Stadtleben

Immobilienmakler

Sie können gut lügen? Sie verklären sich gern die Dinge, sehen auch im Schlechten immer das Positive? Sie sehen in einem Grünstreifen glatt einen Park? Sie blenden gern das Negative aus und zeigen Ihrer Umwelt nur die guten Seiten? Dann werden Sie doch Immobilienmakler in Berlin!
Wir kennen Berlin als schmutzige Metropole, windig und verwundet, mit viel Schönem, aber noch viel mehr hässlichen Ecken: verrammelten Brachen, schrundigen Fassaden, Bausünden und Schlag­löchern. Das macht es ja auch aus. Aber schauen Sie mal in die Prospekte der Makler oder einfach auf Immoscout24 – da feiert unsere gebrochene Hauptstadt als lückenloses klassizistisches Ensemble fröhlich Urständ. Man liest von baulich homogenen Altbauvierteln, vom Savoir-vivre mitten in der Stadt. Die sorgfältig ausgewählten Bilder zeigen verschnörkelte Laternen und Straßenschilder. Eben noch triste Ost-Quartiere heißen plötzlich Chopin-Sprengel, aus Spielplätzen werden mit dem Weitwinkel botanische Gärten. Und immer – immer ist das Zentrum der Stadt mit seinem pulsierenden ImmobilieLeben ganz in der Nähe, flugs erreichbar, ja quasi vor der Tür. Wenn ich dem Senat für Lug und Trug vorstünde, würde ich mindestens die Hälfte aller in Berlin tätigen Makler festnehmen lassen und in einem Plattenbau in Marzahn einsperren. Damit sie nie mehr frech lügen und die Menschen mit ihrer gedankenlosen Prosa hinters Licht führen. Und bitte fordern Sie keinen Prospekt an, es sei denn, Sie brauchen unbedingt Post in Ihren Mail-Ordnern. Bald schon werden sich die blumigen Elaborate der Wohnungsverkäufer darin stapeln.

Mein Lieblingsobjekt entsteht derzeit in der Kollwitzstraße. Es ist ein trutziger Klotz mit absurd historisierender Fassade, gegen die das geplante Stadtschloss der Inbegriff von Authentizität ist. Dieses Haus heißt nicht Haus, sondern frankophil „Kolle Belle“ – als stünde es am Jardin du Luxembourg. Die Website dazu verspricht „Pariser Flair mitten in Berlin“, und es verspricht das „warme Licht Altberliner Straßenlampen“ und sogar ein neues Leben: „Die ideale Bühne für Lebenskunst, Flirts und tief empfundene Stimmungen.“ Wenn man dann vor diesem Haus steht, sinkt die Stimmung tatsächlich recht tief. Denn trotz der versprochenen hohen Decken hat es fünf Stockwerke bei normaler Berliner Traufhöhe. Quelle surprise!

Wahrscheinlich müssen sich angehende Makler vor Dienstantritt nicht nur in Paris einfinden und fleißig Französisch lernen und die deutsche Grammatik vergessen, um solcherlei legosteinische Realitätsklitterung auf die deutschen Kunden loslassen zu können, sondern auch einen speziellen Hütchenspielerkurs in Rumänien absolvieren. Der Spielplatz vor meinem Büro in Mitte heißt im Exposй eines Immobilienentwicklers aus Hamburg jetzt übrigens Schendelpark.

Foto: Ernst Rose/Pixelio 

Mehr über Cookies erfahren