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Im Gespräch mit Polizeipräsidentin Margarete Koppers

Polizeipraesidentin_Margarete_KoppersFrau Koppers, Sie haben sich kürzlich öffentlich als begeisterte Fahrradfahrerin geoutet. Wann und wo fahren Sie mit dem Rad?
Ich bin früher, auch als Vizepräsidentin beim Landgericht Berlin, den ganzen Sommer über Fahrrad gefahren. Nicht nur zur Arbeit, sondern öfters auch am Wochenende, damals hatte ich noch gelegentlich freie Wochenenden. Als Polizeivizepräsidentin habe ich das erste Jahr ohne Fahrrad verbracht. Denn die Erwartungshaltung an mich war, dass ich mit dem Dienstwagen abgeholt und auch nach Hause gebracht werde. Auch aus Sicherheitsgründen. Von diesem Ritual habe ich mich im letzten Jahr gelöst. Seither fahre ich wieder Fahrrad. Ich bin allerdings eine Schönwetter-Fahrradfahrerin. Im Winter steige ich auf öffentliche Verkehrsmittel oder aufs Auto um. Auf dem Fahrrad ist es mir da zu kalt.

Außerdem braucht man bei Kälte auch Funktionskleidung. Die ist nicht unbedingt bürotauglich.
Das Problem habe ich auch im Sommer. Deswegen hatte ich meine Dienstanzüge ins Büro gehängt, bin dann mit Fahrrad- beziehungsweise Freizeitklamotten von zu Hause hergeradelt und habe mich hier umgezogen.

Wie kommt das bei der Polizei an, wenn die Chefin mit dem Rad zur Arbeit kommt?
Ich habe nur positive Reaktionen erfahren. Es haben sich viel mehr Kollegen, als ich vermutet hätte, als Fahrradfahrer geoutet. Auch in der höchsten Führungsebene fahren einige Rad. Auf meiner Ebene allerdings weniger. Herr Glietsch, unser ehemaliger Polizeipräsident, meinte: „Wie? Sie fahren die ganze Strecke von zu Hause bis hierher mit dem Fahrrad?“ Das fand er echt beeindruckend. Obwohl das nur acht Kilometer sind.

Was haben Sie für ein Fahrrad?
Ich habe ein hässliches weißes Trekkingrad. Das habe ich mir extra gekauft, damit es nicht geklaut wird. Davor hatte ich ein total schickes, richtig teures Fahrrad, was ich mir in einem kleinen Spezialgeschäft in Kreuzberg gekauft hatte. Darauf war ich super stolz, weil ich noch nie so ein gutes Fahrrad hatte. Doch nach drei Monaten ist es mir geklaut worden. Und dann habe ich beschlossen, ein Fahrrad zu kaufen, das nur halb so teuer und auch ein bisschen hässlich ist, damit ich’s länger genießen kann.

Der Polizei-Chefin wird ihr Fahrrad geklaut?
Da war ich noch nicht bei der Polizei. Nichtsdestotrotz ärgerlich.

Warum fahren Sie überhaupt Fahrrad, was ist für Sie dabei wichtig?
Ich komme vom linken Niederrhein, da fährt man einfach Fahrrad, das wird dort als ganz normales Verkehrsmittel angesehen. Diese Haltung habe ich schon mein ganzes Leben lang. Am linken Niederrhein ist es so schön flach, wie in Holland. Da gehört Radfahren einfach dazu. So, wie man hier Auto fährt, fährt man da eben Fahrrad. Außerdem macht Radfahren einfach mehr Spaß, als Auto zu fahren. Nun kommt dieser Trend zunehmend auch nach Berlin. Gott sei Dank. Wir haben beim Individualverkehr Berlins inzwischen einen Radfahreranteil von 13 Prozent.

Sportliche oder gesundheitliche Aspekte stehen bei Ihnen hinsichtlich des Fahrradfahrens nicht im Vordergrund?
Das Sich-Bewegen ist natürlich sehr gut. Im Augenblick fahre ich weder Fahrrad, noch mache ich sonst Sport. Ich schaffe das einfach nicht, weil ich zu viel arbeite. Das ist etwas ungünstig. Ich habe mir aber vorgenommen, mein Fahrrad nächstes Wochenende wieder zu entstauben und wieder umzusteigen, um wenigstens ein bisschen Bewegung zu bekommen. Früher, bis zum Ausscheiden von Herrn Glietsch, habe ich sehr viel Sport getrieben. Ungefähr drei- bis viermal die Woche. Wobei ich da eher gelaufen bin, als Fahrrad zu fahren. Fahrradfahren als Sport halte ich auf den Straßen Berlins für zu gefährlich. Ich hatte früher mal ein Rennrad, das ich auch sportlich genutzt habe. Dann aber hatte ich zwei schlimmere Unfälle mit schwereren Verletzungen und habe das Rennrad abgeschafft. Seither fahre ich Fahrrad nur noch zur Fortbewegung und nicht als Sport.

Dass Sie ihr Rennrad abgeschafft haben, ist ja etwas gegenläufig zum derzeitigen Trend: In Berlin sieht man inzwischen viele junge Frauen auf Rennrädern unterwegs.
Ich bin aber auch keine junge Frau mehr. Als ich Rennrad gefahren bin, war ich deutlich jünger, das ist 20 Jahre her. Aber Rennradfahren in der Stadt ist schon gefährlich. Man ist schnell, wird aber sehr schlecht gesehen. Ich bin vernünftiger geworden.

Erlaubt das eigentlich die Polizei, dass Sie mit dem Fahrrad kommen? Ist das angesichts möglicher Unfälle nicht viel zu gefährlich?
Ich muss niemanden um Erlaubnis fragen, ob ich mit dem Fahrrad kommen darf, ich bin ja die Chefin. Natürlich wäre es aktuell ungünstig, wenn ich durch einen Unfall ausfallen würde. Aber ich fahre nicht so wild, dass man sich da sorgen müsste. Seit ich mal Verkehrsrichterin war und diese ganzen Unfälle zu behandeln hatte, weiß ich, wo im Verkehr die Gefahren lauern. Seitdem fahre ich vorsichtiger Auto, aber auch vorsichtig Fahrrad. Zumal es eine ganze Menge rechtliche Konsequenzen gibt, wenn man mit dem Fahrrad einen Unfall verursacht. Man wird zur Verantwortung gezogen und muss zum Teil richtig viel zahlen.

Statistiken besagen, dass bei der Hälfte der Unfälle mit Fahrradfahrern die Fahrradfahrer schuld sind. Kennen Fahrradfahrer die Verkehrsregeln nicht?
Die kennen die Regeln, aber sie halten sich nicht daran. Das gilt aber nicht nur für Fahrradfahrer, sondern genauso für Autofahrer: Die Verkehrsmoral lässt deutlich zu wünschen übrig. Fußgänger sind sicherlich auch gefährdet, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Aber sie gefährden eher sich selbst als andere. Fahrradfahrer aber gefährden Fußgänger. Der jeweils schwächere Verkehrsteilnehmer wird durch den jeweils stärkeren gefährdet. Und Autofahrer, vor allem Lkw-Fahrer, gefährden Fahrradfahrer: Im letzten Jahr sind, glaube ich, sechs Radfahrer durch abbiegende Lkws ums Leben gekommen.

Wenn Sie als Radfahrerin in Berlin unterwegs sind und mitkriegen, wie die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer versuchen, sich durchzusetzen, wen hassen Sie dann mehr: andere Radfahrer, unaufmerksame Fußgänger oder Autofahrer?
Ich entwickele überhaupt keine starken Gefühle im Straßenverkehr. Klar ärgere ich mich als Fußgängerin, die ich ja gelegentlich auch bin, über Fahrradfahrer, die mich auf dem Gehweg fast über den Haufen fahren. Das geschieht mir regelmäßig. Und ich ärgere mich als Radfahrerin über Autofahrer, die nach dem Einparken die Tür öffnen, ohne vorher nach Fahrradfahrern zu schauen. Ich bin schon mal über eine geöffnete Beifahrertür geflogen, habe einen Salto darüber gemacht. Und natürlich ärgere ich mich auch über Autofahrer, die mich übersehen, wenn sie abbiegen wollen. Trotzdem bleibe ich immer defensiv und gebe nach. Ich achte immer darauf, ob ein abbiegender Autofahrer mit mir Augenkontakt aufnimmt oder nicht. Ich fahre immer mit dem Bewusstsein, welche Gefahren im Verkehr lauern.

Fahrradfahrer müssen für andere Verkehrsteilnehmer oft mitdenken und auf Rechte verzichten, etwa auf Vorfahrtsrechte, um sich nicht zu gefährden. Können Sie verstehen, dass viele Fahrradfahrer eher situationsgerecht und nicht unbedingt verkehrsregelkonform fahren? Dass sie auch mal eine rote Ampel überfahren, wenn der Weg frei ist?
Es geht doch um die Konsequenzen, die aus dem nicht regelkonformen Fahren folgen. Sicher kann ich verstehen, dass man sich nicht an bestimmte Regeln halten möchte, wenn es, wie mitunter nachts, keinen Verkehr gibt. Trotzdem ist es nicht so, dass man die Situation immer voll im Blick hat. Vor allem, wenn man sehr schnell angeradelt kommt. Man muss dann sehr schnell entscheiden und reagieren, wenn dann doch noch ein anderer auftaucht, der seine Rechte, etwa eine grüne Ampel, wahrnimmt. Durch das Einhalten von Regeln schütze ich mich auch selber.

Obwohl Sie ja offensichtlich sehr umsichtig fahren, hatten Sie, so heißt es, schon mehrere schwere Fahrradunfälle?
Ja, das war aber zu einer Zeit, als ich noch nicht so umsichtig gefahren bin. Die Hälfte meiner Unfälle waren selbst verschuldet. Auf meinem Rennrad bin ich immer zu schnell gefahren, eine nicht an die Straßenverkehrsverhältnisse angepasste Geschwindigkeit. Und da gab es Situationen, die ich nicht rechtzeitig vorhergesehen habe, Situationen, in denen ich ausweichen musste. Ich bin dann ziemlich viel und weit geflogen. Mit zunehmender Erfahrung und dem Alter wird man aber klüger. Man denkt einfach mehr nach: Was bringt es mir, wenn ich hier entlangrase? Was habe ich davon, ob ich mein Ziel fünf Minuten eher erreiche oder nicht? Es geht schließlich um meine Gesundheit, die ich aufs Spiel setze, wenn ich zu schnell fahre oder andere Risiken in Kauf nehme.

Polizeipraesidentin_Margarete_KoppersSie tragen beim Radfahren bestimmt einen Helm und eine Reflektorweste?
Ich habe zwar einen Helm, aber den setze ich, ehrlich gesagt, nicht immer auf. Und eine Reflektorweste besitze ich nicht. Aber natürlich eine vernünftige Fahrradbeleuchtung.  

Ist das überhaupt gerecht, dass der Schwarze Peter, also die Aufforderung, für mehr Sicherheit zu sorgen, immer an die Fahrradfahrer geht? Irgendwann darf man nur noch wie ein Christbaum beleuchtet radeln.
Im Winter bin ich ja selber Autofahrerin und muss feststellen, dass man nur wenige Fahrradfahrer sofort erkennt. Dabei achte ich sehr auf Fahrradfahrer. Es gibt viele Fahrradfahrer, die ohne Licht und mit dunkler Kleidung unterwegs sind. Und Fahrradfahrer müssen einfach damit rechnen, dass Autofahrer mal nicht so aufmerksam sind. Das Risiko ist schon sehr groß, weshalb es eindeutig besser ist, mit heller Bekleidung, auch mit Reflektorwesten und natürlich mit vernünftiger Fahrradbeleuchtung unterwegs zu sein. Man sieht diese Radler eben sofort.

In den letzten Jahren war zunehmend von sogenannten „Rambo-Radlern“ die Rede. Gibt es die wirklich?
Das kann ich aus eigenem Erleben so nicht sagen. Zwar gibt es immer Menschen, die sich nicht an die Regeln halten, und ich erschrecke mich natürlich auch als Fußgängerin, wenn ich, wie vor ein paar Tagen, um die Ecke gehe und ein Fahrradfahrer ganz eng an der Häuserwand herangerast kommt – und sich selbst langlegt, weil er nicht damit gerechnet hat, dass ihm jemand entgegenkommt. Da war ich zwar nicht das Opfer, sondern er selber, weil er mir ausgewichen ist. Trotzdem empfinde ich so ein Verhalten nicht als rambomäßig, sondern einfach nur als unbedacht.

Woher kommen dann die Rambo-Vorwürfe?
In Berlin hat der Fahrradverkehr deutlich zugenommen, Fahrradfahrer sind jetzt viel stärker im Blickfeld. Und die Unfallzahlen mit Fahrradfahrerbeteiligung sind gestiegen. Außerdem ist es ein beliebtes Spielchen, mit dem erhobenen Zeigefinger immer auf den jeweils anderen zu weisen. Das machen aber alle Beteiligten.

In Berlin kontrolliert die Polizei Fahrradfahrer saisonal und punktuell in Sachen Verkehrssicherheit. Reichen diese temporären Kontrollen angesichts des gewachsenen Fahrradaufkommens?
Das sind Schwerpunktaktionen, die wir bei allen Verkehrsteilnehmern machen. Wir machen ja auch Schulwegkontrollen, Schwerpunktkontrollen bei Lastkraftwagen, bei Motorradfahrern, bei Autofahrern und deshalb auch bei Radfahrern. Und das nicht nur unter dem Blickwinkel, wie sehr sie gefährdet sind, sondern auch, wie sehr sie durch ihr eigenes Verhalten andere gefährden. Natürlich wäre es schön, wenn wir das ganze Jahr über flächendeckend in gleicher Weise tätig werden könnten. Zum einen ist das aber eine personelle Frage, wir müssen Prio­ritäten setzen, deshalb können wir das nur mit Schwerpunktaktionen machen. Zum anderen aber müssen wir aufpassen, dass wir kein falsches Signal setzen: Die Polizei kümmert sich vor allem um ein Thema. Denn auch die Kriminalitätsbekämpfung oder die Verbesserung des Sicherheitsgefühls der Nutzer im öffentlichen Nahverkehr sind extrem wichtige Aufgaben.

Braucht Berlin mehr Fahrradwege beziehungsweise andere abgeteilte Strecken?
Ich glaube, dass wir mit dem Streckennetz, das bisher ausgebaut wurde, schon auf einem sehr guten Weg sind. Berlin wird sich weiter als Fahrradstadt etablieren, diesen Trend, glaube ich, kann man auch nicht mehr zurückdrehen. Und auch der aktuelle Senat will, soweit ich das verstanden habe, den Fahrradverkehr weiter fördern. Das finde ich gut.

Warum?
In erster Linie aus ökologischen Gründen. Aber auch, weil es eine sportlichere und gesundheitsfördernde Art ist, sich durch die Stadt zu bewegen. Die Menschen in dieser Stadt werden immer älter, da kann es gar nicht schaden, wenn man sich ausreichend bewegt.

Ist es eigentlich für jemanden in ihrer Position klug, „nur“ mit dem Fahrrad zum Polizeipräsidium zu kommen? Müssten Sie nicht, gerade in der aktuellen Diskussion um die offizielle Besetzung des Polizeipräsidentenpostens, mit einem dicken Auto Machtansprüche demonstrieren?
Mit einem Fahrrad kann man bestimmt keinen Machtanspruch demonstrieren. Aber es hängt eben auch von der Persönlichkeit ab, ob man Statussymbole braucht oder nicht. Und ich brauche sie definitiv nicht. 

Interview: Eva Apraku
Fotos: Benjamin Pritzkuleit

Zur Person

Die Juristin Margarete Koppers, 50, trat 1988 ihren Dienst bei der Senatsverwaltung für Justiz an, wurde Richterin und beteiligte sich später u.a. am Forschungsprojekt der Humboldt Universität „Strafjustiz und DDR-Vergangenheit“.   Von 2001 bis 2003 war Margarete Koppers wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, ab 2006 Vizepräsidentin beim Landgericht Berlin. Im März 2010 wurde die Juristin zur Polizei­vizepräsidentin ernannt, nach dem Ausscheiden des damaligen Polizeipräsidenten Dieter Glietsch in den Ruhestand Ende Mai 2011 übernahm sie sein Amt kommissarisch.

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