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Interview mit einem Körperspender aus Berlin

Niko_Mersmann_Koerperspendertip Herr Mersmann, warum sind Sie Körperspender geworden?
Niko Mersmann Das hat hauptsächlich mit meiner Mutter zu tun. Sie starb, als ich eineinhalb Jahre alt war. Ein Urlaubsunfall, als meine Eltern in den österreichischen Bergen wanderten. Ich lasse mich ihr zu Ehren plastinieren.

tip Wie meinen Sie das?
Mersmann Der Verlust dieses geliebten Menschen hat mich sehr früh geprägt. Ich denke täglich an meine Mutter. Sie hat meinen Vater und mich sehr früh verlassen müssen. Ich will nun der Nachwelt erhalten bleiben, mich soll es auch nach meinem Tod weiter geben. Ich will nicht in einem Grab verrotten oder im Krematorium verbrennen. Es ist schwer zu erklären, aber ich versuche durch meine Körperspende auch, den Verlust meiner Mutter halbwegs wieder wettzumachen.

tip Was machen Sie beruflich?
Mersmann Ich arbeite im sozialen Bereich, helfe Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Milieus. Ehrenamtlich bin ich weiterhin beim Drogennotdienst tätig. Ich bin zurzeit Praktikant, möchte später als Sozialpädagoge tätig sein. Studiert hatte ich bereits – Klassische Archäologie.

tip Was sagen Ihre Berufskollegen zu Ihrem Wunsch, nach dem Tod plastiniert zu werden?
Mersmann Meine Kollegen haben indirekt davon erfahren, als sie mich fragten, was ich von den „Körperwelten“ halte. Schließlich ist das mittlerweile wieder Stadtgespräch. In der Bewertung der Plastination spielen Emotionen eine entscheidende Rolle. Oft höre ich: „Der Gunther von Hagens ist verrückt!“ oder „Er schnippelt an Chinesen rum, die sich nicht freiwillig bereit erklärt hatten, sondern exekutiert wurden!“ Ich versuche dann, bei den Fakten zu bleiben. Niemand hat nachweisen können, dass von Hagens Leichen verwendet hat, die nicht von Freiwilligen stammen. Es gibt etliche Nachahmer, die Plastinationen vornehmen, auch in China, und für die spielt Ethik vielleicht eine untergeordnete Rolle. Die plastinieren möglicherweise alles, was ihnen unters Messer kommt. Weil von Hagens damit nicht in Verbindung gebracht werden will, hat er sich ja auch aus China zurückgezogen und sein Plas­tinarium in Guben eröffnet.

tip Seit wann sind Sie Körperspender?
Mersmann Seit mehr als zehn Jahren. Zu meiner Abiturzeit hatte ich meine erste „Körperwelten“-Ausstellung gesehen, damals im Ruhrgebiet. Ich war begeistert. Und beschloss, Teil davon zu werden.

Niko_Mersmann_Koerperspendertip Ohne Bedenken?
Mersmann Mit meinem Glauben, ich bin katholisch getauft, kann ich die Plastination vereinbaren. Natürlich habe ich auch meine fami­liären Hintergründe bedacht. Ich habe mit meinem Vater darüber gesprochen. Er ist Mediziner und hat auch eine wissenschaftliche Einstellung zum Körper. Nicht zuletzt hat die Familie, also die späteren Angehörigen, auch ein Mitspracherecht. Die schriftliche Einwilligung zur Plastination muss von Eltern, Geschwistern oder dem erwachsenen Nachwuchs eingeholt werden. Sie sind es schließlich auch, die die Belange der Verstorbenen mitregeln. Es gibt Ehepartner, die ihren Liebsten nicht in einer Ausstellung sehen wollen. Das bedeutet dann aber, dass sie dessen letzten Willen nicht akzeptieren.

tip Was sagt Ihre Freundin dazu?
Mersmann Ich wollte das natürlich gleich klären. Silke ist mit meiner Entscheidung einverstanden. Sie selbst will sich nicht plastinieren lassen. Eine andere Geschichte: Meine Großmutter starb an Demenz. Ich hätte es schön gefunden, wäre sie plastiniert worden. Nur hat sie das Verfahren immer abgelehnt. Ein Gehirn mit Demenz-Spuren wurde meines Wissens noch nie gezeigt. Für die Zukunft, hörte ich, sei aber geplant, auch Plastinate mit diesem Krankheitsbild auszustellen.

tip Körperspender erhalten nach ihrem Tod noch nicht einmal einen Grabstein.
Mersmann Man wird Teil des kollektiven Gedenksteins in der Ausstellung. In den „Körperspender-News“ gibt es eine Todesanzeige. Viele ältere Menschen, denke ich, wollen sich plastinieren lassen, weil so auch die Grabpflege entfällt, die manch einer seinen Angehörigen vielleicht nicht zumuten will.

tip Vielleicht werden Sie ja gar nicht ausgestellt, sondern nehmen als Plastinat eine tolle Pose ein, starren aber die Wand in einer Abstellkammer an.
Mersmann Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Ausstellung expandiert, nach London, San Diego, Sevilla und Haifa.

Koerperwelten_Gesichtsbuestetip Soll Ihr Plastinat erkannt werden?
Mersmann Auch das lässt sich vorher regeln. Ob man mich erkennt, ist mir egal. Allerdings möchte ich ein Ganzkörperplastinat sein, nicht in Scheiben geschnitten werden. Es gibt in Guben ein Plastinat, das erkennbare Gesichtszüge trägt. Der ältere Herr mit geschlossenen Augen, dessen Kopf als Büste aufgestellt wurde und durch den ein Schnitt geht, der auf der einen Seite das erhaltene Gesicht, auf der anderen Seite das Innere zeigt.

tip Da kann einem ja übel werden.
Mersmann Ich finde die Büste sehr ästhetisch. Normalweise sind die Plastinate ja anonymisiert, da ihnen die Haut abgezogen wurde.

tip Sie tragen einen Ausweis. Darin steht, dass im Falle Ihres Todes sofort das Institut für Plastination kontaktiert werden solle. Damit Sie mit einem „Bodymobil“ abgeholt werden, bevor Ihre Leiche unbrauchbar wird. Was wäre, wenn Sie umkämen, wo keine Plastinatoren zu Stelle sind?
Mersmann Eine heikle Situation. Wenn einen der Tod im Ausland überrascht, wird’s teuer. Allein die Überführung des Leichnams. Plötzlicher Tod auf dem Times Square in New York … nun ja, so oder so, eine Auslandsversicherung wäre gut.

tip Die aktuelle Ausstellung zeigt auch ein kopulierendes Plastinat.
Mersmann Es gibt viel Kritik an dieser Installation. Was viele vergessen: Die Frau im „Schwebenden Akt“ hat eine Vorgeschichte. Sie verlor ihre große Liebe sehr früh, hat bis zu ihrem Lebensende alleine gelebt. Der erotische, sexuelle Akt ist eine Hommage an ihre große Liebe. Das finde ich romantisch. Der Mann in der Installation dient da als Vehikel, er hatte meines Wissens keine Vorbedingungen in der Darstellung festgelegt.

tip Trotzdem hat dieser Akt etwas Sensationslüsternes.
Mersmann Der Akt ist der Höhepunkt der Ausstellung. Es gab ja bereits den Hochspringer und vieles mehr. Dass manche Besucher nicht an der Anatomie, sondern an Sensationen interessiert sind, will ich gar nicht abstreiten. Ich habe mir die Besucher im Postbahnhof angeschaut. Das Publikum liefert einen Spiegel der Gesellschaft.

tip Ist Plastination nicht grundsätzlich pietätlos?
Mersmann Religionsanhänger sagen das gleichermaßen wie Atheis­ten. Ein Grab müsse sein und so weiter. „Leichenschau“ et cetera. Dabei ist ein Plastinat keine Leiche. Es besteht aus einem Kunststoffgemisch. „Leiche“ impliziert, dass die menschliche Hülle verwest.

tip Aber es muss doch belastend sein: jetzt schon so planvoll über den Tod nachzudenken.
Mersmann Nein. Ich denke jeden Tag an den Tod.

Niko_Mersmann_hinter_Plastinattip Hängt das damit zusammen, dass Sie Anhänger der Gothic-Bewegung sind?
Mersmann Dass ich so „schwarz“ geworden bin, hängt zum großen Teil mit dem Tod meiner Mutter zusammen. Gothic-Musik, wie von Sopor Aeternus oder Deine Lakaien, die sich textlich mit Philosophien über den Tod auseinandersetzen, unterstützen quasi mein Interesse an den „Körperwelten“.

tip Deren Texte drehen sich um die Sehnsucht nach dem Tod und nach dem ewigen Nichts. Aber als Körperspender geht es um das Gegenteil: unsterblich zu sein, und sei es nur als Körperhülle.
Mersmann Das eine schließt das andere nicht aus. Im Gegenteil: Für mich bietet die Musik mit meiner Auffassung vom Körperspenden eine Symbiose. Es geht um mögliche Formen eines Lebens nach dem Tod.

tip Dennoch ist es narzisstisch, sich als Kunstwerk ausstellen zu lassen.
Mersmann Ich nenne es postmortalen Exhibitionismus. Mit Narzissmus hat Plastination nur bedingt etwas zu tun. Oder finden Sie die Plastinate allesamt schön? Es geht doch auch darum, anhand der Exponate zu sehen: Wie ist der Körper aufgebaut, wo sitzt welcher Knochen?

tip Haben Sie Kontakt zu anderen Körperspendern?
Mersmann Ja, zu einer Frau im Alter meines Vaters. Soweit ich weiß, bin ich in Berlin und Umgebung der Jüngste. Manchmal gehen wir zusammen in die Ausstellungen, natürlich auch in „Körperwelten“. Wir scherzen dann. Irgendwann werden wir uns gegenüberstehen und uns mit toten Augen ansehen.

Interview: Sassan Niasseri
Fotos: Jens Berger/tip

Ausstellung Körperwelten & Der Zyklus des Lebens,
bis 30.8., Mo-Mi 9-19.30 Uhr,
Do-So 9-22 Uhr, Karten: 9 (Kinder und Jugendliche in Gruppen) bis 45 Euro (Familienticket),
Adresse und Termine Postbahnhof am Ostbahnhof

 

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