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Interview mit dem jüdischen Comedian Oliver Polak – Teil 2

OliverPolaktip Sie sind als einziges jüdisches Kind in einer Kleinstadt im Emsland aufgewachsen. Was bedeutet für Sie normal?
Polak In Papenburg war ich nichts Besonderes, sondern lediglich etwas anderes. Auf der einen Seite bin ich in der norddeutschen Provinz aufgewachsen, auf der anderen Seite habe ich eben eine spezielle Familiengeschichte. Mein Vater hat nicht von Mallorca-Urlauben, Pfadfinderlagern oder Messdienerfreizeiten erzählt, sondern von seinen Erlebnissen im Konzentrationslager. Als Kind kann man das noch nicht so richtig einordnen, man hat nur das Bedürfnis, dazuzugehören. Ich wollte sowohl zur einen als auch zur anderen Seite gehören. Also rannte ich im Alf-Kostüm herum, das mir meine Tante aus New York geschickt hatte.

tip Im Alf-Kostüm?
Polak Alf war für mich total wichtig. In ihm habe ich sofort jemanden gesehen, der so ist wie ich. Ich habe viel mit Alf gemeinsam, privat und als Künstler. Ich drücke gerne sehr viele Knöpfe auf einmal und warte ab, was passiert.

tip Sind Sie in ihrer Kindheit und Jugend mit offenem Antisemitismus konfrontiert worden?
Polak Es gab immer mal wieder komische Situationen. Einmal bin ich durch den Supermarkt in Papenburg gegangen und wollte was einkaufen, als plötzlich eine Frau hysterisch zu schreien anfing: „Der Israeli verfolgt mich! Der Isreali verfolgt mich!“ Ich gehe um die Ecke, und wer steht da? Meine Mutter. Sie fragt: „Oliver, was ist hier los? Wer ist diese Frau?“ Die Frau hatte sich inzwischen im Büro des Supermarktleiters verbarrikadiert, und dann kam die Polizei …

tip Klingt eher nervig als bedrohlich.
Polak Mir war auf jeden Fall schon früh klar, dass ich aus Papenburg weg musste. Meine Mutter hat mich auch dazu gedrängt. Für sie war Papenburg immer wie ein Sarg, in den man sich reinlegt und der dann zuklappt. Ich habe auf einem englischen Internat Abitur gemacht und bin dann nach Köln. Dort hatte ich zum ersten Mal so ein Grundgefühl von Normalität, da war ich auf einmal einfach nur ich selber. Nach sechs Jahren reicht es mir allerdings. Früher gab es in Köln den typischen Klüngel und als Gegengewicht eine enorme Subkultur, es gab VIVA, es gab die Popkomm, es gab die Bread & Butter, und es gab die „Spex“. Irgendwann sind alle abgewandert. Nur der alte Klüngel blieb. Deshalb habe ich mich irgendwann entschieden, auch nach Berlin zu gehen.

tip Fühlen Sie sich in Berlin zu Hause?
Polak Ich lebe nun seit knapp sechs Jahren in Berlin, und ich fühl mich hier sehr wohl, weil man hier sein Viertel und seine festen Anlaufstellen hat und dabei gleichzeitig eine komplette Anonymität genießen kann. Gut, das mit der Anonymität hat sich bei mir inzwischen natürlich ein bisschen geändert, aber solange ich keinen gelben Stern tragen muss, soll es mir recht sein.

tip Ist Ihr Leben durch den Umzug nach Berlin jüdischer geworden?
Polak Na ja, ich gehe öfter mal in die Synagoge – wenn sie mich reinlassen. Durch das Buch sind auch viele jüdische Jugendliche auf mich aufmerksam geworden, und ich bekomme Einladungen, die ich auch gerne annehme, solange ich meine Jogginghose anlassen kann.

tip Ihre Routine als Stand-up-Komiker haben Sie in der Scheinbar in Schöneberg eingeübt …
Polak Ja, die Scheinbar hat für mich eine große Bedeutung. Dort habe ich meine ersten Schritte gemacht. Kurt Krömer und Mario Barth haben auch da angefangen. Den Laden gibt es seit 25 Jahren. Die Mitarbeiter sind sehr nett, und das Publikum ist sehr anspruchsvoll. An vier Tagen in der Woche kann man da auf einer offenen Bühne auftreten, um was zu lesen, zu singen oder vorzutragen. Die Scheinbar ist für mich wie ein Känguru-Beutel. Ich gehe immer wieder hin, um neue Sachen auszuprobieren.

tip Inzwischen treten Sie häufig im Quatsch Comedy Club auf. Nun muss man nicht immer auf Mario Barth herumhacken, aber der Humor, der dort präsentiert wird, ist oft alles andere als subversiv.
Polak Ja und nein. Da treten ja auch Leute wie Serdar Somuncu auf, die ihr Publikum wirklich herausfordern. Die künstlerische Leitung des QCC – Renate Berger macht das nun seit 18 Jahren – legt großen Wert darauf, Leute wie Serdar und mich dabeizuhaben. Das müssen die ja nicht machen. Auch für Thomas Herrmanns ist es offensichtlich wichtig, dass in seinem Laden speziellere Sachen stattfinden. Natürlich gibt es Abende, an denen es nicht so läuft, wie ich mir das gedacht habe – wenn zum Beispiel jemand reinruft: „Das will hier keiner hören, geh doch dahin zurück, wo du hergekommen bist.“ Aber so was mache ich dann zum Bestandteil der Show, indem ich antworte: „Wohin, nach Papenburg? Den ganzen weiten Weg?“

tip Im QCC-Universum hat jede Randgruppe ihre eigene Witzfigur. Es gibt den lustigen Türken und den lustigen Sachsen – und es gibt Dave Davis als Motombo Umbokko, den Toilettenmann aus dem fiktiven afrikanischen Staat NFuddu. Fühlen Sie sich in dieser Gesellschaft gut aufgehoben?
Polak Ich würde mich nicht als den lustigen Juden aus dem Quatsch Comedy Club beschreiben. Aber wenn jemand das tun möchte, dann soll er es halt machen. Ich sehe mich eher in der Tradition von Charlie Chaplin, Mel Brooks und Roberto Benigni. Viele Dinge im Leben sind eben so traurig, dass man sie nur mit Humor ertragen kann.

tip Sie scheinen aber nicht das Bedürfnis zu haben, jemanden vor den Kopf zu stoßen. Ihre Witze spielen mit den Unsicherheiten der Zuschauer, tun aber nicht wirklich weh. Machen Sie es Ihrem Publikum zu leicht?
Polak Wenn ich auf die Bühne gehe, möchte ich einfach nur, dass die Leute sich amüsieren und eine gute Zeit haben, und dabei möchte ich mich nicht darauf festlegen, ob ich nun ein Komiker, ein Sänger oder nur ein kleiner, di­cker Jude bin. Die Leute sollen aus der Show rausgehen und etwas für sich mitnehmen, sie sollen sagen: „Mensch, das war gut.“ Noch besser wäre es nur, wenn sie die Show weiterempfehlen würden, damit niemand hinterher sagen kann, er hätte von nichts gewusst.

tip Wo hört für Sie der Spaß auf?
Polak Ich wäre niemals so respektlos, Witze über Holocaust-Opfer zu machen. Aber wenn zum Beispiel das Schild an der Pforte von
Auschwitz gestohlen wird, dann weckt das bei mir Assoziationen, die ich nicht unter­drücken möchte. Deshalb sage ich den Leuten immer gleich am Anfang, dass sie nur über das lachen müssen, was sie auch wirklich lustig finden.

tip In Ihrem Buch machen Sie sich auch über den Zentralrat der Juden und seine Betroffenheitsrhetorik lustig. Vermissen Sie in Deutschland Vertreter eines Judentums, das nicht mit so einem Ernst und so einer Schwere daherkommt?
Polak Kaum hat jemand etwas Missverständliches über Juden gesagt, ist der Zentralrat da und fordert seinen Rücktritt. Das nervt doch nur. Aber ich sehe mich eigentlich nicht als Sprecher für jüdische Angelegenheiten. Ganz cool fand ich das Limmud-Festival, bei dem ich letztes Jahr gelesen habe. Da kann jeder einen Workshop machen, Hauptsache, es ist irgendwas Jüdisches mit drin. Diesen Austausch fand ich ganz gut, weil ich den so nie hatte. Ansonsten bin ich aber nicht derjenige, der sagt, wir Juden müssen uns jetzt zusammentun und eine gemeinsame Basis schaffen – ich bin ich, ich bin mein eigenes Land. Ich trete überall auf, wenn die Gage stimmt.

tip Ihre ersten Auftritte haben Sie ohne Gage absolviert – als Schlagzeuger einer IndieRock-Band. Das muss Mitte der 90er gewesen sein.
Polak Ja, die Band hieß Sternzeit. Wir sind damals mit Gruppen wie The Notwist und Motorpsycho aufgetreten. Einmal haben wir sogar im Vorprogramm von Tocotronic gespielt, im Vera in Groningen. Das Plakat hängt jetzt noch in meinem Zimmer. Es sind Bahngleise drauf, aber die wussten damals noch nicht, dass ich ein Jude bin. In meiner jugendlichen Verwirrung waren Tocotronic und Blumfeld zwei sehr wichtige Bands. Wenn du ein Lied wie „Freiburg“ nimmst – da konnte ich einfach „Freiburg“ durch „Papenburg“ ersetzen. Das hat mir wirklich aus der Seele gesprochen. Mit Tocotronic würde ich gerne „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ noch einmal neu einspielen. Aus der Jugendbewegung würde ich dann allerdings eine Judenbewegung machen.

tip Hätten Sie lieber eine Karriere als Rockmusiker gemacht?
Polak Ach, ich weiß nicht. Als Komiker geht man ans Mikro, macht eine Minute Soundcheck, und fertig. Als Schlagzeuger muss du dein Schlagzeug transportieren, aufbauen, abbauen – anstrengend. Und die anderen müssen auch noch mitziehen. Daran sind ja schon viele Bands gescheitert. Im Nachhinein bin ich froh, dass da nicht mehr draus geworden ist, obwohl ich das sehr ernst genommen habe. Bei dem, was ich jetzt mache, habe ich alles selber in der Hand. Das habe ich nie bereut.

tip Und trotzdem heißt eine der Nummern in Ihrer neuen Revue „Ich will kein Komiker sein“.
Polak Na ja, ich will zumindest nicht die ganze Zeit mit Torten werfen. Es gibt Komiker, die werfen eine Torte nach der anderen. Da geht man dann nach Hause und hat noch so einen leichten Zuckergeschmack im Mund, aber man weiß nicht mehr genau, was das für jetzt eine Torte war. Für mich hat Unterhaltung etwas mit Haltung zu tun. Rudi Carrell zum Beispiel hat das sehr gut gemacht. Wenn ich mir seine letzte Sendung auf YouTube anschaue, berührt mich das heute noch. Das letzte Lied widmet er seiner Mutter, die zwei Jahre zuvor gestorben ist und die sein größter Fan war. Und dann nimmt er das Mikro und geht ab. Das ist die große Kunst.

Interview: Heiko Zwirner

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Fotos: Harry Schnitger

Jud süß-sauer
Quatsch Comedy Club
Mo 15.2., Mi 17.2., 20 Uhr

Zur Person:
Oliver Polak wurde 1976 in der nieder­sächsischen Kleinstadt Papenburg geboren.
Nach dem Abitur auf einem jüdischen Internat in England bewarb er sich beim Musiksender Viva und trat neben Enie van de Meiklokjes als Ko-Moderator auf. Nach Stationen bei RTL („Disney Club“) und SAT.1 („Zack!“) zog er nach Berlin und nahm Schauspielunterricht. Seit 2006 macht er Stand-up-Comedy. Seine Memoiren „Ich darf das, ich bin Jude“
erschienen 2008.

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