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Im Kino: „American Hustle“ von David O. Russel

Bereits die erste Szene von „American Hustle“ ist so prägnant, dass sie den gesamten Film treffend widerspiegelt. Christian Bale steht, kaum, dass man ihn mit Bart, Schmerbauch und Brille überhaupt erkennt, in seiner Rolle als Betrüger Irving Rosenfeld vor einem Spiegel und klebt sich mit penibler Akkuratesse ein Toupet auf seine Glatze. Kunst- und liebevoll wird es mit Klebstoff, verbliebenem Resthaar und Haarspray zu einer Frisur verwoben, der man das bei allem sorgfältigen Bemühen erkennbare Vorspiegeln falscher Tatsachen und den dem Vorgang innewohnenden Selbstbetrug sofort ansieht. Es ist das wohl schlechteste Toupet der gesamten Filmgeschichte, getragen allerdings von einem Mann, der es versteht, mit gesundem Selbstbewusstsein und einer selbstverständlich anmutenden Bodenhaftung seine Würde zu bewahren. Betrug und Selbstbetrug sind die Themen dieser in der Blütezeit aller Poseure und Selbstdarsteller, den 1970er-Jahren, angesiedelten Komödie von David O. Russell, die im Kern auf einer wahren Geschichte beruht: Gemeinsam mit seiner Geliebten Sydney Prosser (Amy Adams), die sich als britische Lady ausgibt, zockt Irving verzweifelte Menschen mit Geldproblemen ab, denen die beiden gegen eine Provision vermeintliche Kredite vermitteln. Bis sie eines Tages auffliegen und daraufhin vom FBI-Agenten Richie DiMaso (Bradley Cooper) genötigt werden, in einer Charade um einen falschen arabischen Scheich mitzuwirken, dessen Schmiergelder im Rahmen erheblicher Investitionsversprechen einen lokalen Politiker der Korruption überführen sollen. Doch schnell wächst sich die Aktion aus, und nach dem Bürgermeister von Camden rücken auch Kongressabgeordnete ins Fadenkreuz. Schließlich glaubt der immer größenwahnsinniger agierende DiMaso sogar, sich mit der Mafia anlegen zu können. Dabei ist die ganze Polizeiaktion so erkennbar lächerlich und durchschaubar wie Bales Toupet: Der angebliche Scheich ist ein aus Mexiko stammender FBI-Agent, der kein Wort Arabisch spricht. Das ganze Elend von Bradley Coopers Figur des erfolgssüchtigen Cops zeigt Russell dabei in einer verzweifelt komischen Szene: Da hockt DiMaso zu Hause mit den Lockenwicklern seiner Minipli-Frisur im Haar eingeschlossen im Badezimmer, während vor der Tür seine ihn gängelnde Mutter ununterbrochen zetert und eine schweigende Verlobte als ewiger stiller Vorwurf am Tisch sitzt.

Klar, dass der Mann da herauswill, um seinen Anteil an Erfolg und Glamour zu bekommen, klar aber auch, dass er auf dem glatten Parkett des Betrugs am Ende eigentlich nur als betrogener Betrüger enden kann. Regisseur David O. Russell, der in seinen vorherigen Filmen „The Fighter“ (2010) und „Silver Linings“ (2012) das Boxerdrama und die romantische Komödie jeweils auf Charakterdramen zurückführte, in denen sich die Figuren an einem von Realitätsfluchten geprägten Neuanfang versuchen, wildert mit „American Hustle“ zweifellos ein wenig in der Gattung der Scorsese’schen Gangster- und Mafiakomödien, deren epische und komplizierte Struktur mit vielen Personen, Handlungssträngen und Zeitebenen er hier ebenso übernommen hat wie das Stilmittel des Voice-overs.
Der Tonfall ist jedoch ein gänzlich anderer: Russell erzählt seine Geschichte vielleicht weniger perfekt, dafür jedoch mit deutlich größerer Leichtigkeit und einer vor allem immer spürbaren Sympathie für seine Figuren. So lächerlich sie in ihren Selbstbetrugsversuchen manchmal wirken mögen, behalten sie eben doch immer auch ihre Würde und Menschlichkeit. Anrührend ist beispielsweise die echte freundschaftliche Beziehung, die sich zwischen Irving und dem von Jeremy Renner verkörperten Bürgermeister Carmine Polito entwickelt, einem kleinen Italiener mit mächtiger Elvis-Haartolle und großer Familie, der Korruption nicht als Mittel zur persönlichen Bereicherung ansieht, sondern eher als unabwendbaren Teil des Systems und böses Mittel zum guten Zweck.
Als Polito dem überraschten Irving als Zeichen der Freundschaft eine der damals neumodischen Mikrowellen schenkt, ist das ebenso bewegend wie jene Szene, in der Irving seinem neuen Freund schließlich erklären muss, dass er ihn gelinkt hat und das FBI praktisch schon vor der Tür steht. Der Verlust der Freundschaft nimmt beide Figuren sichtbar mit. Am schwersten hat es in Hinblick auf die Würde ihrer Figur jedoch Jennifer Lawrence als Irvings vernachlässigte Gattin. Ihre Rosalyn ist so erschreckend hohlköpfig, dass sie in ihrer absurden Dummheit schnell als pure Karikatur hätte enden können. Doch auch Rosalyn bleibt bei allen Heiterkeitsausbrüchen, die ihr Verhalten provoziert, menschlich: ein weiteres armes Würstchen auf der Suche nach ein wenig Aufmerksamkeit und Liebe.

Mit Lawrence, Bale, Cooper und Adams verlässt sich Regisseur Russell auf bewährtes Personal: Sie alle wirkten (in verschiedenen Konstellationen) bereits in seinen vorherigen Filmen mit, erhielten für ihre Leistungen anschließend den Oscar oder wurden zumindest dafür nominiert. Auch in diesem Jahr ist „American Hustle“ mit zehn Nominierungen in allen wichtigen Kategorien wieder einer der Favoriten der Academy-Award-Verleihung. Während Christian Bale (wohl zu verkleidet für einen Schauspielpreis) und Jennifer Lawrence (sie bekam den Oscar erst letztes Jahr für ihre Rolle in Russells „Silver Linings“) vermutlich leer ausgehen werden, könnte es mit Preisen für den besten Film und die beste Regie sowie einem Oscar für Bradley Cooper, der sich vom etwas unterschätzten Darsteller der prolligen „Hangover“-Filme zu einem der gefragtesten Schauspieler Hollywoods entwickelt hat, durchaus klappen.
Eindeutige Favoritin für den Oscar als beste Hauptdarstellerin ist jedoch Amy Adams, die ihre Rolle der falschen englischen Lady hier mit so viel Selbstbewusstsein, Intelligenz, Charme und einer anrührenden Loyalität zum seltsam defizitären Irving angeht, dass man augenblicklich für sie eingenommen ist. Auch das unausgesprochene Duell mit Jennifer Lawrence um das tiefste Dekolletй gewinnt sie im Übrigen deutlich.

Text: Lars Penning

Foto: Francois Duhamel

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „American Hustle“ im Kino in Berlin

„American Hustle“; USA 2013; Regie: David O. Russell;
Darsteller: Christian Bale (Irving Rosenfeld), Amy Adams (Sydney Prosser), Bradley Cooper (Richie DiMaso); 138 Minuten; FSK 6;
Kinostart: 13. Februar 2014

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