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Im Gespräch mit Cordelia Polinna über Stadtplanung in London und Berlin

Olympiahalle_London_2012London hat jetzt das, was Berlin sich in den 1990er-Jahren gewünscht hatte – die Olympischen Spiele. Die Stadt hat damit nicht nur weltweite Aufmerksamkeit, sondern auch einen Anschub zur Stadterneuerung bekommen. Kann man das so sehen?


CORDELIA POLINNA
Das kann man tatsächlich so sehen, denn die Olympischen Spiele finden im Osten der Stadt statt, im Lower Lea Valley. Das gilt immer noch als sehr benachteiligt, ist also quasi das Neukölln Londons. Es war allen Beteiligten schon ab 2003 klar, dass in diesen Vierteln dringend was passieren muss. Es wäre wahrscheinlich auch ohne die Spiele zu einer Erneuerung und Verbesserung der Infrastruktur in diesem Gebiet gekommen, aber mit den Spielen wurde ein richtiger Turbo gezündet. Es war auf einmal Geld und Aufmerksamkeit da. Auch wenn nicht alles perfekt gelaufen ist, gab es auf jeden Fall einen großen Impuls.

Finanziert sich so eine große Erneuerung durch die Olympischen Spiele? Oder muss man da anders denken?
Die Spiele sind ein riesiges PR-Event für ganz Großbritannien. Das sind auch Steuergelder, aus denen das finanziert wurde, sicherlich auch solche, die an anderer Stelle fehlen. Allerdings hat man bei diesen Spielen ganz massiv darauf geachtet, dass vieles, was gebaut wird, entweder nur temporär ist oder umgenutzt werden kann und auf lange Sicht der lokalen Community zugute kommt. Letzteres gilt für viele der Bauten und Infrastrukturmaßnahmen.

Wenn Gebäude nachgenutzt werden können – in welcher Form wird das geschehen?
Das ist ganz unterschiedlich. Einmal soll eine Sporthalle als Festsaal beispielsweise für muslimische und hinduistische Hochzeiten nachgenutzt werden. Bei solchen Anlässen kommen oft tausende an Menschen zusammen.

CordeliaPolinnaUnd was bleibt den lokalen Gemeinden von den Sportstätten?
Das schöne Schwimmstadion von Zaha Hadid zum Beispiel bleibt erhalten, wird aber um vier Fünftel der Tribünen abgespeckt, von 17?500 Sitzplätzen bleiben 3?500 übrig. In der Gegend wird dringend eine Schwimmhalle gebraucht.

Können Städte wie Berlin von „Design for London“ lernen?
Absolut. Wenn man sich in Berlin problematische Projekte anschaut, bei denen beispielsweise Verantwortliche für Stadtentwicklung schlecht mit denen für Verkehrsplanung zusammenarbeiten, würde in der britischen Hauptstadt „Design for London“  eingreifen. Mit Fördergeldern, aber auch mit dem Willen, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen. Das ist ziemlich vorbildlich, wie das läuft.

Hat diese Abteilung Entscheidungsgewalt oder ist sie eher moderierend tätig?
Stadtentwicklung sollte heute moderierend sein. Allerdings kann die Abteilung auch mit Fördergeldern überzeugen. Außerdem mit der Aussicht, gemeinsam mit anderen an einem Strang zu ziehen. „Design for London“ hat aber auch eine gewisse Entscheidungsgewalt, weil sie direkt beim Londoner Bürgermeister angesiedelt ist. Und für den ist Stadtplanung ein ganz wichtiges Thema. Anders als bei Herrn Wowereit.

Londons Bürgermeister Boris Johnson hat also viel möglich gemacht?
Ja, aber auch schon sein Vorgänger Ken Livingstone hatte sich das Thema auf die Fahnen geschrieben. London wächst wahnsinnig schnell, da musste einfach was passieren. Und wenn „Design for London“ sagt, da muss was passieren, zum Beispiel in der Planung von fußgängerfreundlichen öffentlichen Räumen, und der Bürgermeister steht dahinter, dann ist schon ein großer Schritt in Richtung Umsetzung getan – anders als in Berlin, wo Projekte oft zu unentschlossen angegangen werden.

London bringt also den großen Wurf, während in Berlin zwar große Projekte angegangen werden, aber der Zusammenhang fehlt?
In Berlin fehlt in Sachen Stadtplanung einfach eine Idee, wo man mit der Stadt hin will. Wowereits Berlin-Motto „Arm, aber sexy“ ist ja kein Slogan, auf dem man eine Stadtentwicklung aufbauen kann. Wir haben hier, ähnlich wie in London, die vielen Kieze, die untereinander in Konkurrenz stehen. Außerdem das Auseinanderdriften von Innenstadt und den Bezirken außerhalb des S-Bahn-Ringes. Da müsste die Stadtplanung viel integrierender wirken. Man müsste mehr das große Ganze im Blick haben. Und sich fragen, ob es wirklich nötig ist, gleichzeitig den Spreeraum mit Bürogebäuden zu entwickeln – Stichwort: Media-Spree- und dazu künftig Büro- und Gewerbegebiete auf dem Tempelhofer Feld, an der Heidestraße nördlich vom Hauptbahnhof, in Tegel und im Umfeld des Flughafens Schönefeld zu bauen. Dabei gibt es gar nicht so viel Bedarf. Stattdessen müsste man erst einmal eins von diesen Gebieten erfolgreich entwickeln, eine Priorität setzen. Dazu braucht man aber jemanden, der das kommuniziert und moderiert und für die anderen Bezirke einen Ausgleich findet. Für solch einen Prozess wäre eine starke Vision für Berlin sehr hilfreich.

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