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Interview mit dem Netzaktivisten Markus Beckedahl – Teil 2

Markus_Beckedahltip: Allen Gruppen die Mitgestaltung der digital vernetzten Zukunft zu ermöglichen, hat sich auch das neue Alexander-von-Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft vorgenommen – finanziert von Google mit 4,5 Millionen Euro. Was halten Sie davon?
Beckedahl: Es ist ein Armutszeugnis für die deutsche Forschungslandschaft, für die Politik, dass ein kritisierungswürdiger US-Konzern das Gründungsgeld für ein gesellschaftlich notwendiges Institut gibt. Aber ich habe da auch Vertrauen in einen Teil der Gründungsdirektoren, dass sie es hinbekommen, endlich auch in Deutschland interdisziplinär über Netzpolitik, über die Rahmenbedingungen nachzudenken – und im Optimalfall Lösungen zu präsentieren.

tip: Eine Frage des Symposiums lautet: „Ist der Kapitalismus ein Naturgesetz, das jede In­frastruktur und damit auch das Internet unweigerlich seinen Strukturen anpasst?“ 
Beckedahl: Ich halte den Kapitalismus nicht für ein Naturgesetz (lacht). Natürlich sollte man immer schauen, was gut für die Menschen und was gut für eine Demokratie ist.

tip: Stehen die sozialen Netzwerke für Meinungsfreiheit? Oder puren Kapitalismus?
Beckedahl: In der Regel werden die großen sozialen Netzwerke von kapitalistischen Unternehmen geführt. Aber wir sollten als Gesellschaft aufpassen, uns nicht zu sehr von Monopolstrukturen abhängig zu machen. Weil: Dort entstehen privatisierte Öffentlichkeiten, wo dann irgendwann nicht mehr nur unsere Bürgerrechte gelten, sondern die Allgemeinen Geschäftsbedingungen eines Unternehmens in einem fremden Land. Dahin gehend plädiere ich dafür, dass wir uns mittelfristig auch unabhängiger machen und freie offene Infrastrukturen unterstützen, damit wir vielleicht irgendwann nicht mehr ein zentrales Facebook haben, sondern jeder sein dezentrales offenes Facebook auf seinem eigenen Server betreiben kann, um seine eigenen Daten unter Kontrolle zu halten.

tip: Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) versucht gerade, mit Google und Facebook einen Datenschutzkodex auszuhandeln. Was versprechen Sie sich davon?
Beckedahl: Überhaupt nichts. Entweder ist das total naiv oder es ist politisch ein Eingeständnis, dass man nicht in der Lage ist, Gesetze zu schaffen. Die EU hat eine freiwillige Selbstverpflichtung mit Google, Facebook und Co zum selben Thema abgeschlossen. Sie ist nicht sehr zufrieden damit. Eine Selbstverpflichtung bedeutet, dass Unternehmen nett lächeln und zu nichts verpflichtet werden. Damit ist die Durchsetzbarkeit gleich null.

tip: Der Blogger Johnny Haeusler von Spreeblick.com hat neulich mal aufgelistet, wohin beim Aufruf seine Seite so alles http-Anfragen hingeschickt werden: an insgesamt 25 Domains, von googlecode.com über soundcloud.com bis images-amazon.com. Kriegt der normale Nutzer überhaupt mit, was mit seinen Daten passiert?
Beckedahl: Natürlich nicht. Es  gibt aber Werkzeuge für den Browser, um das Weitersenden zu untersagen. Wobei man dafür etwas Medienkompetenz braucht. Aber was da genau mit den Einsen und Nullen passiert, das weiß der Großteil der Nutzer nicht. Wir müssen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe versuchen zu verstehen, was da passiert.  

tip: Wir geben die Daten doch oft freiwillig ab: in den Netzwerken, bei Payback-Karten …
Beckedahl: Viele haben einfach aufgegeben. Wir haben ja die Kontrolle darüber verloren, welche Daten über uns gespeichert sind. Aber wir haben das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Wir haben auch ein Recht im Datenschutzgesetz, dass wir widerrufen können, dass unsere Daten weiterverarbeitet werden. Aber wenn wir gar nicht wissen, wo unsere Daten sind, wer uns alles Werbung schickt und warum, ist das ein Problem, das wir lösen müssen. Akzeptieren wir, dass es halt so ist? Oder glauben wir daran, dass wir die Privatsphäre auch schützen können?

tip: Der amerikanische Medienprofessor Jeff Jarvis spricht von der „Post-Privacy“.   
Beckedahl: Ach, Jeff Jarvis erzählt auch, dass alle Deutschen in die Sauna rennen und wir deswegen ein schizophrenes Verhältnis zum Datenschutz hätten (lacht). Insofern bin ich nicht ganz von seinen Thesen überzeugt. Jarvis ist ein sehr gut vernetzter Professor, der Hodenkrebs bekam und darüber gebloggt hat. Er meint, das habe ihm nur Vorteile gebracht. Ich weiß aber nicht, ob die einsame Hartz-IV-Empfängerin die Vorteile auch hat, die im Internet bloggt, dass sie an Brustkrebs leidet, während sie immer noch auf Jobsuche ist.

tip: Was durch das neue Facebook-Projekt „Timeline“ nicht besser wird, wo man quasi seinen ganzen Lebenslauf hochlädt.  
Beckedahl: Es geht ja noch weiter. Die nächste Generation von Handys wird die Gesichtserkennung dabei haben. Ich habe selbst ein etwas schizophrenes Verhältnis dazu. Auf der einen Seite ist es ganz cool. Man ist auf einer Privatparty und kann dann rasch mal mit dem Handy herumscannen, wer all diese Leute sind. Man erspart sich mühsamen Smalltalk mit irgendwelchen Deppen. Andererseits möchte ich aber auch in einen Club gehen, ohne dass die ganze Welt von irgendwem erfährt, wie betrunken ich da gerade bin.  

tip: Gesichtserkennung auf Partys, am besten mit Kenntlichmachung des aktuellen Beziehungsstatus. Das klingt nach einer schönen Geschäftsidee für das nächste Berliner Start-up. Davon gibt’s ja gerade sehr viele.
Beckedahl: Ehrlich gesagt: Es sind nicht mehr als in den letzten fünf Jahren. Was vielleicht der Unterschied ist: dass diejenigen, die gute Ideen haben, derzeit leichter an Geld kommen. Und dass es international mehr Aufmerksamkeit gibt. Berlin war schon in den letzten Jahren der attraktivste Standort in Deutschland. Jetzt wird es eben auch der attraktivste Standort in Europa.

Interview: Erik Heier

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