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Im Gespräch mit Ansgar Oberholz vom St. Oberholz

Ansgar_OberholzSeit fast acht Jahren bewirten Sie die digitale Avantgarde mit ­Latte macchiato und kostenlosem W-Lan. Nervt Sie Ihr Job manchmal?
ANSGAR OBERHOLZ
Im Großen und Ganzen bin ich immer noch glücklich über meinen Einstieg in die Gastronomie. Es gibt natürlich ein paar Evergreens, die lästig, aber auch fast schon wieder lustig sind. Zum Beispiel Gäste, die ihre eigenen Speisen und Getränke mitbringen. Der Vorgang an sich ist noch nicht mal erwähnenswert, sondern die Art, wie sie reagieren, wenn man sie darauf anspricht. Aber am besten sind die, die sagen: Moment mal, ich habe doch gestern Kaffee getrunken und eine Suppe gegessen, ich kann doch hier nicht jeden Tag was bestellen. Die Leute kommen mit einem Döner in der Hand rein oder fragen, ob sie noch einen Aufguss für den Teebeutel in ihrem leeren Glas haben können. Ich glaube, es gibt keinen anderen Laden, in dem die Gäste so dreist sind. Das spricht natürlich auch für das St. Oberholz. Die Leute scheinen sich hier wirklich zu Hause zu fühlen. Da sieht man auch daran, dass manche ihre Schuhe ausziehen, wenn sie sich hier niederlassen. Sie sind ja auch den ganzen Tag hier, die Freunde kommen und gehen, es ist teilweise wie in einem Wohnzimmer.

Jetzt haben Sie einen Roman über die mitunter chaotische Anfangszeit im St. Oberholz geschrieben. Warum haben Sie sich auf diese Phase beschränkt? Sind danach keine interessanten Geschichten mehr passiert?
Ich fand es spannender, eine Zeit zu beleuchten, als wir noch nicht so erfolgreich waren. Die Leute denken ja oft, dass der Laden von Anfang an total angesagt war. Wenn man den Rosenthaler Platz heute sieht, ist es auch schwer vorstellbar, dass hier mal Flaute herrschte. Dabei waren unsere ersten Kunden „Motz“-Verkäufer, ­Fixer und Leute, die nach heißem Wasser für ihre Fünf-Minuten-Terrine gefragt haben. Ich musste mir immer wieder anhören, dass es kein Wunder sei, dass der Laden nicht läuft, in dieser Lage und so weiter. Die gleichen Leute haben dann später gesagt: Hier in der Ecke kannst du aufmachen, was du willst – ist doch klar, dass das abgeht! In diesem Spannungsfeld bewegt sich das Buch. Wir haben zwischenzeitlich sogar überlegt, ob wir das Internet abschalten und den Laden in ein klassisches Restaurant umwandeln. Wenn die Kasse nicht stimmt und man sieht, dass die Leute lange sitzen, dann wird man natürlich nervös, gerade als der Laden voller wurde. Unter gastronomischen Gesichtspunkten ist das heute immer noch der Wahnsinn. Man könnte wahrscheinlich ein Vielfaches erwirtschaften, wenn man hier ein nettes Cafй reinmachen würde (lacht).

Dafür darf das St. Oberholz oft als Schauplatz für Beiträge über gesellschaftliche Entwicklungen wie die Flexibilisierung der Arbeitswelt und die Aufhebung der Trennung zwischen Beruf und Freizeit herhalten – Entwicklungen, die auch Schattenseiten haben. 
Ja, da sind wir mittendrin. Ich werde auch immer wieder als Experte für neue Formen des Arbeitens gefragt, obwohl ich ja nur ein Gastronom bin. Neulich habe ich sogar gehört, dass jemand in seinem Lebenslauf geschrieben hat: Juli 2008 bis September 2008 – St. Oberholz.

Was ist aus der digitalen Boheme geworden?
Ich glaube, der Begriff Boheme passt einfach nicht mehr. Die jungen Leute, die heute herkommen, leben nicht in den Tag hinein. Sie betrachten eine gewisse Experimentierphase ganz bewusst als Lebensabschnitt und haben einen Plan, wo sie hinwollen. Das ist wie eine Ausbildung. Das gilt gerade für den technischen Bereich: Selbst mittelmäßige Programmierer können sich ihre Jobs gerade aussuchen. Da fällt es natürlich leichter zu sagen, ich häng jetzt mal ein halbes Jahr im St. Oberholz rum. Das ist heute anders als vor ein paar Jahren. Da war die Stimmung viel pessimistischer und das Freelancertum eine Notlösung, weil man einfach keine Anstellung gefunden hat. Heute treffen sich hier eher Start-up-Unternehmer. Das ist eine Boombranche, da muss sich keiner so richtig Sorgen machen im Moment.

Ihr Buch beschäftigt sich auch mit dem Rosenthaler Platz und seiner Geschichte. Heute wimmelt es hier nur so von Touristen. Wie schaffen Sie es, da keine Ressentiments zu entwickeln?
Vielleicht war es hier vor zehn Jahren noch spannender, aber allen Entwicklungen zum Trotz haben der Rosenthaler Platz und die Torstraße noch immer den Touch des Unfertigen und des Räudigen. Man trauert natürlich, wenn Clubs oder Bars verschwinden, aber man ist ja auch gerade deshalb in Berlin, weil die Stadt so dynamisch ist. Ich bin lieber Teil der Veränderung und nehme Einfluss darauf, als zu jammern. Und so lange wir in diesem Haus sind, kommt hier auch kein H&M und kein Starbucks rein.

OberholzAber wird nicht die Freizügigkeit, die in Berlin herrscht, von Wochenendtouristen ausgenutzt, die sich Sachen erlauben, die sie zu Hause niemals tun würden? Zum Beispiel mitten auf die Straße zu pinkeln.
Die fehlende Bindung an den Ort und der Mangel an Respekt, den gerade die Easyjet-Touristen an den Tag legen, sind auf jeden Fall ein Problem. Die lassen ihre Bierflasche oft einfach auf die Straße fallen und finden das auch noch lustig. Am Wochenende ist es besonders schlimm, da sackt der ganze Platz echt ab: überall Müll und Scherben. Deshalb haben die Inhaber der Circus Hostels, das St. Oberholz und noch paar andere Gewerbetreibende dafür gesorgt, dass eine 400-Euro-Kraft am Wochenende aufräumt und die Scherben wegfegt. Wir machen das schon eine Weile und seither ist es deutlich besser geworden. Und zum Glück gibt es einen Bettenstopp für die Gegend, also keine neuen Baugenehmigungen für Hotels. Wir haben ja auch an die 2?500 Betten hier am Platz, das ist schon der Irrsinn.

Wann eröffnen Sie das St. Oberholz II am Hermannplatz?
Das werde ich oft gefragt, aber ich glaube nicht, dass sich unser Modell so ohne Weiteres reproduzieren lässt. Die Lage, der Ort, seine Geschichte, die Größe der Räume und das Ganze gepaart mit einem netten Vermieter, wie wir ihn hier haben – das ist nicht so leicht zu finden. Ein guter nächster Schritt wäre vielleicht ein Computerspiel „St. Oberholz: Kampf gegen die Gentrifizierung“.

In Ihrem Hausblog werden Dinge aufgelistet, die Leute hier liegen gelassen haben. Was war das merkwürdigste Fundstück?
Drei Stunden vor dem Auftritt des Papstes im Olympiastadion lagen hier auf einmal drei Tickets für die Veranstaltung auf dem Tresen. Die wurden dann auch ziemlich schnell wieder abgeholt, und zwar von einem Hipster, der alles andere als katholisch aussah. In meinem Büro liegen auch haufenweise Adapter für deutsche Steckdosen, die hier vergessen wurden – auch ein schönes Symbol für die Internationalisierung der Stadt. Es werden von Monat zu Monat mehr.      

Interview: Heiko Zwirner
Fotos: Oliver Wolff

Ansgar Oberholz: „Für Hier oder zum Mitnehmen? St. Oberholz – der Roman“
Ullstein extra, 240 Seiten, 14,99 Ђ

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