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Interview mit Boxweltmeister Arthur Abraham – Teil 2

tip Boxen gilt als ein Sport, mit dem gefährdete Einwanderer- Jugendliche von der Straße auf den rechten Weg gebracht werden können. Warum?
Abraham Bei mir trifft dieses Klischee überhaupt nicht zu. Eher das Gegenteil. Ich habe eine sehr gute Familie, meinen Eltern geht’s gut, sie sind gesund, sie arbeiten. Ich spreche vier Sprachen, Armenisch, Deutsch, Russisch und Englisch. Ich habe einen sehr guten Schulabschluss, habe danach Schreiner gelernt und dann Internationales Management studiert. Bis ich durchs Boxen bekannt wurde, haben meine
Familie und ich aus wirtschaftlicher Sicht ein normales Leben geführt. Wir konnten uns zwar nicht alles leisten, aber es war ein gutes Leben, es hat gereicht.


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Warum wird Boxen dann als idealer Sport angesehen, mit dessen Hilfe man gefährdete Jugendliche von der Straße holen kann?

Abraham
Jemand, der seine Aggressionen sonst durch Prügeleien auf der Straße abbaut, kann das, ohne anderen zu schaden, genauso gut im Ring tun. Wenn derjenige dann aber ein paar Mal selber eins auf die Nase bekommt, merkt der erstens, was das bedeutet. Zweitens wird er auch schnell mitkriegen, dass man im Ring ohne Disziplin und Fairness keinen Erfolg haben kann.

Arthur_Abrahamtip Wie gehen Sie damit um, dass Boxer oft als hart, nicht aber unbedingt sehr helle angesehen werden?
Abraham So denkt doch kaum noch einer. Boxen ist in Deutschland im Laufe der vergangenen Jahre durch Leute wie Henry Maske, Axel Schulz, Sven Ottke oder die Klitschko-Brüder sehr populär geworden. Das sind alles Leute, die sehr gut drauf sind. Früher war Boxen vielleicht mal ein Böse-Buben-Sport. Aber jetzt ist das nicht mehr so. Boxen ist ein Sport wie jeder andere auch, wie Formel 1, Tennis oder Fußball. Das ist
ein Leis­tungssport. Klar gibt es auch im Boxen bessere und schlechtere Menschen, wie auch sonst überall im Leben. Dass Boxer aber irgendwie besonders schlimme Jungs sein sollen, ist falsch. Im Gegenteil.

tip Und Graciano Rocchigiani, der legendäre Rüpel?
Abraham Der ist doch eine Ausnahme. Viel häufiger sind die Klitschkos,
Leute wie Henry Maske oder Axel Schulz. Die setzen sich für Charity-Projekte ein.

tip Eben hatten Sie sich als Fan von Mike Tyson zu erkennen gegeben. Der gilt auch nicht gerade als der Sanftmütigste.
Abraham Ich bin ein Fan des jungen Mike Tyson. Ich habe ihn als Boxer
bewundert, nicht als Mensch. Das ist ein ganz großer Unterschied. Seine Intelligenz bewundere ich nicht, denn die ist begrenzt. Das hat er bewiesen. Er hat in seiner Karriere 100 Millionen Dollar verdient, hat jetzt aber 30 Millionen Dollar Schulden. Das ist nicht normal. Aber seine boxerische Qualität war einmalig.
tip Es gibt inzwischen Kampfsportarten, die wie Xtreme Fighting
beziehungsweise Ultimate Fighting den Zuschauern eine deutlich härtere Gangart als beim Boxen versprechen. Fürchten Sie, dass solche neuen Disziplinen dem Boxen irgendwann den Rang ablaufen?
Abraham Das glaube ich überhaupt nicht. Das ist eine ganz andere
Sportart, die man mit Boxen überhaupt nicht vergleichen kann. Da gibt es im Gegensatz zum Boxen keine Regeln. Diese Sportarten kann man doch vergessen. Das ist doch viel zu brutal. Wer will das sehen? Das ist auch für mich zu brutal.

tip Aber geht’s nicht auch beim Boxen letztlich um Brutalität? Will der Zuschauer dort nicht auch einen spektakulären K.o. sehen?

Abraham
Aber beim Ultimate Fighting kann man doch gar nicht von spektakulären Knock-outs reden. Da gibt es doch einfach keine Regeln. Was ist daran spektakulär? Wer will das sehen? Das ist kein Sport, das ist Prügelei. Auf Dauer hat das keine Chance.

tip Ihr richtiger Name lautet Avetik Abrahamyan. Auch ihr Boxer-Kollege Felix Sturm heißt eigentlich anders: Adnan Catic. Ist es nicht demütigend, wenn eingewanderte Boxer ihren Namen ändern müssen, damit sie akzeptiert werden?
Abraham Anfangs hatte mir die Idee, meinen Namen zu ändern, auch nicht gefallen. Es war mein Management, das die Namensänderung vor­­schlug. Jetzt aber finde ich diese Idee schlau. Denn wenn jemand aus einem anderen Land kommt und einen Namen hat, den man hier kaum aussprechen kann, dann kann man nur schwer vermarktet werden. Wenn man hier eine gute Zukunft haben will, muss man einen eingängigen Namen haben, den sich die Leute merken können. So wie Pйlй oder Ronaldo. Die heißen ja in Wirklichkeit auch nicht so. Mein Spitz­name ist „King Arthur“. Mein richtiger Name Avetik Abrahamyan steht immer noch in meinem Pass. Dort steht aber auch mein Künstlername Arthur Abraham.

tip Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie, wie zuvor beim Radfahren,
auch beim Boxen festgestellt hätten, dass Ihr Talent zu mehr als Mittelmaß nicht reicht?
Abraham 100-prozentig ein Geschäftsmann. Das bin ich ja, parallel zum Boxen, auch jetzt bereits.

tip Im Bereich Sport?
Abraham Nein, nicht im Sport. Ich betreibe eine eigene Fluglinie, meine Privatflugzeuge kann man jederzeit chartern. Meine Fluglinie heißt King
Air­line, wir kooperieren mit Windrose Air. Außerdem habe ich eine eigene Sportswear- Kollektion, deren Teile in einigen Kaufhäusern und auf meiner Internetseite zu haben sind. Und auch mit Immobilien habe ich ein bisschen zu tun. Das alles aber nebenbei und vor allem mit Blick auf die Zukunft.

tip Sie sind jetzt 29 Jahre alt. Wie lange wollen Sie noch boxen?
Abraham Ich denke, ich werde auf jeden Fall boxen, bis ich 35 bin. Ich
bin ein Typ, der immer in Bewegung bleiben muss. Noch kann ich mir nicht vorstellen, mit dem Boxen aufzuhören und nur im Büro zu sitzen.

tip Es gibt eine ganze Reihe von deutschen Boxern, an die man sich bis
heute erinnert: Max Schmeling, weil er Joe Louis besiegt hatte. Henry Maske, der Gentleman. Graciano Rocchigiani, der Rüpel. Wie möchten Sie dem Publikum im Gedächtnis bleiben? Als der Mann, der trotz Kieferbruchs noch weiterkämpfte?
Abraham Schwierige Frage. Auf jeden Fall als ein guter Boxer, ein guter Kämpfer. Und als ein fairer Sportler und vernünftiger Mensch.

Interview: Eva Apraku
Fotos: Harry Schnitger

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Zur Person
Arthur Abraham wurde am 20. Februar 1980 in Eriwan, Armenien, geboren. 1995 zog seine Familie nach Deutschland, wo Abraham mit dem Amateuer­boxen begann. Nach 90 Kämpfen, davon 81 Siegen, sechs Unentschieden und drei Niederlagen, wechselt er 2003 als Profi in den Boxstall von Wilfried Sauerland, bei dem er unter Ulli Wegner trainiert. Am 10. Dezember 2005 wurde Arthur Abraham IBF-Weltmeister im Mittelgewicht, ein Titel, den er Mitte 2009 kampflos niederlegte, um in die höhere Supermittel­gewichtsklasse aufzusteigen. Arthur Abrahams Kampf gegen Jermain Taylor ist der Auftakt der neuen Turnier-Serie „Super Six World Boxing Classic“, bei der bis zum Frühjahr 2011 unter den besten drei europä­ischen und drei amerikanischen Supermittelgewichtlern der
Champion ermittelt wird. Von seinen 30 Profi-Kämpfen hat Arthur Abraham bislang alle Kämpfe gewonnen, 24 davon durch K.o.-Siege.

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