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Interview mit Comiczeichner Gerhard Seyfried und Ziska Riemann

Seyfried_RiemannZiska Riemann, Gerhard Seyfried, sind Sie in sozialen Netzwerken drin? Haben Sie zum Beispiel einen Facebook-Account?
SEYFRIED?Ich bin in Facebook, ja. Ziska auch. Aus Recherchegründen für den Comic. Der Vorteil ist auch, dass wir mit unseren ausländischen Kollegen jetzt wieder engeren Kontakt haben, der vorher immer etwas mühsam war oder dann jahrelang eingeschlafen ist.

Haben Sie dabei schon mal schlechte Erfahrungen gemacht?
ZISKA?Wir sind mal einfach abgemeldet worden.
SEYFRIED?Zu viele illegale Einlog-Versuche, hieß es, in schlechtem Englisch. Aber sonst gab es eigentlich keinen Ärger.

In Ihrem neuen Comic „Kraft durch Freunde“ geht es um eine Art fliegendes Smartphone namens „Muhn“, das der wichtigste Teil eines perfiden Überwachungssystems wird. Sind Sie Pessimisten?
SEYFRIED?Ziska ist Optimistin. Ich bin Berufspessimist (lacht).

Sie beschreiben eine düstere Allianz von Kommunikationsunternehmen und Regierung. Mit einem Leiter des Bundesamtes für Informationssicherheit, „Dr. Schräuble-Locker“, im Rollstuhl. Oder „Dr. Schmiss“, über den sich Roland Koch kaum freuen würde.
SEYFRIED?Stimmt, ja. Wir haben uns aber Mühe gegeben, die beiden sehr schmeichelhaft zu zeichnen.

Ich bin nicht ganz sicher, ob Ihnen das gelungen ist.
SEYFRIED?Wir verspotten eigentlich nur, was schon da ist. Ich würde sagen, die Industrie herrscht, und die Regierung darf bestimmen, wer raucht und wo nicht.
ZISKA?Wir haben uns überlegt: Was wäre, wenn jetzt einer von unseren vielen Freunden, die wir jetzt auf Facebook oder sonst wo haben, in finsteren Machenschaften verstrickt ist oder unter Terrorverdacht steht? Dann kriegt man wahrscheinlich Hausbesuche.

Man denkt ja dabei: Die großen Verschwörungsszenarien der Macht gegen das Volk, das ist doch eigentlich so was von Achtziger…
SEYFRIED?Es ist doch längst Realität. Letztlich sind soziale Netzwerke nicht mehr aufzuhalten. Oder diese ganze Überwachungsscheiße.
ZISKA?Und der Kapitalismus auch nicht.

Dann sollten Sie Facebook schnellstens wieder verlassen.
ZISKA?Hatten wir uns auch vorgenommen. Aber es macht totalen Spaß zu kommunizieren und zu sehen, was andere Leute da posten. Man wird an längst vergessene Musikstücke oder Filme erinnert…
SEYFRIED?…oder an längst vergessene Beziehungen…

Will man das denn wirklich haben?
SEYFRIED?Nein (lacht).

Wie gehen Sie mit Ihrem offensichtlichen Misstrauen gegenüber den sozialen Netzwerken persönlich um?
SEYFRIED?Es ist klar, dass mit den Daten Schindluder getrieben wird und Missbrauch aller Art. Aber es liegt an einem selber, was man denen an Informationen gibt. Natürlich schreibe ich da nichts über religiöse Ansichten oder über meinen wahren beruflichen Werdegang rein. Den Lebenslauf kann sich jeder anschauen, der ist sehr interessant. Militärakademie, Kombat-Kurse, Kombat-Yoga. Dann war ich in einem Karikaturisten-Ausbildungslager in Bakersfield. Angefangen habe ich damit, Schulen zu erfinden. Und das hat Facebook dann immer nicht zugelassen. Aber sobald das Wort „Akademie“ oder „Universität“ drin vorkommt, klappt’s. Also steht da jetzt in meinem Lebenslauf: Royal Military Academy Sandhurst.

Ihre letzte gemeinsame neue Comic-Story ist lange her, 1999, „Starship Eden“. Sie, Seyfried, haben historische Romane geschrieben, etwa über die Hereros und den Boxer-Aufstand, und unter anderem die berühmten Wahlplakate für Hans-Christian Ströbele illustriert. Von Ihnen, Ziska, gibt es Drehbücher und Filme. Musik machen Sie auch. Wieso haben Sie es nun doch wieder zusammen probiert?
ZISKA?Ach, unser Verleger saß vor zwei Jahren hier in der Küche und hat uns sein Angebot gemacht, was wir nicht ablehnen konnten.
SEYFRIED?Wir hätten es aber ablehnen sollen (beide lachen).
ZISKA?Weil eine Unmenge von Arbeit auf uns zukam. Ich habe ?zwischendrin einen Film gedreht, und dann musste er alleine weitermachen. Und wir haben uns einfach Monate durchgequält, bis die Story überhaupt stand.
SEYFRIED?Ich hab mich da verschätzt, weil wir so lange kein Comic mehr gemacht haben. Und ohne dass ich’s gemerkt habe, sind in den zehn Jahren meine Ansprüche so gestiegen. Ganz furchtbar. Ich habe von früher her die Erinnerung, dass wir harmonischer waren.
ZISKA?Wir haben schon mehr diskutiert als früher. Uns auch mal angeschrien. Und uns dann wieder versöhnt.

Seyfried, Ihre Comics von Polizisten mit Knollennasen oder auch dem Linksalternativen Zwille hingen in den 70er-, 80er-Jahren so ziemlich in jeder WG von Westberlin bis Münster. Das Image vom Kreuzberger Spaßchronisten werden Sie wohl nicht mehr los?

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