Stadtleben

Interview mit Moritz von Uslar

Moritz_UslarHerr von Uslar, Sie sind für drei Monate in eine Kleinstadt nach Brandenburg gegangen. Daraus ist Ihr neues Buch entstanden. Was um alles in der Welt hatten Sie da zu suchen?
MORITZ VON USLAR: Das war eigentlich das Angenehme – erst mal gar nichts. Es war eben die Idee, dass ich an einen Ort gehe, an den ich nie gekommen wäre, wenn ich mein Leben so normal weiter­geführt hätte, wie es vorgesehen ist. Das ist die Grundkonstellation dieses Buches: Fremder kommt in die Stadt. Mann, der dort nicht gebraucht wird und auch nichts zu tun hat. Ist trotzdem da.

Wie in einem Western.
Die Westernallegorie, die gibt es, und die finde ich gar nicht so unangenehm. Die ist ein bisschen peinlich, ist ja klar. Man muss ja drüber lächeln. Und gleichzeitig gefällt sie mir auch ganz gut.

Was war der Auslöser für die Aktion? Vielleicht ein gewisser Überdruss am Mitte-Lifestyle?
Das sieht jetzt so aus, das verstehe ich. Aber das ist eigentlich nicht der Punkt. Ich hab ja gar keinen Überdruss.

Die Eröffnungsszene deutet das aber an: Nach zehn Jahren in Berlin scheint sich der Erzähler nach einem anderen Leben zu sehnen.
In dieser Szene sitzt der Reporter in einer Situation, die sehr plakativ neues Mitte ist. Also eben wirklich ein teures Steak-Restaurant, in dem die Kellner Champagner bringen. Das ist vielleicht ein Mitte, das gar nicht meins ist, sondern ein Mitte der Klischees. Und das fahre ich am Anfang schon hoch, das stimmt, wie eine Szenerie, aus der man raus muss, weil sie eine Comedy-Szenerie ist, die sich selber erledigt hat.

Die Brandenburg-Klischees sind dagegen Hartz IV, Rechtsradikalismus und Ex-DDR. Ging es Ihnen darum, diese Klischees zu überprüfen?
Ich wollte diese Klischees einmal deutlich benennen, um sie im Kopf zu haben und mich dann davon tatsächlich zu befreien. Mir ging es um den ersten Blick, meinen ersten Blick. Oder, um es vielleicht ein bisschen pathetischer zu sagen, um das Sehen-Lernen. Das ist eine Methode, um mit den vorgestanzten Meinungen und Bildern irgendwie zurechtzukommen – dass man sie einmal noch für sich hochfährt und sie sich bewusst macht und sie auch ausspricht, um dann zu sagen: Auf Wiederschauen! Der nicht tendenziöse Reporter, der Reporter, der ohne Meinung an einen Ort seiner Reportage reist, der bin ich nicht. Den halte ich auch für Kitsch und für idiotisch.

Trotzdem wollten Sie im örtlichen Box-Klub mittrainieren.
Der Box-Klub ist auch ein Klischee des romantischen Reporters. Ein erfundener, dummer Männer-Kitsch. Ich nehme das aber mit, um zu gucken, wo man damit hinkommt. Am Ende erfahre ich im Box-Klub am wenigsten. Da, wo ich mich dieser inszenierten, plakativen Männlichkeit aussetze – boxen, schwitzen, andere Jungs treffen, die sich miteinander messen, das körperliche Duell, dieser ganze Kram – da passiert ehrlich gesagt nicht viel.

In der Kleinstadtkneipe ist dagegen ordentlich was los. Dort stehen Sie als Mann aus der Großstadt auf einmal Leuten mit Spitznamen wie Kegel-Kalle, Tarzan oder Heute-ein-König gegenüber. Wie hat man Sie dort angenommen?
Sagen wir es ganz einfach: Ich habe mich sehr wohlgefühlt.

Einer sagt zu Ihnen: Dein Name steht auf meinem Arsch…
Diese Szene hat sich eins zu eins genau so zugetragen. Exakt genau so. Der Junge hatte sich tatsächlich „Dein Name“ auf den Hintern tätowieren lassen. Überhaupt ist kein einziger O-Ton erfunden, sondern ich habe einfach alles, alles, alles mitgeschrieben, alles mitaufgenommen, habe alles dokumentiert.

Die Kneipenszene ist auch deshalb so toll, weil sie so prall ist und nicht so trist, wie man das vielleicht von einer Kleinstadt in Brandenburg erwartet…
Diese Herzlichkeit hat mich schon überrascht und die Wärme. Und auch das soziale Gefüge, diese Art von Intaktheit – das ist unzeit­gemäß und unerwartet und vielleicht auch nicht typisch für den Osten Deutschlands.

Es ist in Ihrem Buch fast in Echtzeit so beschrieben, wie Sie sich da rantasten. Zuvor identifizieren Sie eine ortstypische Spezies, den Prollfighter. Was zeichnet diese Spezies aus?
Na, das ist eine etwas glorifizierende Bezeichnung für einen Typ, der mich einfach beeindruckt und den ich auch ganz gerne habe.
Ein Typ, der dreiviertellange Hosen trägt, um seine tätowierten Waden zu zeigen…
Der Haardeckel auf dem rasierten Schädel ist auch sehr verbreitet. Ich bin mir um das Gefährliche der Proll-Glorifizierung bewusst. Ich kann dazu nur für mich sagen, dass ich eine große Schwäche für das Äußere habe. Ich finde, das sieht gut aus, ganz simpel, mir gefällt das. Und ich hab irre Freude daran, das zu beschreiben.

Den Ort Oberhavel, in dem das Buch spielt, den gibt es in Wirklich­keit nicht, es gibt nur den Landkreis. Warum haben Sie die realen Zusammenhänge verschleiert?
Aus den allernaheliegendsten Gründen. Ich war mir ja unentwegt auch bewusst darüber, dass ich etwas fiktionalisiere oder dramatisiere. Dass es echte Menschen, echte Orte, echte Leben gibt, die ein Anrecht darauf hat, auch nach dem Buch und mit dem Buch weiterzuexistieren. Das ist ja nicht ganz einfach. Deswegen hab ich die sogenannten Klarnamen weitestgehend nicht verwendet. Es ist ein Unterschied, ob ich selber Namen von Orten und Menschen nenne, oder ob ich es so gestalte, dass Leser mit einem Aufwand, der vielleicht gar nicht so groß ist, selber drauf kommen können, was die echten Namen sind. Ich habe aber nie anonym oder versteckt recherchiert. Ich hab immer gesagt: „Männer, könnt Ihr das noch mal ins Aufnahmegerät sagen?“ Am Ende hieß es immer, wenn ich mit denen zusammensaß und die irgendwie merkten, wow, da liegt ein guter Spruch in der Luft: „Hol mal das Ding kurz raus.“ Und dann haben sie erst geredet. Das fand ich natürlich gut. Es ist auch unerheblich, welcher Ort das in Wirklichkeit ist. Mir geht es nicht um das Porträt von konkret dieser Stadt. Mir geht es um das Porträt einer Kleinstadt.

In dieser Kleinstadt gibt es offensichtlich einen elementaren Unterschied zwischen denen, die die Wende bewusst miterlebt haben, und denen, die danach geboren wurden. Wie haben Sie diesen Unterschied wahrgenommen?

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