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Interview mit 11-Freunde-Chef Philipp Köster – Teil 2

tip Ist „11 Freunde“ auch deshalb erfolgreich, weil es die nos­talgischen Bedürfnisse seiner Leser so ausgiebig befriedigt?
Köster Unser Erfolgsgeheimnis schlechthin: der verklärte Blick auf die 80er Jahre! Aber im Ernst: Wir müssen immer wieder aufpassen, dass wir nicht in die Nos­talgiefalle rennen. Aber das machen wir nicht aus ökonomischem Kalkül, sondern weil gerade die 70er und 80er optisch so viel hergeben: bizarre Frisuren, Goldkettchen, Badeschlappen.

tip Tatsächlich hat man vor lauter Panini-Bildern und bizarren Frisuren manchmal den Eindruck, dass in der „11 Freunde“-Redaktion Männer sitzen, die ihrer Kindheit nachtrauern.
Köster Gut erkannt. Wir befinden uns in einem steten Kampf, das nicht zu penetrant werden zu lassen. Früher haben wir die 80er Jahre hemmungslos verklärt, wenn auch mit dezenter ironischer Brechung. Wir haben aber kürzlich ein Sonderheft produziert, in dem wir uns auch mit den Schattenseiten des Jahrzehnts auseinandersetzen: die großen Stadionkatastrophen in Heysel und Sheffield, die Gewalt auf den Rängen, die Ausländerfeindlichkeit, die schwitzige Homophobie. Man darf ja nicht vergessen, dass in den 80ern und Anfang der 90er der Hooliganis­mus die bestimmende Jugendkultur auf den Rängen war. Vollidioten in Chevignon-Jacken.

tip Inzwischen sind aber auch aufwendige Reportagen und Hintergrundberichte fester Bestandteil Ihres Heftes. Wie kann eine relativ kleine Zeitschrift sich das leisten, einen Reporter monatelang recherchieren zu lassen?
Köster Unsere langen Reportagen sind nur möglich, weil wir viel selbst rausfahren und schreiben. Wir sind nur fünf Redakteure, begreifen uns aber trotzdem nicht als bloße Redigiermaschinen, die den Autoren hinterhertelefonieren. Das führt zwar zu notorischer Überarbeitung, macht aber immer noch die Faszination des Arbeitens aus.

tip Was war Ihre aufwendigste Geschichte?
Köster In der letzten Saison haben wir Rot-Weiß Oberhausen ein Jahr lang begleitet. In diesem Zeit­raum ist der Kollege zu jedem Spiel gefahren und hat beim Training hinter dem Tor herumgelungert. Und weil er so penetrant war, haben sie ihn sogar in die Mannschaftskabine reingelassen. Das ist eigentlich ein Unding, kein Journalist kommt in die Kabine. Die Mannschaft hat sich uns gegenüber geöffnet, selbst auf das Risiko hin, ein bisschen als Provinzklub dazustehen. Es hat sich gelohnt, für uns und für die Oberhausener. Wir haben auch mal die rauschhaften Jahre von Bayer Leverkusen nachgezeichnet, als sie 2001 im Champions-League-Finale standen und am Ende alles verloren. Bis heute haben die Verantwortlichen Tränen der Rührung in den Augen, wenn sie den Artikel lesen.

tip Welche Nationalspieler haben „11 Freunde“ abonniert?
Köster Wir beliefern die Spieler freigiebig. Die können sich gar nicht dagegen wehren. Aber das lohnt sich auch: Oliver Kahn hat uns erst ein Interview gegeben, nachdem wir ihm penetrant über Jahre das Heft geschickt haben. Von den aktuellen Nationalspielern kennen uns viele, manche blättern mal durch, andere lesen uns wirklich wie Thomas Hitzls­perger, der ohnehin einer der sympathischsten Kicker derzeit ist.

tip Wie stehen Sie zur Stadionkultur der Gegenwart?
Köster
Das Selbstverständnis der Fanblöcke hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. In den meisten Kurven steht ein Vorsinger mit einem Megafon auf dem Zaun und bestimmt, was gesungen wird. Das hat in der Regel wenig mit dem Spielstand zu tun, die Ultras machen ganz gerne ihre eigene Party. Das allerdings ist für mich ein Sündenfall. Ich finde, ein Fanblock muss immer versuchen, Teil des Spiels zu sein, als Akteur, der im Zweifelsfall auch mal ein Spiel entscheiden kann. Aber dann muss ich auch auf das Spiel achten und auf das Spiel reagieren. Früher hat ein Tor oder eine Rote Karte zu großen Gefühlseruptionen geführt. Heute gucken viele nur noch kurz auf und singen dann weiter.

tip Gerade in Berlin hat sich Fußball in den letzten Jahren zum Lifestyle-Phänomen mit seltsamen kommerziellen Begleiterscheinungen entwickelt. Nervt Sie das manchmal?
Köster Ich stehe dieser Entwick­lung zwiespältig gegenüber. Nick Hornby hat in „Fever Pitch“ noch festgestellt, dass der Fußball nicht die Literatur hat, die er verdient. Inzwischen gibt es eine Flut von Büchern über Fußball, darunter auch ganz wunderbare Literatur. Wenn Fußball nicht so ein Massenphänomen geworden wäre, dann würden sich Autoren auch nicht trauen, ein Jahr ihres Lebens für ein Fußballbuch zu opfern. Das ist der positive As­pekt. Andererseits: Alles, was zur Massenkultur wird, verflacht ir­gendwann und bedeutet nichts mehr.

tip Auch „11 Freunde“ treiben die Kommerzialisierung des Fußballs voran, indem Sie Son­derhefte, Tassen und T-Shirts auf den Markt bringen. Neuerdings produzieren Sie sogar eine Beilage, die sich ausschließlich mit Frauenfußball beschäftigt. Warum?
Köster „11 Freundinnen“ machen wir, weil wir gemerkt haben, dass es einen Bedarf gibt, auch wenn wir, statistisch gesehen, alles andere als ein Magazin sind. Es gab immer wieder Leute, die gerne etwas über Frauenfußball lesen wollten und sich eine entsprechende Rubrik gewünscht haben. Aber wir wollen Frauenfußball lieber als eigenständige Sportart reflektieren. Man tut dem Frauenfußball kein Gefallen, wenn man ihn ständig mit dem Männerfußball vergleicht.

tip Wie ist die Resonanz auf die Beilage?
Köster Sehr gut. Auch wenn uns ein paar Hardcore-Leser das „11 Freundinnen“-Heft zerrissen zurückgeschickt haben.

tip Echte Fußballfans sind wohl sehr konservativ?
Köster Ja. Und sagenhaft humorlos. Wenn Witze über seinen Verein gemacht werden, kann der echte Fan erst einmal nicht mitlachen. Was ich prinzipiell richtig finde, weil oberflächliche Witzeleien über Fußball meistens nicht besonders komisch sind. Entscheidend ist, dass man den Fußball im tiefsten Inneren als hei­lige Angelegenheit betrachtet. Daraus entsteht dann schon ganz zwangsläufig Komik. Um mal in die Theorie des Fußballhumors einzusteigen: Christoph Biermann hat richtig festgestellt, dass der Fußballfan im Gegensatz zum Popmusikliebhaber keine Fluchtmöglichkeit hat. Ein Musikliebhaber kann sich von seiner Band lossagen, wenn er findet, dass sie kommerziell und lasch geworden ist. Aber was macht ein Schalke-Fan, der früher noch im Regen im Parkstadion stand und der inzwischen in diese schreckliche Halle mit dem Videowürfel in der Mitte muss? Der kann nicht zu einem Oberligaverein gehen. Oberliga ist kein Underground. Du kannst dich nur von deinem Verein distanzieren – oder du bleibst bei ihm. Diese Aussichtslosigkeit bringt Humor hervor, weil sie anders nicht zu ertragen ist.

tip Gibt es Situationen, in denen Ihnen die Lust am Fußball vergeht?
Köster Das kommt vor. Weil man Leute kennenlernt, die man früher bewundert hat. Außerdem geht es bei vielen Spielen inzwischen unglaublich seelenlos zu. Vor allem beim DFB-Pokalfinale: Da hat eine Mannschaft gewonnen, der Schlusspfiff ertönt – jetzt wäre eigentlich dieser Moment großer Emotionen gekommen, die Spieler umarmen sich und die Fans auf den Rängen singen. Stattdessen werden sofort nach dem Abpfiff die Regler hochgezogen und „We Are The Champions“ wummert durchs Stadion. Emotionen vom Reißbrett.

tip Trotzdem waren die Stadien früher längst nicht so voll wie jetzt.
Köster Aber die Leute kommen mit einer schwer erträglichen Konsumhaltung ins Stadion. Manchmal wundern sich Trainer und Spieler, warum die Zuschauer so schnell pfeifen. Aber die Leute zahlen 50 Euro für eine Eintrittskarte und haben auch noch Kinder dabei, die versorgt werden wollen. Also, man zahlt 100 Euro für den Nachmittag und bekommt eine schnödes, torloses Unentschieden serviert bei nasskaltem Wetter. Da pfeifen die Zuschauer eben. Weil das Versprechen, für ihr Geld etwas Einzigartiges und Unvergessliches zu erleben, nicht eingehalten wurde. Dabei gehört zur Faszination von Fußball das Unvorherseh­bare, auch die Möglichkeit eines schlechten Spiels. Ich kenne kaum einen wirklichen Fan, der seine Bindung zum Verein nicht auch daran festmacht, wie viele schlechte Spiele er von seiner Mannschaft gesehen hat. Bei Clubs wie Braunschweig, Duis­burg oder Bielefeld sind neun von zehn Spielen eine Zumutung. Daraus entsteht Identität: aus dem Leiden am und der Treue zum Verein.

tip Auch die Fans des Berliner Bundesligisten sind leidgeprüft. Was wird aus Hertha BSC?
Köster Ich habe die Chancen der Hertha auf Klassenerhalt in der
Winterpause auf null Prozent taxiert, aber im Moment liege ich bei zwei bis drei Prozent. Aber ganz ehrlich ist mir lieber, dass Hertha nicht absteigt und Union in der zweiten Liga bleibt. Weil nämlich der dritte Platz in dieser Zweitligasaison schon für Arminia Bielefeld
reserviert ist.

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Interview: Eva Apraku und Heiko Zwirner
Foto: David von Becker

11 Freunde – Die große Jubiläumsparty Moderiert von Philipp Köster und Christoph Azone, mit Live-Gigs von Addictive TV und Thees Uhlmann im Astra Kulturhaus Do 25.2., 20 Uhr

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