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Stadtleben

Immer schön auf dem roten Teppich bleiben

Berlin_Eventisten_Tip_EventistenAlles vom Feinsten hier. Aus skandinavischen Seen herausgesägte Eisschollen hängen in den Industriehallen am Postbahnhof an Ketten von der Decke, darauf sind Sushi und Garnelen drapiert. „Bestimmt ein hundert Meter langes Büfett, das muss unwahrscheinlich teuer gewesen sein.“ Max Hoffmeister (Name von der Redaktion geändert) bekommt noch heute leuchtende Augen, wenn er von dieser Nobelsause erzählt, zu der vor einigen Jahren Hugo Boss eingeladen hatte. Nicht ihn nebenbei, aber Hoffmeister war natürlich trotzdem da. Es war eine dieser Veranstaltungen für die Schönen, die Reichen und die Schleicher.

Genau weiß es niemand, aber nach Schätzungen finden in der Hauptstadt allabendlich tausend bis zweitausend Veranstaltungen statt. Vom Botschaftsempfang bis zur Fernsehgala, von der Vernissage bis zur Hoteleröffnung, von der Filmpremiere bis zur Stiftungsfeier. Ein Meer der Möglichkeiten. Unmöglich, im Heer der Referenten, Journalisten und Lobbyisten den Überblick zu behalten, wer dazugehört. Und wer nicht. Im Kielwassser der Hautevolee aus Politik, Wirtschaft und Kultur schwimmt eine amorphe Masse von Menschen ohne Funktion. Sie reden und berichten nicht, sie sind einfach da. Stehen herum, essen und trinken. Man kann sie Tagediebe nennen. Oder Eventisten. Oder eben Schleicher. Leute, die von einem Event zum nächsten laufen. Leute wie Hoffmeister. Manche haben den Konsum zur Kunstform erhoben. Andere brauchen den vollen Terminkalender als Überlebensmittel. Gemeinsam haben sie den Horror vor dem unverplanten Tag.

„Sie erkennen mich am Moustache“, hatte Max Hoffmeister am Telefon gesagt. Jetzt sitzt der Mittvierziger mit seinem fein gestutzten Bärtchen in einem asiatischen Lokal am Hackeschen Markt und breitet abriss-artig seine Biografie aus. Geboren im Wedding, „eine gewisse Planlosigkeit in Bezug auf die Berufswahl nach dem Abitur“. Abgebrochenes Politologie-Studium, ein Semester Jura, ein bisschen für einen Kumpel gemakelt. Zuletzt betrieb Hoffmeister einen Winterdienst, „also Schneeräumung“. Vor zwei Jahren hat er von seinem Vater geerbt. Seitdem bezeichnet er sich als Privatier.

Harte Tür bei Bertelsmann

Hoffmeister hat sich, wie er sagt, „ein kleines Netzwerk von Gleichgesinnten aufgebaut“. Diese selbst ernannten Schleicher – ein harter Kern aus fünf Leuten, der weitere Kreis besteht aus etwa fünfzehn – versorgen sich untereinander mit Veranstaltungstipps. Es kursieren Wochenpläne. Es gibt Internetplattformen, auf denen man Termine posten kann und die Nennung echter Events nach einem Creditsystem belohnt wird. „Auch viele Pressevertreter nutzen die gern“, grinst Hoffmeister. Nicht offiziell eingeladen zu sein, weckt nur den Sportsgeist. Die Security am Einlass ist der Sparringspartner. „Wer nicht auf der Liste steht, muss listig sein.“ Seine Tricks? Der Schleicher, der sich selbst lieber Event-Spezialist nennt, lässt sich nicht leicht aus der Reserve locken. Er will ja keine Massenbewegung in Gang setzen.
Das Gefühl, zu einer Schatten-Elite zu gehören, ist Teil des Reizes. Möglichst exklusiv muss die Veranstaltung sein. Waldorf-Astoria-Eröffnung, Tiffany-Soiree, Echo Klassik – die Eventisten sammeln solche Hochpreis-Happenings wie andere Leute Visitenkarten. Und die Give-aways wie Parfüms oder Shirts, die man beim Auslass oft erhält, lassen sich prima auf Ebay verkaufen. Hoffmeister kennt sich aus. Er weiß, dass die Bertelsmann-Stiftung eine besonders harte Tür hat. Dass nur Amateure abschwirrenden Partygästen die Einlassbändchen abquatschen. Dass Galerie-Eröffnungen selten mehr abwerfen als eine Brezel und ein Glas Wein. Was ist das schon, wenn in der japanischen Botschaft Kobe-Rind aufgetischt wird?

Manche, erzählt Hoffmeister, gingen bei den Events vor allem auf Brautschau. Mit mäßigem Erfolg in der Regel. Meist fehlt schließlich die gemeinsame Gesprächsbasis. Ein Kollege sei mal während einer Filmgala von einer attraktiven Frau angesprochen worden: „Und, was führt Sie her?“ Er, lässig: „Ich bin eingeflogen worden.“ Sie, interessiert: „Ach, weshalb?“ Er, ratlos: „Das weiß ich selbst nicht.“ Nonstop Nonsens. Noch peinlicher wird es nur, wenn man als Schleicher auffliegt. Auch das kommt vor. Ein enttarnter Bekannter habe mal – während er unsanft hinausgeleitet wurde – die Security-Hünen angeblafft: „Was wollt ihr von mir, ein Autogramm?“, erzählt Hoffmeister. Er findet das sehr komisch.

Beutel voller Einlassbändchen

Berlin_Eventisten_VIP_Bag_80mmVon jemandem aus Hoffmeisters Umfeld erfährt man noch ein bisschen mehr. Auch über die Kniffe der Schleicher. Die Rede ist von einem Beutel voller Einlassbändchen in allen Farben, die stets im Handschuhfach mitgeführt würden. Zu erwerben in jedem Dekoladen. Einer geht vor und gibt per SMS die Farbe des Abends durch. Grün. Hell oder dunkel? Ist das original Bändchen mit einem Logo bedruckt, wird einfach der Ärmel ein bisschen tiefer gezogen. Wer kontrolliert schon so genau? Auch gefakte Visitenkarten sind immer nützlich, weiß der Anonymus.

Überhaupt: Wenn man ganz selbstverständlich den Einlass passiere, würde man so gut wie nie aufgehalten. Auch eine kleine Typologie der Schleicher gibt’s dazu: „Die kommen alle aus etwas besseren Familien, haben Geld von zu Hause und in der Regel nichts gelernt. Taugenichtse, die keinen Bock auf Arbeit haben. Kaum einer hat mal eine Freundin.“ Anders gesagt: „Nerdige Typen in zerknitterten Anzügen, die man sofort erkennt.“ Auch als Frau. „Die Svetlanas, die auf solchen Veranstaltungen rumhängen, checken natürlich sofort, dass die keine echten Reichen sind.“ Was soll’s? Wer abblitzt, fährt einfach weiter zum nächsten Event.

Fast jeder Veranstalter in Berlin kennt seine Pappenheimer. Dass Eventisten vielerorts sogar willkommen seien, um angesichts der Konkurrenz die lichten Reihen zu füllen, mag allerdings niemand bestätigen. Eher heißt es: Die werden geduldet, solange sie nicht verhaltensauffällig werden. Der Mitarbeiter einer politischen Stiftung zuckt mit den Achseln: „Klar macht man das Programm nicht für solche Spinner. Auf der anderen Seite haben wir einen Bildungsauftrag. Die Veranstaltungen sind öffentlich.“
Der Mann unterscheidet drei Kategorien von ungebetenen Gästen.
– Erstens: Büfettplünderer, die schon in Sichtweite des Essens harren, während im Saal noch die Diskussion läuft.
– Zweitens: Bedeutungshuber, die sich mit obskuren Titeln und Funktionen schmücken. Wie ein selbst ernannter Herzog von …, der sich regelmäßig in irrlichternden Mails anmeldet. Dem hätten sie fast mal Hausverbot erteilt, weil er die Cateringfrauen angesprochen hatte, „ob man nicht Fotos machen könne, privat“.
– Drittens: Hardcore-Sonderlinge. Einsame und Irre, die schon eine halbe Stunde vor der Zeit Platz nehmen und ins Nichts starren. Die auch kommen, wenn überhaupt nichts auf dem Programm steht, sich nicht abwimmeln lassen. Echte Grenzfälle.

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