf eine profunde Einführung in den Film „Shang shi“ (von Choui Khoua, China 1981) zu geben, der an dem Abend auf dem Programm steht und eine Hommage an Ibsens „Nora oder Ein Puppenheim“ sei. „Ohne Frage war Ibsens Drama das wichtigste westliche Theaterstück, das jemals im Reich der Mitte gespielt wurde.“ Lehmanns Filmbegeisterung kennt keine Berührungsängste. Ein Actionfilm, der vage an die „Infernal Affairs“-Trilogie (Andrew Lau, Alan Mak, Hongkong, 2002) erinnert, wird genauso begeistert gesehen wie eine Kung-Fu-Klamotte oder ein rührseliges Beziehungsdrama. Solche Filme werden dann schon mal in Mandarin ohne Untertitel gezeigt, denn ein großer Teil des Programms ist außerhalb Asiens nie vermarktet worden.

ChinaclubAm Nachbartisch blättert Liu Yanyan im Booklet der Karaoke-Maschine. 30?000 Titel sind gespeichert, „davon kenne ich 3?000“, lacht die Musikproduzentin, die beim Chor mitmachen will, den Lehmann als Nächstes plant. „Die chinesische Sprache eignet sich einfach fantastisch für das Belcanto“, sagt Lehmann, „sie besteht fast nur aus Vokalen.“ Dass das legendäre Burg-Waldeck-Festival in seiner Biografie eine Rolle spielt, deutet er nur kurz an, dann kümmert er sich schon wieder um neue Gäste. Diese Herzlichkeit ist vielleicht das besondere Geheimnis des Chinaclubs.
Lehmann begrüßt, füllt die Chipsteller nach, wechselt souverän von Deutsch in Mandarin, macht Witze und ist aufmerksam. Später, als die Gäste des Chinaclubs gehen, ist es draußen längst dunkel. Friedenau schläft und nur in den Dürerstuben sitzen noch Gäste. Volksmusik dringt nach draußen – kein Belcanto, eher was zum Schunkeln. 

Text: Nicolaus Schröder
Fotos: Harry Schnitger

Chinaclub Berlin
Cranachstraße 1, Schöneberg, Eintritt frei, www.chinaclub-berlin.de

 

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