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Interview mit Comiczeichner Gerhard Seyfried und Ziska Riemann – Teil 2

Gerhard_SeyfriedSeyfried, Ihre Comics von Polizisten mit Knollennasen oder auch dem Linksalternativen Zwille hingen in den 70er-, 80er-Jahren so ziemlich in jeder WG von Westberlin bis Münster. Das Image vom Kreuzberger Spaßchronisten werden Sie wohl nicht mehr los?
SEYFRIED?Ich wohne schon ewig nicht mehr in Kreuzberg. Also zehn Jahre, glaube ich. Obwohl, doch: Bevor ich für knapp zwei Jahre in die Schweiz gezogen bin, war ich noch mal in Kreuzberg, so Anfang 2003. Seitdem nicht mehr. Jetzt bin ich Schöneberger.

Hat Sie jemals irgendwo ein Polizist angeblafft: „Nochmal vielen Dank für die Knollennasen und das ’Pop! Stolizei!’, du Arsch?“
SEYFRIED?Ach nein. „Pop Stolizei“ gefällt vielen sogar. Da gab’s zum Beispiel den Polizeichor in Hameln, der meine „Lalülalü“ singende Gruppe von Polizisten als Einladungskarte wollte. Ich habe sogar einen Fankreis in der älteren Polizeiszene, die etwas liberaler ist.

Ziska, mit 13, 14 haben Sie in Kreuzberg zwei Jahre lang auf Trebe gelebt. Unterscheidet sich Ihr Kreuzberg-Bild von dem Seyfrieds?
ZISKA?Gar nicht so sehr. Das Kreuzberg für mich war noch mit ?Mauer ganz stark. Diese Zeit, wo das so ein Ende der Welt war, drum herum eben die Mauer. Man kam nicht raus, alles war verfallen.
SEYFRIED?Da war’s eben harmonisch, das Insel-Ding und so. Mieten waren spottbillig, weil da kein Mensch wohnen wollte aus Angst, die Russen ständen morgens in der Küche. Dann aber ist da alles überrollt worden von Autos und jetzt von der Gentrifizierung.

Gibt es das alternative Kreuzberg überhaupt noch?
SEYFRIED?Ich weiß es nicht, ich fahre nie hin. Keine Ahnung, was da los ist. Das ist ja in Berlin auch typisch, dass man aus seinem Kiez nicht rauskommt. Ich bin öfter in New York als in Kreuzberg.

Ziska, fragen Sie Seyfried manchmal noch über die alte Zeit aus?
SEYFRIED?Nein!
ZISKA?Das stimmt doch gar nicht! Ganz viel! Wir haben doch mal ein Interview-Buch gemacht. Das war sehr intensiv. Da hatte ich das Gefühl, dass du sehr in diesen Erinnerungen auch aufgelebt bist.
SEYFRIED?Ja, endlich mal wieder eine Verhörsituation.

Ziska_RiemannDie Comics, die Sie beide gemacht haben, waren anders als Seyfrieds vorherige Arbeiten: viele Endzeitvisionen, weniger Humor.  
SEYFRIED?Wir fanden das natürlich trotzdem komisch. Aber das war schon ein Schock für meine Fans. Manche waren enttäuscht, haben gesagt: Das ist ja gar nicht lustig. Die Endzeitvisionen kamen eigentlich von Ziska. Als wir uns kennenlernten, hatte ich schon 20 oder 25 Jahre Bullen und Freaks hinter mir. Es war Zeit für etwas Neues.

Machen Sie jetzt, nach „Kraft durch Freunde“, wieder weiter?
SEYFRIED?Das hängt ziemlich vom Verkaufserfolg ab. Außerdem bin ich wieder am nächsten Roman dran, es geht um Spionage vorm Ersten Weltkrieg. Und Ziska arbeitet an ihrem nächsten Film.
ZISKA?Vielleicht so in zehn Jahren, schätze ich.
SEYFRIED?In zehn Jahren? Da werde ich 72 sein. Ich bin nicht ganz sicher, wie ich die Dinge dann sehe.

Seyfried,  Ihr gesamtes Werk und nun auch den neuen Comic durchzieht ein tiefes Misstrauen gegen die Staatsmacht. Nun stehen, gerade auch in Berlin, die Grünen zumindest laut Umfragen kurz davor, zu regieren. Wächst nun auch gegen sie Ihr Misstrauen?
SEYFRIED?Ja, stetig. Wie sich das äußert, möchte ich nicht verraten. Aber wieso, das schon. Es liegt daran, dass sie zu den ganzen Scheißkriegen Ja gesagt haben, was ich ihnen nie verzeihe. Ansonsten sympathisiere ich mit Umweltschutz und all diesen ganzen Geschichten. Aber das mit den Kriegen nehme ich ihnen wirklich, wirklich übel.

Womöglich tritt Renate Künast bei der Abgeordnetenhauswahl im nächsten Jahr als Spitzenkandidatin der Grünen an. Gestalten Sie dann, wie für Ströbele, auch ihr ein nettes Wahlplakat?
SEYFRIED?Sehr wahrscheinlich nicht. Hans-Christian Ströbele ist meiner Meinung nach bis jetzt der einzige Politiker, für den ich was machen würde. Der Einzige, den ich für sauber halte. Aber Frau Künast? Nein. Nicht solange die Grünen sich nicht eindeutig gegen den Krieg positioniert haben.

Also jetzt mal rein theoretisch: Wie würden Sie denn gegebenenfalls ein Künast-Plakat zeichnen?
SEYFRIED So schlecht ich es nur irgendwie hinkriege. 

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Interview: Erik Heier
Fotos: David von Becker

Seyfried & Ziska: „Kraft durch Freunde“ ?Haffmans
& Tolkemitt (bei Zweitausendeins), 64 Seiten, 12,90 Ђ

 

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