Stadtleben

Interview mit Max Herre

Max_Herretip In Ihrem neuen Video zeigen Sie sich als Mann mit Klampfe, als Folksänger im klassischen Sinne. Sind Sie für den Rap ein für alle Mal verloren?
Max Herre Ich habe Lust auf was anderes. Es ist, glaube ich, eine andere Musik als Rap, die transportiert, was ich erzählen will. Ich verstehe aber ehrlich gesagt nicht, wenn sich Leute wundern und sagen: „Du machst ja was ganz anderes.“ Es geht mir als Musiker und Erzähler immer darum: Was ist der Boden, auf dem ich meine Geschichten erzählen kann, was ist das Gefühl, das ich transportieren will? Und in welchem Klangbild funktioniert es am ehesten? So gesehen ist meine Herangehensweise gleich geblieben. Aber meine Geschichten haben sich verändert. Weil ich ein anderes Leben führe, weil ich älter geworden bin, weil ich Kinder habe, mit anderen Dingen konfrontiert bin. Ich bin weggekommen von diesem narrativen Weg, von: „Ich hab das und das erlebt“, hin zu: „Ich hab das gefühlt“.

tip „Ein geschenkter Tag“ ist nicht nur Ihr erstes klassisches Songwriter-Album, sondern auch das erste, das Sie in Berlin gemacht haben.
Herre Stimmt, das ist größtenteils zu Hause entstanden. Dabei wäre es im Grunde aber egal gewesen, wo ich gesessen hätte in den letzten zwei Jahren. Meine Gefühlswelt ist meine Gefühlswelt. Da war nicht viel Blick nach außen.

tip Das Album enthält viele ruhige Songs und im Vergleich zu früheren Texten von Ihnen weniger Worte. War diese Art zu schreiben Neuland?
Herre Ja. Dafür bin ich auch richtig in die Lehre gegangen. Ich habe Lyrik gelesen, Wolf Wondratschek etwa, von Mascha Kalйko oder Erich Fried – klar, wenn’s um Liebesgedichte geht. Ich habe viel gelesen und mir andere angehört, um diesen Grad auszutarieren: Wo ist was wahrhaf­tig, ohne in was Plattes, Kitschiges abzudriften. Nicht, dass das für mich komplett was Neues wäre. In „Anna“ ist schließlich auch Kurt Schwitters zitiert. Aber diesmal wollte ich schon dahinterkommen, wie das geht. Auch, keine Angst davor zu haben, wirklich einfach zu werden in der Sprache.

tip Inspirationen haben Sie auch bei deutschen Rockklassikern gefunden wie Udo Lindenberg und Rio Reiser.
Herre Udo hat ja Tradition bei mir. Auf der ersten Freundeskreis-Platte haben wir „Baby, wenn ich down bin“ gemacht, auf der zweiten hat Udo gesungen, auf „Nebelschwadenbilder“, das war auch ein Ding von ihm. Wir haben 1998 mal zwei Songs für ihn gemacht. Er ist ein ständiger Begleiter. Das war mein erstes Rockkonzert mit elf, die „Götterhämmerung“-Tour. „Utopia“ war meine erste Langspielplatte. Das lief damals eben bei uns. Diese Singer/Songwriter-Sachen, die folkigen Stücke, die Bal­laden – „Wir wollen doch einfach nur zusammen sein“, „Er wollte nach London“ oder „Cello“ – das sind die Sachen, die auch bei mir hängen bleiben.

tip Kritische Songs in der Art von „King vom Prenzlauer Berg“, mit dem Sie das Getue der Berlin-Hips­ter karikiert haben, sucht man unter Ihren neuen Liedern dagegen vergeblich.
Herre Damals habe ich im Grunde alle möglichen Stuttgarter, die ich in Berlin kannte, zusammengefügt. Mir ging es um diesen Typ, der seit zwei Monaten in der Stadt ist, sich erst mal auf die Castingallee setzt und sich dabei fühlt wie der König.

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