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Interview mit Moritz von Uslar – Teil 2

In dieser Kleinstadt gibt es offensichtlich einen elementaren Unterschied zwischen denen, die die Wende bewusst miterlebt haben, und denen, die danach geboren wurden. Wie haben Sie diesen Unterschied wahrgenommen?
Man merkt das. Es ist einfach ein Bruch in der Biografie, eine andere Zeitrechnung, die bei den über 30-Jährigen noch mitangelegt ist. Zumindest kannst du das finden, wenn du danach suchst. Eine Extra-Erfahrung, eine zusätzliche Dimension. Ich hab das als Reichtum empfunden, der von den Leuten kommt, die die Vorwendezeit bewusst mitbekommen haben. Es gibt da eine Figur in dem Buch, Eric, der vier oder fünf war zur Wende, mit dem konnte ich viel über die DDR reden, logisch, da gab es noch Erinnerungen. Den konnte ich fragen: „Nenn mal drei Dinge, die typisch waren für die DDR.“ Der sagt dann: „Ja, klar, kein Problem, sag ich dir sofort. Erstens: Immer Partys, immer die Bude voll, immer Salzstangen, immer Zigaretten aus Gläsern, immer Leute, die trinken, alles qualmt, bei seinen Eltern zu Hause.“ – „Wow, war das danach nicht mehr so?“ – „Nee, natürlich nicht, war nur bis dahin so. Zweitens: immer Schlangen, überall Schlangen vor den Geschäften. Drittens: Vorsicht vor den Russen, die kommen mit 80 Stun­den­kilometern die Straße runtergebrettert. Da weiß man als Fünfjähriger, dass man von der Straße besser wegspringt.“ Ja nun, das klingt ja, als ob ein 90-Jähriger erzählt. Das ist natürlich interessant, dieser Bruch, diese Urzeit, die die noch miterlebt haben.

Kann man den Kleinstadtbewohnern eigentlich nun zum 20. Jahres­tag der Wiedervereinigung gratulieren?
Ich finde schon, aber das ist meine sehr persönliche Meinung. Denen geht’s, glaube ich, gar nicht so schlecht. Aber ich akzeptiere absolut, wenn Leute, die aus den neuen Bundesländern kommen und andere Erfahrungen gemacht haben, sagen: Moment mal, da gibt’s Abstriche, das ist nicht nur erfreulich. Es gibt ein Kapitel, das heißt „Frühe Biere“, in dem der Wirt sagt, dass das alles nicht so einfach ist. Und dann erzählt er rührend: „Das war schön früher, als wir immer raufgefahren sind, und da haben wir schön an der Ostsee mit den Weibern gevögelt.“ Wo ich sage: Na ja, du hast vielleicht recht, da war die DDR doch schön, wenn es so schön war und so.

Und dann die Geschichte mit dem Bier, das mit dem Tauchsieder aufgewärmt wird…
Ist doch unglaublich. Zwischendurch hab ich echt gedacht, so weit war ich noch nie von zu Hause weg.

Wie Chatwin in Patagonien.
Also in dem Moment, in dem dir ein unheimlich sympathischer Typ tagsüber mit ‘nem Bierchen in der Hand erzählt: „Du, früher in der DDR war das Bier natürlich warm.“ Da bin ich in Patagonien, das sehe ich auch so, ja.

Ganz so weit weg wie Patagonien ist Brandenburg dann aber doch nicht, weil es ja immer auch den Bezug zur Großstadt gibt.
Das ist wichtig für die Existenzen dort: Berlin ist unentwegt da. Das ist der Ort, an dem man Kleidung kaufen kann, es ist auch der Ort, in dem Leute ausgehen, das ist auch der Ort, an dem die sich wiederum ihre Klischees bestätigen lassen, ganz wichtig. Die Frage war oft: Sag mal, nach Kreuzberg kannst du aber nachts nicht gehen, oder? Wo man sagt: Na ja, also in Kreuzberg kann man überall nachts hingehen. – Die sagen: Na gut, aber Neukölln ist eisenhart. – Auch Neukölln ist nicht eisenhart, nachts kann man dort hingehen. – Haben wir andere Sachen erlebt. – Ich sage: Hey, verstehe, interessant. Also, was ich sagen möchte: Die pflegen auch eine gewisse Fremdheit zu Berlin.

Das Thema Rechtsradikalismus behandeln Sie wie einen klebrigen Fleck auf der Jacke. Man weiß, er ist da, man muss sich damit irgend­wann mal beschäftigen. Wie sehen Sie das heute?
Ich sehe das so, dass ich da überhaupt nichts beschönigen wollte und will. Ich will aber auch keine Pauschalurteile treffen. Und ich will vor allen Dingen die Gegenwart behandeln. Und was ich als Reporter feststelle, ist – wirklich ganz klassisch –, dass der Rechtsradi­kalismus zumindest an diesem Ort etwas ist, was wenig Gegenwart und viel Vergangenheit hat. So wurde mir das geschildert, und so hab ich es in der überschaubaren Zeit, die ich da war, auch erlebt. Das Thema Rechtsradikalismus oder Fremdenfeindlichkeit zieht sich durchs ganze Buch. Es flammt immer wieder auf als Zitat. Und so habe ich es erlebt. Die Jungs aus der Band, die ich begleite, sagen zwei Dinge: „Diese Stadt war früher rechts, heute ist sie es nicht mehr.“ Dann kommt so ein bisschen Helden­text, also eine Glorifizierung vom Schlimmen, die will man ja auch nicht haben. Und im Weiteren erklären sie, was sie im Einzelnen für Biografien haben. Und es kommt raus, dass sie sehr jung waren, nämlich 13 bis 17 Jahre alt, und dass sie Mitläufer waren. Und dies wird dann weiterbefragt: „Was heißt denn das, was wart Ihr? Wart Ihr Mitglied in Parteien?“ Ist man, wenn man Mitläufer ist, nicht auch schon vollkommen rechts? Ich kann das Fazit nicht treffen, das muss der Leser treffen. Wer sind die Typen? Ich sage am Ende: Diese Typen sind keine Arschlöcher, diese Typen sind in Ordnung.

Mit welchem Verhältnis zu den Leuten geht man dann da raus? Als Freund? Als Urlaubsbekanntschaft?
Ich sage ab einem bestimmten Punkt, und das hat so stattgefunden: Ich spüre Freundschaftsgefühle, und dies ist der Moment, an dem der Reporter aufhören muss, zu beobachten und zu beschreiben. Das ist für mich sehr wichtig. In dem Zustand bin ich weiterhin.

Sie hatten offensichtlich eine gute Zeit.
Insgesamt hab ich die Zeit als einfach grandios erlebt, weil ich gelernt habe: Man kann Neues sehen. Es ist was Tolles, mit jemandem zusammenzustehen, vor dem man wegen seines Äußeren sonst eher Angst hätte oder zumindest großen Respekt, und zu sehen: Dieser Mensch ist geistig beweglich, der ist schnell, der ist hell, der hat eine Freude, sich mitzuteilen. Du hörst diesem Typen gerne zu. Du hast Freude an deren Art von Sprache. Du findest deren Humor nicht schlecht, manchmal sogar bedeutend.

Werden Sie den nächsten Sommer wieder in der Pension „Haus Heimat“ verbringen?
(lacht) Eher nicht. Aber ich sitze manchmal hier und denke: Jetzt würde ich gern da rumhängen und ein schönes Hackepeter-Brötchen essen. 

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Interview: Erik Heier und Heiko Zwirner
Foto: Harry Schnitger

Moritz von Uslar: „Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung“,
Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 19,50 Ђ


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