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Interview mit Friedrich Schorlemmer über seine Autobiografie

Schorlemmer_FriedrichSie referieren an mehreren Stellen im Buch auf das Borchert-Hörspiel „Draußen vor der Tür“. Darin befindet sich die Passage: „Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, sann gibt es nur eins: Sag NEIN!“ Sie betonen die Notwendigkeit, sich einem Regime zu widersetzen, was Sie selbst u.a. mit ihren Protesten gegen sowjetische Panzer in Prag 1968 und später gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen praktizierten. Zu welchen Themen ist denn heutzutage ein klares NEIN erforderlich?
Ich will weder direkt noch indirekt davon profitieren, dass Deutschland der drittgrößte Waffenexporteur der Welt ist. Wieso liefern wir modernste Kampfpanzer nach Saudi-Arabien und mit Atomraketen bestückbare U-Boote nach Israel? In der DDR-Zeit haben wir überdies protestiert gegen Kriegsspiele, Spielzeug – oder Kleinpanzer, auch gegen manche Verherrlichung des gerechten Krieges für die gute sozialistische Sache. Das ist alles harmlos gegenüber dem, was heute im Handel angeboten wird und was junge Leute an Killerspielen konsumieren. Da vermisse ich auch ein lautes NEIN aus meiner Kirche. Der Versuch der US-geführten Truppen, in Afghanistan des Terrorismus Herr zu werden, dauert nun 11 Jahre und ist dabei, so tragisch wie teuer  zu scheitern. Und wir sind mit dabei – als sog. Mutbürger in Uniform (so J. Gauck 2012).  Jeder „Kollateralschaden“ (welch ein Wort!) produziert neue Terroristen. Die militärischen Anstrengungen sind weit, weit größer als zivile Hilfestellungen. Ich sage ein klares NEIN zur Militarisierung der Außenpolitik, ein klares JA zu jeglicher Konfliktprävention, zu kluger Deeskalation, Bekämpfung der Ursachen des Krieges, statt nur bei Beseitigung der Folgen des Krieges zu helfen.  Krieg muss wirklich ultima ratio im Rahmen des Völkerrechts bleiben.  

Die Kunst, so sagen Sie, machte es aus Ihnen einen Pazifisten. Das beschreibt ja die die Schnittstelle Ästhetik/Ethik. Schiller ging davon aus, dass die Kunst den Menschen zuerst zum ästhetischen Staat und schließlich zur Freiheit befähige. Kann die Kunst auch umgekehrt wirken? Einen negativen Einfluss ausüben?
Die bildende Kunst, das Theater und die Literatur haben in der DDR eine enorme emanzipatorische Kraft ausgeübt. Aber die Kunst sollte gemäß des immer wiederkehrenden Aufsatzthemas „Kunst ist eine Waffe“ (Friedrich Wolf) in den Dienst der SED gestellt werden. Trotzdem ist in der DDR von Beginn an auch große Kunst entstanden – neben billiger Propaganda oder peinlichem positiven Pathos auf dem „Bitterfelder Weg.“
Ich nenne beispielhaft den Thälmann-Mythos, den Kurt Mätzigs Film massenwirksam befütterte und zugleich seinen 1965 (bis 1989) verbotenen Film „Das Kaninchen bin ich“, in dem er sich von seiner ideologischen Brille befreit hatte. Der junge Günter Kunert wie der junge Reiner Kunze konnten auch Propagandatexte schreiben und mauserten sich zu großen Sprachkünstlern der Freiheit. Wie zwiespältig Kunst wirken und sich finster vereinnahmen lassen  kann, lässt sich am Werk und Lebensweg von Leni Riefenstahl, Heinz Rühmann und Gustav Gründgens verdeutlichen.

Einerseits gilt die ehemalige DDR als Fläche mit der höchsten Dichte an Atheisten. Andererseits sagt dies wenig hinsichtlich klassisch protestantischer Werte aus.
Protestantische Werte wurden lange Zeit mit preußischen Werten verquickt. Und da sind, von Luther herkommend, durchaus  wichtige Werte zu nennen, wie Berufsethos: im Beruf wirkt ein „Priestertum aller Gläubigen“, wo jeder eine ihm gemäße Aufgabe in der Gemeinschaft verantwortungsvoll wahrnimmt. Gewissensbindung des Einzelnen gegen Gehorsamsforderungen, Zivil-Courage gegen Tapferkeitspathos im Krieg. Würdigung und Stärkung des Einzelnen gegenüber den Ansprüchen der Gemeinschaft, des Kollektivs oder der Nation. Das getroste Wissen um Gnade befähigt zu ehrlicher  Selbstkritik.. Und Glaube, Hoffnung und Liebe sind mehr als Werte – das  sind lebensstiftende Wirklichkeiten, wo sie den Menschen im Innersten ergreifen  und das Äußere zu verändern vermögen.

Oskar Lafontaine geißelte vor mehr als 20 Jahren die sogenannten „Sekundärtugenden“. Sie denken in ihrem Buch auch über diese Werte nach. Was muss ein (Bildungs-)System leisten, dass beispielsweise Disziplin nicht in blindem Gehorsam mündet?
Mir wurde als 18Jährigem auf eine bleibende, tiefgehende Weise klar, daß ich niemals unbedingten Gehorsam  schwören könnte –  zumal nach allem, was wir mit unserem Volk  erlebt haben. Und zugleich weiß ich, daß zu gedeihlichem Zusammenleben in Gemeinschaften durchaus Sekundärtugenden wie Verlässlichkeit, Pflichtgefühl und Ordnung gehören. Aber solche sogenannten Sekundärtugenden müssen überwölbt und durchbrechbar werden in ganz eigener Urteils- und Entscheidungsfähigkeit. Das Risiko selbst übernommener Verantwortung ist einzugehen, sowie Menschen einem starren  Prinzip folgen oder gar  geopfert werden. Humanes Ethos erwächst aus der konkret realisierten Liebe zum Nächsten und Fürsorge für den Bedürftigen. Es gibt Nächstenliebe in Strukturen, wie es eine Unmenschlichkeit durch Strukturen gibt.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der starker Druck auf Arbeitslose, aber auch Arme und Menschen mit „geringer Produktivkraft“ ausgeübt wird. Nehmen Sie ein Phänomen wie „Werteverfall“ wahr, speziell bei Menschen mit Vorbildwirkung?
Die Gewinner in einer Gesellschaft sind mitverantwortlich für die Verlierer und haben mit dafür zu sorgen, daß Letztere nicht auf der Verliererseite bleiben oder gar ganz zu Verlorenen werden. Artikel 14 Abs. 1 und 2 des Grundgesetzes bleiben gleichgewichtig, dass nämlich die Entfaltungsmöglichkeit des Einzelnen nicht nur befördert, sondern auch honoriert wird,  dass gleichzeitig die Vermögenden eine Verpflichtung dafür  haben,  dass der soziale Frieden erhalten bleibt.
Gewinn muss stimuliert werden und möglich bleiben. Aber Höher-Gewinn muss ins soziale Gefüge eingepasst bleiben. Die Art, wie der vorige Bundespräsident Christian Wulff – statt sich selber arbeitend etwa einer Anwaltskanzlei anzuschließen –  den ihm zustehenden horrenden Ehrensold nach so kurzer Amtszeit und in so jungen Jahren lebenslang in Anspruch nimmt, hat bei vielen, die ganz unten auf der sozialen  Stufenleiter stehen oder sich als gnadenlos Ausgespuckte empfinden, nicht nur Empörung hervorgerufen. Das bringt auch den Wertekonsens unserer Gesellschaft durcheinander. Manchmal ist das Legale wahrlich nicht das Legitime. Aber der „Raffer“ setzt einfach sein unschuldiges Raffen legal fort. Das hat tiefergehende Verachtungswirkungen für  unser Rechtssystem.

Sie erwähnen „Stalker“ als für Sie wichtigen Film. Tarkowskijs Meisterwerk wird als Allegorie auf eine nukleare Katastrophe verstanden. Erleben wir eine scheinheilige Debatte, wenn einerseits stets über Wachstum gesprochen wird, die Folgen des Wachstums aber global zu Hunger, Dürre und vermehrten Naturkatastrophen führen?

Der Film „Stalker“ hat mich in seiner apokalyptischen umweltzerstörerischen Problematik sehr aufgewühlt. Wenn es uns nicht gelingt,  uns von der weltweit sich ausbreitenden Wachstumsideologie zu lösen, wenn wir weiterhin alles effizient ver-werten, wen wir die Güter der Welt lediglich als Material verstehen, dann ist die vom Menschen gemachte Katastrophe für unseren Planeten absehbar. Dazu gehören die üblich gewordenen verharmlosenden Problemumschreibungen
wie demographischer oder Klimawandel. Die Egoismen der Einzelstaaten haben es nicht ermöglicht,  in Kopenhagen ein wirksames Klimaschutzprotokoll zu beschließen.  Die Armen bestehen mit Recht darauf, daß die Reichen mit ihrem Energieverschleiß  größere Bringschuld haben. Prophezeite Wetterextreme sind längst eingetreten, langfristige Folgen werden langsam spürbar,  bald nicht mehr revidierbar. Die vor 40 Jahren begonnene Debatte über Lebensqualität und Lebensquantität ist wieder aufzunehmen. Dazu muss unser Reichtumsbegriff sich verändern, damit nicht mehr der als reich betrachtet wird, der einfach nur viel hat und viel umsetzt. Albert Schweitzers Konzept von der „Erfurcht vor dem Leben“ ist ein Überlebenskonzept, geboren aus Begeisterung und Dankbarkeit für diese wunderbare Welt, für einen Lebenszusammenhang, in dem wir und von dem wir leben.

9. Stellt permanentes Wachstum überhaupt so einen entscheidenden Wert dar?
Seit genau vierzig Jahren wird von Wissenschaftlern die Frage gestellt, ob unser Globus das permanente Wachstum erträgt. Das ist inzwischen eine rhetorische Frage. Sie verträgt es nicht. Die Überfischung, die Überdüngung, die Übervölkerung und das absehbare Ende der auf fossilen Rohstoffen beruhenden Macht über die Welt ist unübersehbar. Zu mehr Bescheidenheit und weniger Verbrauch, z.B. Beispiel von Energie, aufzurufen, ist kein Miesmacherkonzept;  unser Leben könnte so reicher, vielfältiger, langsamer, intensiver werden.

Interview:
Ronald Klein
Foto: Sandy Rau

Friedrich Schorlemmer: „Klar sehen und doch hoffen“ Aufbau Verlag, 22,99 EUR

Lesung am 25.10., 19.30 Uhr im Museum Dahlem

 

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