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Internationaler Frauentag 2020: Diese Aktivistinnen inspirieren uns

Sich spalten lassen? Nicht so die Frauenbewegung in Berlin. Am 8. März ist Internationaler Frauentag 2020 – ein Anlass für uns, Ihnen Aktivistinnen vorzustellen, die über Grenzen hinausdenken. Sie inspirieren – und haben trotz einiger Fortschritte noch jede Menge zu tun.

Die Pionierin

Internationaler Frauentag: Die Berliner Aktivistin Dagmar Schultz ist immer ihrer Zeit voraus.
Dagmar Schultz: Immer ihrer Zeit voraus
Foto: Dagmar Schultz

Innerfeministische Kriege zwischen Alt-68erinnen und den jungen Frauen von heute? Wer zu Veranstaltungen mit Dagmar Schultz, Jahrgang 1941, geht, zweifelt an der Story von dem Zwist: Im Museum Kreuzberg, wo Schultz derzeit in einer Event-Reihe zur Schwarzen Poetin Audre Lorde Rede und Antwort steht, fällt das Publikum durch seine Jugend auf: Was daran liegt, dass Dagmar Schultz ihrer Zeit immer schon voraus war. In den 60er Jahren engagierte sie sich in der US-Bürgerrechtsbewegung, 1974 gründete sie in Berlin das Feministische Frauengesundheitszentrum mit.  Dabei half sie, die Hoheit über den weiblichen Körper zu erobern. Dass sie auch den feministischen Orlanda Verlag mitinitiierte, gab der Frauenbewegung eine wichtige Plattform. Bis heute maßgebliche Werke wie „Farbe bekennen: Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ feierten hier ihre Premiere. Sich selbst bezeichnet Schultz mitunter als „Archival Activist“.  Ihrer unermüdliche Arbeit jedenfalls ist es zu verdanken, dass es in Kreuzberg bald eine Audre-Lorde-Straße geben wird.

www.dagmarschultz.com


Die Vielfältige

Die Autorin und Aktivistin Tupoka Ogett hat auch einen erfolgreichen Podcast.
Tupoka Ogette: Tiefgründige Gespräche
Foto: Stephen Lawson

Es ist diese warme Stimme, diese Zugewandtheit ihren Gästen gegenüber, die einen Teil der Magie von Tupodcast ausmacht, dem Podcast der 1980 in Leipzig geborenen afrodeutschen Tupoka Ogette. Obwohl stets bestens auf ihren Besuch vorbereitet, ist da nichts Abgehobenes, wenn Ogette Musikerinnen, Politikerinnen oder Psychologinnen interviewt – oder besser: in ein tiefgründiges Gespräch unter Schwarzen Schwestern verwickelt. Ogette steht dabei auch zu eigenen Gefühlen und offenen Wunden. Als Autorin des erfolgreichen Buches „Exit Racism“, aber auch als Antirassismus- und Vielfaltstrainerin, ist die Afrika- und Betriebswissenschaftlerin geübt, Widersprüche zu entlarven und auch unbequeme Meinungen zu äußern. Es ist eine Authentizität, die Ogettes Gesprächspartnerinnen ermöglicht, sich der Podcasterin zu öffnen. Auch die Zuhörer*innen werden durch die Einblicke in die Erfahrungswelten Schwarzer Frauen bereichert und empowered. Wozu diese dann weder Frau noch Schwarz sein müssen.

www.tupokaogette.de


Die Mobilmacherin

Annette Krüger bringt als Aktivistin Geflüchteten das Radfahren bei. Wir stellen sie im Rahmen des Internationalen Frauentags vor.
Annette Krüger: Energie auf Rädern
Foto: Christoph Fugel

Es erinnert an einen Orkan, mit Annette Krüger zu reden. Lautstärke und Laune – bei ihr läuft alles in höchster Drehzahl. Dabei hält die 48-Jährige nichts davon, „nur zu schnacken“. Als 2015 tausende Menschen aus Krisengebieten in Deutschland Schutz suchten, war für Krüger klar, dass sie sich engagieren würde – für die Frauen. „Women Empowerment zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben“, sagt sie. Begleitet von Mitstreiterinnen kreuzte die begeisterte Fahrradfahrerin 2015 in einer Moabiter Unterkunft für Geflüchtete auf. Und traf auf unerwartet viele Interessentinnen, die auf zwei Rädern mobil werden wollten – Rad fahren gilt in vielen Ländern für Frauen als Tabu. Inzwischen haben die von Krüger mitgegründeten #bikeygees 930 Frauen das Rad fahren gelehrt. Und ihnen in vielerlei Hinsicht geholfen, ihren Radius zu erweitern. Aber auch Krüger hat viel gelernt – und Klischees über Bord geworfen. Sich für Fehler zu entschuldigen, hält sie für selbstverständlich. Unverzeihlich ist für Krüger nur eins: zu jammern, aber nichts zu tun.

www.bikeygees.org


Die Riot Mom

Aus der eigenen Not heraus wurde die alleinerziehende Mutter Kristin Lein zur Aktivistin.
Kristin Lein: Vorbild statt Außenseiterin
Foto: Simon Ringelhan

Anfang 20 – und schon Mutter? Außerdem alleinerziehend und das Kind Schwarz? Immer wieder war Kristin Lein, jetzt 35, damit konfrontiert, dass sie verächtlich beäugt wurde. Irgendwelche Rollenvorbilder, die Mut machten? Fehlanzeige! Die aufkommende Mama-Blog-Szene wendete sich vor allem an die vermeintlich heile Kleinfamilie: Mama, Papa, Kind(er) – Mittelschicht! Irgendwann reichte es Lein. Sie konterte mit ihrem Blog „Me, myself & child“, wurde ihr eigenes Vorbild. Ein Ausdruck davon waren auch Verkaufsprodukte, die sie in Kooperation mit einer Designerin produzieren ließ. T-Shirts mit der Aufschrift „Riot Mom“, Aufkleber mit „Matriarchy“. Raus aus Klischees und Marginalisierungen, das wünscht sich Lein auch für die nachfolgende Generation. Zusammen mit weiteren Frauen brachte sie 2017 das Online-Jugendmagazin Brause*Mag heraus. Wegen der „alltäglichen Kämpfe“ ruht das zwar derzeit, nicht aber die Widerstandkraft von Kristin Lein.

www.brausemag.de


Die Realitäter*innen

Internationaler Frauentag 2020: Die Hoe_mies veranstalten bunte Parties in Berlin und haben ihren eigenen Podcast Realitäter*innen.
Lúcia Lu & Meg10: Partys und ein Podcast
Foto: Leni Stahlhuth

„Ich wurde kein einziges Mal begrabscht“, staunen Frauen, die erstmals eine Party der Hoe_mies besuchten. Andere freuen sich, dass sie bei diesen Hiphop-Events nicht wegen ihrer sexuellen Identität oder ethnischen Erscheinungsbildes blöd angemacht werden, sondern einfach sie selbst sein und feiern können. „Uns hatte so eine Party-Reihe in Berlins Nachtleben gefehlt“, sagen die Hoe_mies, also Lucia Luciano (Lúcia Lu) und Gizem Adiyaman (Meg10). Homies – beste Kumpel – sind die beiden seit der Kindheit. Unter anderem das Faible für HipHop, aber auch der Missmut, Frauen, Schwarze, People of Colour und LGBTIQs in der entsprechenden Berliner Szene viel zu selten als Acts erleben zu können, schweißte sie zusammen – und war 2017 Grund für die Entwicklung ihrer Party-Reihe. Der Drang nach Freiheit ist für Lúcia Lu & Meg10 damit jedoch keinesfalls befriedigt. In ihrem neuen Podcast „Realitäter*innen“ erkunden sie Themen wie Sexarbeit und Männlichkeit.

Facebook: Hoe_mies, Spotify: Realitäter*innen


Die Unermüdliche

Als freischaffende Regisseurin, Autorin und Dramaturgin engagiert sich die Aktivistin Susan Reck für die Rechte von Randgruppen.
Susan Reck: Sehnsucht nach echten Storys
Foto: Sharon Adler

Als freischaffende Regisseurin, Autorin und Dramaturgin, wie Susann Reck das alles ist, können die Tage lang werden. Wenn die 53-Jährige trotzdem Stunden vor der eigentlichen Arbeit aufsteht oder abends den Computer wieder hochfährt, hat das Gründe.  Reck will nicht akzeptieren, wie unterrepräsentiert Frauen, Queers, Gehandicapte oder People of Colour im Film- und Fernsehgeschehen sind. Und zwar vor wie hinter der Kamera. Ehrenamtlich zieht Reck für Pro Quote Film, eine Initiative, die die anteilsmäßige Beteilung von Frauen nicht nur bei Produktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens durchsetzen will, an Fäden, organisiert, nimmt an Diskussionen teil. Neuer sind Recks Aktivitäten zugunsten der „Queer Media Society“, die sie 2019 mitgegründet hat. Queers, aber auch andere Randgruppen müssten endlich adäquat sichtbar werden – zum Wohle von allen. Reck: „Denn auch die erzählten Geschichten werden dadurch viel interessanter.“

www.susannreck.de, www.queermediasociety.org

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