Stadtleben

Interview mit Clemens Schick

clemens_schicktip: Herr Schick, in einem Rundbrief an Nachbarn und Freunde haben Sie kürzlich Ihrem Unmut über die Verramschung der Oranien­straße Luft gemacht und zum Handeln aufgerufen. Was hat Sie dazu bewegt?
Clemens Schick: Ich habe mitbekommen, dass ein Altbau an der Ecke Adalbertstraße in ein Hostel umgewandelt werden soll. Auf der Brachfläche an der Ecke Manteuffelstraße soll ebenfalls ein Hos­tel entstehen, und an der Skalitzer-/Ecke Mariannenstraße wird ein Hotel gebaut. Sollte all das realisiert werden, wird sich die Oranienstraße in eine einzige Partymeile verwandeln.

tip: Nun ist die Oranienstraße seit Jahrzehnten alles andere als eine ruhige Seitenstraße…
Schick: Klar. Ich bin vor fünf Jahren hierhergezogen, weil ich an einem Ort wohnen wollte, der sich nach Stadt anfühlt. Davon gibt es Berlin ja gar nicht so viele. Es wäre auch ein bisschen absurd, nach Kreuzberg 36 zu ziehen und sich dann über den Lärm zu beklagen. Es gibt aber eine bestimmte Art von Billig-Tourismus, der hier vor allem in den Abend- und Nachtstunden überhandnimmt. Ich habe das Gefühl, dass sich die gesamte Infrastruktur immer stärker darauf ausrichtet. Dabei habe ich überhaupt nichts dagegen, wenn die Leute sich amüsieren. Mir geht es um die Stadtentwicklung. Da ist für mich momentan überhaupt keine Linie zu erkennen. Alles wird einfach nur sich selbst überlassen. Das sieht man an vielen Kleinigkeiten. Mehrere Einzelhändler haben mir erzählt, dass von der Gastronomie ein enormer Druck ausgeht. Ein kleines Modegeschäft mit einer eigenen Schneiderei kann natürlich nie den Umsatz machen wie ein Restaurant, das die Touristen abfertigt.

tip: Befürchten Sie, dass eine Monokultur aus Schnellimbissen, Bars und Internet-Kiosken entsteht?
Schick: Das wäre fatal für die ganze Gegend. Zum Glück eröffnen aber auch schicke Modeläden und tolle Restaurants neben den alteingesessenen Buchhandlungen und Bioläden. In den Hinterhöfen haben sich Schauspielagenturen und Grafikbüros niedergelassen. Hier arbeiten unzählige Künstler und Kreative, die auf die Entwicklung des Stadtteils aber gar keinen Einfluss mehr nehmen, weil sie sich nicht zusammentun.

tip: Wie waren die Reaktionen auf den Aufruf?
Schick: Die Reaktionen waren durchweg positiv – bis auf einzelne Stimmen, die gesagt haben, dass man den Lauf der Zeit nicht ändern kann. Da bin ich anderer Meinung. Immerhin hat dieser Stadtteil eine ganz spezielle Tradition der politischen Einflussname. Wenn es damals die Hausbesetzungen nicht gegeben hätte, würde das Viertel heute ganz anders aussehen. Wo sollen sich die Leute denn einmischen, wenn nicht hier. Um das zu machen, müssen sich die Leute, die in dieser Straße wohnen und arbeiten, zusammensetzen und sich über ihre gemeinsamen Interessen verständigen. Da fehlt eigentlich nur noch ein griffiger Name.

tip: Wo sehen Sie Handlungsmöglichkeiten für eine Anwohnerinitiative?
Schick: Man muss einerseits mit der Bezirksverwaltung sprechen, andererseits muss man die Hausbesitzer an ihre Verantwortung erinnern. Die können nämlich kurzfristig denken und sagen, okay, der Laden steht leer, da kommt ein 24-Stunden-Imbiss rein und macht einen Riesenumsatz, dann kann ich die Miete erhöhen. Sie können aber auch langfristig dazu beitragen, dass sich die Lebensqualität im Viertel steigert. Viele Immobilien in dieser Straße gehören der Holding von Nicolas Berggruen. Den würde ich zum Beispiel gerne direkt ansprechen. Wenn er tatsächlich will, dass sich diese Gegend zum Soho von Berlin entwickelt, muss er ein bisschen mithelfen.

tip: Viele Berliner scheinen derzeit Angst vor jeder Form von Veränderung zu haben und wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Sie auch?
Schick: Ich habe nichts gegen Veränderung und kann auch nicht wirklich was mit dem Begriff „Gentrifizierung“ anfangen. Der muss zu oft dafür herhalten, jede Form von Entwicklung zu verteufeln.

tip: Wie sieht Ihr Idealbild der Oranienstraße aus?
Schick: Mein Idealbild würde ich zunächst an den Läden festmachen. Da wünsche ich mir, dass es eine Infrastruktur gibt, die nicht nur auf Fast Food und billiges Bier ausgerichtet ist, sondern in der Anwohner und Touristen alles bekommen, was sie zum Leben brauchen. Die Kreuzberger Mischung soll erhalten bleiben.

Interview: Heiko Zwirner

Foto: Benjamin Pritzkuleit

Mehr über Cookies erfahren