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Interview mit dem jüdischen Comedian Oliver Polak

OliverPolaktip Herr Polak, wenn es nach Ihnen gegangen wäre, hätten wir Sie vorm Pandagehege im Berliner Zoo fotografiert. Warum?
Oliver Polak Weil Juden in Deutschland ein biss­chen wie Pandabären sind: Es gibt nicht mehr so viele.

tip Sie gelten als Deutschlands einziger jüdischer Stand-up-Komiker. Wie haben Sie diese Marktlücke entdeckt?
Polak Ich habe nie nach einer Marktlücke gesucht. So denke ich nicht. Ich bin jahrelang in zweit- und drittklassigen Fernsehserien herumgedümpelt und hatte parallel dazu viel mit Musik zu tun. Dabei kam es immer wieder vor, dass Leute zu mir gesagt haben: „Du bist so lus­tig, du musst mal was Eigenes machen.“ Ich fand mich zwar überhaupt nicht lustig, habe aber dann doch irgendwann Stand-up-Comedy ausprobiert, weil ich keine Lust mehr auf das Fernsehen und die Texte fremder Leute hatte. Und so bin ich raus auf die Bühne und habe gesagt: „Mein Name ist Oliver Polak, ich komme aus Papenburg im Emsland, und ich bin Jude.“ Das war die Basis, und daraus resultieren die Geschichten, die ich zu erzählen habe.

tip Sie stapeln tief. Ihre jüdische Herkunft steht doch ganz offensichtlich im Mittelpunkt Ihrer Auftritte als Komiker. Ihr neues Programm heißt „Jud süß-sauer“, und Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel „Ich darf das, ich bin Jude.“
Polak Das mit dem Buch ist eine Geschichte für sich. Irgendwann kam es zu der Situation, dass Maxim Biller mich in einem Cafй ansprach und eine Zigarette von mir haben wollte. Wir kamen ins Gespräch, und ich habe ihn gefragt, ob er Lust hätte, mal was mit mir zusammen zu machen, was er allerdings ziemlich vehement abwehrte – ich dachte fast, dass meine Mutter vor mir steht. Dann hat er sich aber tatsächlich meine Show im Quatsch Comedy Club angesehen, was ja an sich schon ein Gag ist: Maxim Biller geht in den Quatsch Comedy Club. Es gab eine blonde Moderatorin, und er fragte sofort, wer diese hässliche KZ-Aufseherin sei. Aber meine Show fand er so gut, dass er mir ein paar Tage später die Nummer des Verlegers Helge Malchow gab und sagte: „Hier, ruf den mal an, du musst ein Buch schreiben.“ Und so kam eins zum anderen.

tip „Ich darf das, ich bin Jude“, wird bei Amazon oft zusammen mit dem Buch „Der koschere Knigge – Trittsicher durch die deutsch-jüdischen Fettnäpfchen“ gekauft …
Polak Ja, das kenn ich, kann man gut durchblättern.

tip … laut Klappentext ein Ratgeber für einen „entkrampften Dialog“. Warum haben die Leute solche Angst, im Umgang mit Juden etwas falsch zu machen?
Polak Ich frage mich auch, wovor sich die Leute fürchten. Wo ist das Problem? Wenn man ein vernünftiges Wertesystem in sich trägt, muss man doch keine Angst haben, wenn man einen Juden trifft. Offensichtlich ist es wirklich so, dass viele Menschen in Deutschland noch nie einen Juden gesehen haben. Das macht sich bei meinen Auftritten oft bemerkbar. Sobald das Wort „Jude“ fällt, sind die Leute irritiert.

tip Einer der Gags, mit dem Sie ihr Publikum bisher begrüßt haben, geht so: „Okay, ich mache euch ein Angebot. Ich vergesse das mit dem Holocaust – und ihr verzeiht uns Michel Friedman.“ Glauben Sie, dass Michel Friedman das lustig findet?
Polak Das weiß ich nicht, ich kenne ihn ja gar nicht. Aber es ist mir auch egal, ich mach den Witz ja nicht, um Michel Friedman zum Lachen zu bringen. Ich meine, wenn er es lustig finden würde, dann fände ich das natürlich auch okay, und wenn er sich dann auch noch ein Ticket für meine Show kaufen würde … Aber im Ernst, auf der Bühne bewege ich mich natürlich oft auf einem schmalen Grat. Ich sehe mich da in Richtung Tokio Hotel oder Rammstein. Was ich mache, ist halt so, wie es ist, da gibt es keine versöhnliche Auflösung am Schluss. Das hasse ich so am deutschen Kabarett – da geht jemand auf die Bühne, und die Leute schmunzeln ein bisschen und haben das Gefühl, sie können sich reinwaschen. Das ist mir zu billig.

tip Ihre bisherigen Auftritte basieren größtenteils auf den autobiografischen Erfahrungen eines Juden, der in der norddeutschen Provinz aufgewachsen ist. Wie wollen Sie diesen Ansatz mit neuen Show „Jud süß-sauer“ weiterentwickeln?
Polak Die neue Show ist eine Mischung aus Stand-up-Comedy, Udo Jürgens und Kindergeburtstag. Ich erzähle Geschichten und werde dabei von Mark Scheibe und seinem Orches­ter begleitet. Es gibt Chansons, Klezmer-Musik und Mitmach-Songs, es gibt Luftballons, Konfetti und ein Iron-Maiden-artiges Bühnenbild mit überdimensionalen Schäferhunden. Ich wollte unbedingt ein Klezmer-Stück in meiner Show haben, so richtig mit jiddischen Texten, aber anders, als man es von den Kulturtagen gewöhnt ist. Außerdem gibt es ein Lied, mit dem ich dem Publikum das Angebot mache: Lasst uns alle Juden sein.

tip Wo nehmen Sie Ihre Pointen her?
Polak Aus Alltagssituationen. Mein Humor richtet sich oft gegen mich selbst, gegen meine Familie, gegen Juden, gegen Nichtjuden, gegen Gutmenschen. Bei mir kann alles einfließen: Erlebnisse aus der Jugend, Assoziationen im Fitnesscenter, seltsame Volksfeste am 9. November …

tip Wie viele Witze kann man über deutsch-jüdische Spannungsverhältnisse machen? Reicht das Thema für eine Karriere als Komiker, oder erschöpft es sich irgendwann?
Polak Ach, immer diese Frage. Wurde Mario Barth nach seiner ersten Show gefragt: „Männer, Frauen – ist das Thema nicht bald durch?“ Anscheinend ist es ja nicht durch. Und mein Thema ist ja nicht nur das Jüdische. Mein Thema bin ich – mein Leben. Die Wahrheit und der Rest. Ich bin nicht seit gestern Jude, ich hab mir das nicht ausgedacht, es ist immer schon da gewesen, das ist mein Background und auch ein Teil meiner Identität, die ich nicht ablegen kann wie einen Mantel. Natürlich könnte ich das ignorieren, es gibt ja Leute wie Hugo Egon Balder oder Ilja Richter, die auch jüdische Entertainer sind, das aber nie groß erwähnen. Bei Stand-up-Comedy geht es aber genau darum: Wenn Eddy Murphy auf die Bühne gegangen ist, dann hat er natürlich auch
thematisiert, dass er schwarz ist. Komik entsteht durch das Scheitern, durch die Zerbrechlichkeit, durch die Zerrissenheit, durch die absurden Momente. Die Geschichten muss man erzählen, und ich erzähle meine. Das ist für mich vielleicht eine Art von Vergangenheitsbewältigung, nur ohne Betroffenheit. Für mich ist das normal. Für viele andere anscheinend nicht.

tip Sie sind als einziges jüdisches Kind in einer Kleinstadt im Emsland aufgewachsen. Was bedeutet für Sie normal?

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