• Stadtleben
  • Im Gespräch mit Kazim Erdogan über die Woche der Sprache und des Lesens

Stadtleben

Im Gespräch mit Kazim Erdogan über die Woche der Sprache und des Lesens

Kazim_ErdoganHerr Erdogan, wann und in welcher Situation haben Sie für sich selbst den Wert von Büchern, von Literatur erkannt?
KAZIM ERDOGAN
Schon im Internat. Dort war ich zwölf Jahre lang, in einer Stadt im Osten der Türkei. Es war verboten, etwas zu lesen – außer Schulbücher. Und alleine diese Schulbücher, wie langweilig sie auch sein können, die man auswendig lernt, haben mich dazu gebracht, mich für mehr Literatur zu sensibilisieren.

Ein Leseverbot? Warum denn das?
Weil Holzköpfe die Internate geleitet haben. Da hat man uns lieber beten und fasten lassen. Bloß keinen Roman lesen, der die Horizonte der Menschen erweitert.

Am 1. September startet die von Ihnen 2006 in Neukölln initiierte Woche der Sprache und des Lesens, und zwar erstmals in ganz Berlin. Sie lesen am 3. September auf dem Theaterkahn am Märkischen Ufer Gedichte von Aziz Nesin. Warum gerade ihn?
Aziz Nesin ist im wahrsten Sinne des Wortes mein Vorbild. Ich habe in meiner kleinen Welt nie einen so wunderbaren Menschen kennenlernen dürfen wie ihn. Nesin war ein sehr populärer Satiriker und Atheist. Er hat Teile der „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie ins Türkische übersetzt und bekam deshalb in der Türkei sehr viel Ärger mit islamistischen Fundamentalisten. Er hat schon mit 15 Jahren Ärger bekommen, weil er immer Probleme mit dem System hatte. Unabhängig davon, ob jemand Atheist ist oder nicht: Wenn er das, was er kann und das, was er hat, den Menschen zukommen lässt, ist er für mich ein wunderbarer Mensch. Aziz Nesin hat 98 Prozent seines Vermögens in seine Kinder-Stiftung gesteckt, um damit Waisen und Halbwaisen eine bessere Bildung zu ermöglichen. Sie sind die zukünftigen Köpfe der Türkei.

Bundesweit bekannt geworden sind Sie 2007 als Gründer der ersten Selbsthilfegruppe für türkische und arabische Väter, eines von vielen Ihrer Projekte beim Verein Aufbruch Neukölln, die „Präventive Eltern­arbeit“, „Mütter im Gespräch“ oder „Initiative für ein noch besseres Neukölln“ heißen. Anfangs sollen Sie oft für neue Ideen belächelt worden sein. Wie gehen Sie damit um?
Sehr locker. Locker ist auch die Planung bei meinen Projekten. Ich schreibe nicht viel, keine Konzepte, keine tollen Sätze, was dabei rauskommen soll. Sondern ich handele erst einmal, veröffentliche ganz wenig, lade die Presse nicht ein. Erst wenn das Projekt zu einem Mini-Erfolg geführt hat, rede ich öffentlich davon.

Warum so und nicht andersherum?
Jeden Tag sagen im Fernsehen Menschen: „Bildung, Bildung, Bildung, und noch einmal Bildung“. Und bevor all diese Menschen aufstehen, haben sie keine Kräfte mehr, weil sie so viel geredet haben. Ich mache das Gegenteil, indem ich erst mal die Kraft einsetze und danach schaue, was dabei herauskommt. Und es motiviert mich auch, wenn die Menschen manche Dinge unterschätzen. Wissen Sie, warum? 90 Prozent des Erfolges ist, dass man selbst daran glaubt.

Beruflich arbeiten Sie bei den Psychosozialen Diensten des Neuköllner Bezirksamtes. Werden Sie eigentlich im Alltag als Vertreter des Staates wahrgenommen?
Meinen Lebensunterhalt bestreite ich durch meine Arbeit in diesen Räumen, in denen wir gerade sitzen. Aber meine Projekte laufen zu 99,9 Prozent wirklich ehrenamtlich. Am Anfang hatte ich es auch nicht so leicht, Anerkennung zu finden. Das ging dann so: Da kommt ein Verrückter aus Tempelhof-Schöneberg und will Neukölln retten. Ein Exot. Aber mittlerweile findet meine Arbeit nicht nur in Neukölln, sondern in der ganzen Stadt wirklich Anerkennung. Bis zum Dezember bin ich zu 20 Fachtagungen eingeladen. Und wenn ich dort die Multiplikatoren beeinflussen kann, dass sich dann auf jeder Fachtagung fünf Leute von meinen Projekten anstecken lassen – oder von meiner frischen Kraft, obwohl ich fast 60 bin …

Sie stammen aus Gökçeharman, einem Dorf in Zentralanatolien, und kamen 1974 nach Berlin. Ist das richtig, dass Sie der allererste Hochschulabsolvent Ihres Dorfes waren?
Ich war der erste Abiturient und ich bin immer noch der einzige Akademiker des Dorfes.

Warum gerade Sie? Ihr Vater war doch selbst Analphabet.
Mein Vater hat aber gesehen, dass Bildung enorm wichtig ist, und deshalb hat er mich in das Internat geschickt. Das war immerhin 480 oder 500 Kilometer entfernt. Damals war ich sechseinhalb.

Sie haben in Berlin dann Psychologie studiert. Wurde damals von einem türkischen Abiturienten nicht eher Medizin, Wirtschaft oder Jura erwartet?
Ich versuche, ein Gesellschaftsmensch, ein Beziehungsmensch zu sein. Das ist mein Brot, mein Wasser, mein Tee: mit Menschen zu kommunizieren und die Schätze aus diesen Menschen herauszukitzeln. Denn das versäumen wir oft. Wenn wir wüssten, welche Schätze in uns bisher versteckt geblieben sind, wären wir heute – nicht nur in Deutschland, überall in der Welt – weiter.

Neukölln ist doch voller Internetcafйs, jeder ist auf Facebook, kommuniziert ständig, die Geräte dafür wird man jetzt auch auf der Internationalen Funkausstellung finden.
Ich rede von einer gesunden Kommunikation. In meiner Männergruppe hatte ich vor anderthalb Jahren einen türkischen Vater, der hier auf dem Stuhl saß, gefragt: „Wie ist Ihre Kommunikation mit Ihrem Sohn?“ Und er erwiderte: „Sehr gut, Herr Erdogan, ich habe ihn gestern geschlagen.“ Das ist natürlich ein bisschen überspitzt formuliert, aber es ist so.

Wie sieht gesunde Kommunikation aus?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als ich 1974, ungefähr im Oktober oder November, mit der U-Bahn zum Thielplatz zur FU fuhr, hatte ich immer die Möglichkeit, drei oder vier Menschen kennenzulernen. Die Menschen haben sich füreinander interessiert, die haben mir gesagt: Wie geht es Ihnen, was machen Sie, woher kommen Sie, was für ein Wörterbuch ist das, seit wann wohnen Sie in Neukölln? Heute fahren Sie U-Bahn und sehen zu 99 Prozent exakt das Gegenteil. 20 Leute haben „BZ“ und „Bild“, 30 Leute hören Musik, 40 Leute tippen, iPhone und so weiter, und zehn Leute gucken so traurig auf den Boden, als wären gerade ihre Schiffe im Schwarzen Meer untergegangen. Aber die Kommunikation, die ich meine, ist die, wenn ich 35 Jahre im selben Haus wohne und dann nicht nur rein zufällig „Guten Morgen“ und „Guten Abend“ sage, sondern ohne Hemmungen und Angst bei meinem Nachbarn klingele und frage: „Na, wie geht es Ihnen? Wir haben uns lange nicht mehr gesehen, wollen wir zusammen Kaffee trinken?“

Das Oberthema Kommunikation durchzieht alle Ihre Projekte. Immer geht es darum, Probleme überhaupt erst einmal anzusprechen, um sie dann zu lösen. Bei der Vätergruppe war und ist das ja auch so. Warum ist vor Ihnen eigentlich niemand darauf gekommen, dass türkische Väter Beratungsbedarf haben?
Vorher hat man nur den Ist-Zustand verwaltet. „Nieten-Verwaltung der Nation“ würde ich das nennen. Man hat gesagt: Das sind alles Ehrenmörder, Produzenten von häuslicher Gewalt oder, wie soll ich sagen, ramponierte Wesen aus Anatolien. Das waren die Attribute. Ich wollte einmal ausprobieren, ob man diese Menschen wirklich nicht erreichen kann oder ob sie doch so sind, dass sie jeder Hilfsmaßnahme fernbleiben. Negative Beispiele darüber hatten wir ja genug in der Presse.

Was meinen Sie damit?
Wenn in einer deutschen normalen Unterschichtsfamilie Gewaltvorfälle passieren, dann sagt man: Familientragödie. Bei Mi­granten, wenn der Name Ali heißt, ist man da automatisch bei Ehrenmord. Sofort. Wa­rum? Weil wir versäumt haben, uns gegenseitig kennenzulernen, unsere Ängste abzubauen. Männer haben überall auf der Welt die gleichen Probleme. Es gibt auch Unterschiede, klar. Deshalb mache ich seit Ende Juli letzten Jahres auch gemischte Vätergruppen.

Wie müssen wir uns das vorstellen?
Gemischt heißt, dass unsere gemeinsame Sprache Deutsch ist und die Männer alle aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Hinter- und Vordergründen kommen. Wir leben in demselben Land, derselben Gesellschaft, und wir sollten gemeinsam die Probleme, die vorhanden sind, angehen.

Wie viele Gruppen betreuen Sie derzeit?
Wir haben in Neukölln insgesamt drei, aber es sind weitere Gruppen im In- und Ausland entstanden. Ich habe Ende 2010 übrigens auch die erste türkische Vätergruppe in ­Österreich gegründet, in Bregenz.

Mit welchen Problemen kommen die Männer zu Ihnen in die Gruppen?
Darüber kann man alleine fünf Romane schrei­ben, aber ich sage mal: Trennung, Scheidung, Alleinerziehende; die Zahl der alleinerziehenden Männer steigt tagtäglich, von Woche zu Woche. Und dann Kommunikationslosigkeit, Einsamkeit, Umgang, Sorgerecht, Unterhalt. Bei Menschen mit Zuwanderungsgeschichte kommt auch noch zusätzlich das Thema Migration. Viele von diesen Männern sind sogenannte Importbräutigame.

Importbräute sind häufiger in der Debatte…

LESEN SIE WEITER IN TIP 19 AUF SEITE 10/11          

 

Interview: Eva Apraku & Erik Heier
Foto: David von Becker

Kazim Erdogan
Der 59-jährige Psychologe und Soziologe kam 1974 nach Deutschland, um sein in der Türkei be­gonnenes Studium fortzusetzen. Nach neun Jahren als Lehrer in Tiergarten und vier Jahren als Schulpsychologe in Schöneberg ist er seit 2003 Psychologe bei den psychosozialen Diensten des Bezirksamtes Neukölln. Bekannt wurde er als Gründer der bundesweit ersten Selbsthilfegruppe für türkische Väter. Für mehrere seiner ehrenamtlichen Projekte (u.a. Mütter im Gespräch, Eltern in der Schule, Sprachwoche) wurde der Vorstandsvorsitzende des gemeinnützigen Vereins „Aufbruch Neukölln“ mehrfach ausgezeichnet. Kazim Erdogan ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

Woche der Sprache und des Lesens in Berlin
Nachdem die von Erdogan initiierte Sprachwoche 2006, 2008 und 2010 nur in Neukölln stattgefunden hatte, wird sie erstmals zeitgleich in ganz Berlin veranstaltet. Unter der Schirmherrschaft von Christina Rau stehen vom 1. bis zum 9. September rund 1?300 Lesungen, Workshops und andere Mitmachaktionen auf dem Programm, an unterschiedlichsten Orten: Bibliotheken, Theater, Cafйs, Restaurants, Migranten­vereinsräume, Parks, Autohäuser, Krankenkassen, Kirchen. Unter den Teilnehmern sind prominente Autoren wie Horst Bosetzky, Meli Kiyak oder Stefan Klein, aber auch beispielsweise Kiezdichter oder auch Parlamentarier. Zum Auftakt gibt es am Sonnabend, den 1. September ab 13 Uhr ein Fest auf dem Alexanderplatz.
www.sprachwoche-berlin.de

Mehr über Cookies erfahren