Stadtleben

Interview mit Max Herre – Teil 2

Max_Herretip Heute leben Sie selbst in Prenzlauer Berg. Fürchten Sie manchmal die Klischeefalle?
Herre Klar, manchmal, wenn ich mit meinen beiden Kindern unterwegs bin, fühle ich mich schon so, als hätte ich da zwei modische Accessoires dabei. Schick, mit Kindern unterwegs zu sein! Aber im Ernst: Als ich herkam, habe ich Berlin auf ganz andere Art kennengelernt. Außerdem kommst du nie beson­ders weit, wenn du Leute über einen Kamm zu scheren versuchst. Ich fand es zum Beispiel schwierig, als es diese Schwaben-Debatte im Prenzlauer Berg gab. Letztlich zieht man ja weg von einer Gegend, um einer bestimmten Mentalität auch zu entkommen. Wenn man dann in einer anderen Stadt
steht und sich plötzlich immer rechtfertigen muss, wo man doch etwas abschütteln wollte und wo man ja auch weg­gegangen ist – so was finde ich schwierig. Unter den Leuten gibt es nun mal Unterschiede, wie überall. Was mir nur auffällt: Sobald viele Leute Kinder haben in diesen Stadtteilen, werden sie plötzlich ihren Eltern immer ähnlicher. Sie haben zwar noch die richtigen Turnschuhe. Aber sie wollen es dann plötzlich auch ruhig haben, ab acht … Das sind Sachen, die ich für mich so nicht kenne.

tip Auf Stuttgart jedenfalls lassen Sie per se wenig kommen. Eine der wenigen Liebes-Oden an die Stadt geht denn auch auf Ihr Konto,
„Erste Liebe“.
Herre Das habe ich damals geschrieben, als ich frisch herkam. Ich war ja mit einer Berlinerin verheiratet (Joy Denalane, Anm. d. Red.). Und die wollte irgendwann nicht mehr in Stuttgart sein. Aber ich hatte da mein komplettes Leben: meine Infrastruktur, Freunde, die Musik. Das war damals nicht unbedingt der Zeitpunkt, zu dem ich da dringend hätte wegmüssen. Das war eine Zeit, in der ich mein erstes Soloalbum aufgenommen hatte und daher noch oft in Stuttgart war. Ich war also noch nicht ganz angekommen in Berlin. Und ich war auch nicht diesem allgemeinen Berlin-Sog erlegen, weil es „nur hier abgeht“ oder so.

tip Mittlerweile bezeichnen Sie Berlin als Ihre Heimat.
Herre Als mein Zuhause. Das ist schon ein Unterschied. Zuhause ist da, wo man ist und wo man sich wohlfühlt. Für Heimat – dafür entscheidet man sich nicht. Keine Ahnung, ich bin zum Beispiel einfach VfB-Fan, seit ich fünf bin. Und das wird sich auch nie ändern. Es gibt doch diesen amerikanischen Spruch: „You can take the man out of the ghetto, but you can’t take the ghetto out of the man.“ Bei mir ist das so ähnlich mit Stuttgart und dem VfB.

tip Einer Ihrer neuen Songs ist eine Kollaboration mit Clueso. Auch er hat sich vom Rap ins Songwriter-Fach bewegt. Bei ihm ist seither der Anteil weiblicher Zuhörer deutlich gestiegen. Eine logische Folge?
Herre Für mich ist es total angenehm, ein Publikum zu haben, in dem etwas mehr als die Hälfte Frauen sind. Das merkt man ja auch, wenn man in einen Club geht. Der weibliche Anteil an Energie ist einfach wichtig, um eine gute Party zu haben. Wenn zu viel Testo­steron in einem Raum ist, wird das kein schönes Fest. Aber die Jungs kommen ja trotzdem zu meinen Konzerten. Das müssen sie auch, denn sie wollen ja
trotzdem mit Frauen zusammensein. Ob das jetzt Frauenmusik ist, was ich mache? Weiß nicht. Ich habe eher beobachtet – als ich jetzt drei Abende hier in Berlin gespielt habe –, dass die Männer ganz froh sind, dass da mal jemand ist, der es für sie formuliert. Da müssen sie es nicht selbst machen.

Interview: Ulrike Rechel
Fotos: Harry Schnitger

Zur Person
Max Herre lebt seit rund acht Jahren in Berlin. Vorher war der Stuttgarter architektensohn Rapper des HipHop-Trios Freundeskreis; mit ihm gelangen Ende der 90er Hits wie „A-N-N-A“ oder „Mit Dir“ – ein Duett mit Joy Denalane, Herres späterer Ehefrau und Mutter seiner zwei Söhne. Seit 2007 leben die beiden getrennt. 2004 startete Max Herre seine Sololaufbahn; sein Debütalbum landete auf Platz 1 der Charts. Zudem produzierte er Denalanes zwei Solo­platten; mit ihr gründete er
das Label Nesola. Dort erscheint sein zweites Album, das von Folkpop und Songwriter-Stil geprägte „Ein geschenkter Tag“. Am 22. November gastiert Herre im Kino Babylon.

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